Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 5 (1862)
- Issue
- 29 (18.7.1862)
- Date
- 1862-07-18
- Page
- Seite 251 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2542917-2542971-2543001--2696-2546503- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
251 dueinsichtigeren Inden nnterlasscu aber nicht, in Betracht zu ziehen, das! einerseits die ein oder mehrere Menschenaltcr hindurch gchandhabte Emanzipation dem Inden auch die Pforten des sozialen Lebens öffnen werde, und daß man andererseits gegen manche soziale Unebenheiten nicht zu empfindlich sein müsse, da der aufmerksame Beobachter solchen Unebenheiten auch in christlichen Kreisen begegnet. Die nng. Aristokratie ist von jeder juiikerthümlichcii Abschließiing iveit entfernt, und die soziale Bcrschnielznng der Adeligen und Nichtadcligeu bat in den letzten Jahren bedeutende Fortschritte gemacht, ohne daß dadurch alle soziale Unebenheiten planirt worden wären. Gesellschaftliche Znstände, die im Laufe der Zeit unter Mitwirkung verschiedener Faktoren in's Leben trete», lassen sich eben nicht mit einem Zanbcrschlage ans der Gesellschaft der Menschen erbannen. Hängen diese Zustände mit vielfach begünstigten Borurtheilen zusammen, so sind sie um so schwer rer zu überwinden. Allein — chi dar», vince! Dem Inden ist die Bahn, die er zu wandeln hat, klar genug vorgczcichnet: cs ist die Bahn der Kultur in allen Lebensssären, also auch i» der Sfärc des kulturellen Lebens, wodurch die Religion auch dem vom Hrn Vrf. sögeringschätzig behandelten ״Kulnirjudcu" ein theureS Heiligthum wird, für dessen Erhaltung er begeistert ist oder leicht begeistert werden kann, und für welches er, wie die Erfahrung lehrt, mit williger Liebe opfert, duldet und entbehrt. Man glaubte bisher. daß diese Anschauungen so ziemlich von den gebildeten Inden aller Länder gethcilt werden, wofür denn auch die allenthalben hcrvortrctcndcn Knltnrbestrebungen lebende Zeugen sind. Der Hr. Brf. widerspricht aber diesen Anschaltungen entschieden und nachdrücklich. Wiewol er zngibt, daß die Juden in Frankreich auch in, sozialen Leben emanzipirt sind, hält er die socialen Zustände derselben in Deutschland für verzweifelt und unheilbar. und dieses drükkcude Gefühl läßt ihm keinen Ausweg, als — die endliche Lösung der Indensrage in dem abcnthcnerlicheu Plane der Gründung eines jüd. Reiches zu erblicken. Zum Theil erkennet er diese Abcnthenerlichkeit selber an. ״Noch kann," sagt er, ״von einer Auswanderung der Inden nach dem heiligen Lande nicht die Rede sein." Aber selbst ״nachdem der Kanal von Suez hergestellt sein wird," und ״die Interessen des Welthandels und der Politik zur Gründung von Komptoiren und Ansiedlungen auf der Straße nach Indien und China drängen werden," ״versteht es sich" auch nach seiner Meinung ״ganz von selbst, daß bei der Aufforderung zu jüdischen Niederlassungen im Orient nicht von einer allgeuieinen Auswandcrnng der occidentalen Juden nach dem Lande der Bäter die stiebe sein kann. Selbst nach der Herstellung eines modernen jüd. Staa« teü werden ohne Zweifel die relativ wenigen Inden, welche die zivilisirlen Länder des OeeiventS bewohnen, meist dort bleiben, wo sie anlässig sind. Die occidentalen Inden, welche sich eben erst mit der größten Anstrengung deil Weg zur Kultur gebahnt, und eine ehrenvolle Stellung errungen haben, werden diese Errungenschaften nicht wiederaufgeben, wenn auch die Wiederherstellung Jndaa'S mehr als ein frommer Wunsch wäre (S. 233)." Aber ״in Men Ländern, welche den Occident vom Orient scheiden, in Rußland, Polen, Preußen, Oesterreich und der Türkei, leben Millionen unserer Stammgenossen, die Tag und Nacht die inbrünstigen Gebete für die Wiederherstellnng des jüd. Reiches zum Gotte der Väter emporsteigen lassen. Sie haben den lebendigen Kern des JndenthumS, ich meine die jüdische Nation«- lität, treuer bewahrt, als unsere occidentalen Brüder, d. Alles iin Glanden der Väter neu beleben möchten, nur nicht die Hoffnung, die dieseil Glauben geschaffen, und durch alle Stürme der Zeiten hindurch lebendig erhalten hat, die Hoffnung auf die Wiederherstellnng nnsrer Nationalität. Zu jenen Millionen treuer Brüder möchte ich Hinwandern und ihnen zurufen: Trage dein Banner hoch, mein Volk! In dir ist das lebendige Korn ausbcwahrt, welches, wie die Saatkörner in den ägiptischen Mumien, Jahrtausende geschlummert, aber seine Keimkraft nicht verloren bat, und welches Früchte tragen wird, sobald die starre Hülle, in der cS eingeschlossen war, dllrchbrochc», sobald cS in den knltivirtcn Boden der Gegenwart hineul gepflanzt ist, wo Licht und Lust >,. der Than dcS Himmels belebend hinzutrctcn (S. 29. 30)!" — In dieser begeisterten und wohlgemeinten Apostrofc ist aber ein sehr bedeutungsvoller Umstand unbeachtet geblieben: Die Lust zur Wändernng nach dem Osten verspüren auch die vom Hrn Vrf. angeredcten jüd. Bevölkcrnngcn nicht, wicwol ihre bürgerlichen, politischen und sozialcn Errungenschaften denen der occidentalen Juden bei weitem nachstehen. Der Schluß, den der Hr. Vrf. aus ihren Gebeten zieht, ist sehr übereilt, da in ihren Sinagogcn keine anderen Gebete zu dem Gotte Israeli emporstcigen, als in den Sinagogcn zu Paris, London und Brüssel. Auch die Juden, auf welche Hr, H. am meisten rechnen zu dürfen glaubt, können für seine Pläne nicht gewonnen werden, weil eine noch so gcistr. Geschichtskonstrnktion. eine noch so frappante Parallele zwischen dem kosmischen, organischen und sozialen Leben (S. 85) nicht den Schall der großen Posaune, —die Verkündigung einer dritten LegiSlatnrcpoche (S. 54) nicht den Ruf des Profeten Elias, und eine etwaige Pariser Aufforderung (S. 231) nicht die Mission des Sohnes David'S zu ersetzen vermag. ״Woher kommt cS aber, daß gerade das jüd. Volk auf dem Wege normaler Entwickelung keiner nationellen Wiedergeburt fähig sein soll 's" — Dies kommt daher, weil den, jüd. Volke die zwei ersten Grundbedingungen nationaler Eristcnz abgehen: das räumliche Sil bst rat und eine gemeinschaftliche Sprache! Die Wichtigkeit dieser Bedigungen erkannte schon ein großer Patriot des zweiten Jahrhunderts, R. Mclr, der im Thalmud wegen der Tiefe seiner Einsichten hochgefeiert wird. 9t. Meie lehrte: Wer seinen bleibenden Wohnsitz im Lande Israelis hat, nicht geweihte Viktualicn in (levitischer) Rcinigkeit genießt, die heilige Sprache spricht, und Morgens und Abends daö Schema liest, fanu mit Zuversicht seinen Anthcil an der künftigen Well erwarten.') Hätte 9t. M. unter freieren Verhältnissen gelebt, so würde er wol auch die Uebung im Gebrauche der Waffen erwähnt habcn. Spinoza sagte im 17. Jahrhundert: ״Wenn die Grnndsätze ihrer (der Juden) Religion ihren Geist nicht weibisch machten, so würde ich zuversichtlich glauben, daß sie einst bei günstiger Gelegenheit, da ja die menschl. Dinge wandelbar sind, ihr Reich wieder anfrichten, uuD sich der Erwählung Gottes von nenem crsreuen werden (Theol. pol. Trakt. II.)." Die heutigen Inden trifft der Vorwurf Sp.'S nicht. Die Juden, welche in den russischen, österreichischen, prenßische», frauzösischen, italienischen, dänischen und amerikanischen Armeen dienen, würden ohne Zweifel ein sehr ansehnliches Korps bilden. Aber diese jüd. Krieger könnten weder ihren Gesinnungen, noch ihren Sprachen nach zn einer jüdisch-nationalen Armee verschmolzen werden. Was insbesondere die Sprache betrifft, so haben die späteren Lehrer die Pflege der heiligen Sprache merkwürdiger Weise nicht aus patriotischen, sondecu aus puritanischen Motiven empfohlen. R. Jehuda Ha-Naßi eiferte in Palästina, 9!. Josef b. Chijja in Persien gegen den Mischdialekt der Juden, indem jener die hebräische oder griechische, dieser die hebräische oder persische Sprache gebraucht wissen wollte. 3) Den Juden in Aleraudrien war die hcbr. Sprache so fremd geworden, daß selbst ihr hervorragendster Gelehrter, der Filosos Filo, dieselbe nicht verstand, und daß sie das Schema in ihrer Muttersprache lasen. Ein Lehrer wollte sie von diesem Brauche abbringen; ein anderer Lehrer verwies ihm dies aber mit den Worten: ״Soll der des hebräischen Unkundige das Schema gar nicht lesen? Er lese es in der Sprache, die ihm geläufig ist!" *) Die Sprachmengerei nahm überhaupt so frühzeitig über- Hand, taß die Tosifia von einem in fünf verschiedenen Sprachen ge-