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Ben Chananja · 1862-07-18 · 29 (18.7.1862) · p. Seite 247

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
5 (1862)
Issue
29 (18.7.1862)
Date
1862-07-18
Page
Seite 247 (sequence 3)
Language
German
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247 den großartigen Erscheinungen der Natur und an den Eindrücken derselben auf das menschliche Gemüth,'") so ist auch wahre Religiosität nicht zurückgeblieben, ihren Antheil daran zu nehmen. Diese Eindrücke find ebenfalls sehr früh in das Herz des Menschen gekommen. Das erste Gebet, welches sich zum höchsten Wesen aus dem menschlichen Herzen hcvorgerungen hat, ist ans solchen Eindrücken hervorgegangen. Die Vögel singen! Dies ist allbekannt. Der Eindruck ist angenehm. Man bat dies zu einem allgemeinen Gedanken erhoben. Man hat den Gesang als den Preis Gottes betrachtet. Die Vögel selbst wissen zwar nicht, waS sie singen, manche der Hörer glaubten eS aber zu verstehen. In dem Buche der vertrauten Brüder") lesen wir die Worte: ״Ein Thcil der Vögel erwacht am Morgen; sie singen und preisen Gott." Der Ausdruck ״carmen avium" (Gesang, Gedicht der Vögel) von Tibull gebraucht, darf hier gelegentlich erwähnt werden. Die biblischen Worte (Job 38, 7) als die Morgenfterne gemeinschaftlich ״anfjanchzten" rc. re. ist eine sublime Metafer. Die S p h ä reu- Mu si k von welcher P i t a g o ra ö sprach, ist es nicht minder. Letzterer Ausdruck gibt eine mehr spezielle Anschauung, die Grundidee ist übrigens in beiden dieselbe. Die ganze Natur preist Gott. Die hohem Wesen — die Engel — preisen Gott. Sie sagen — (um den talmndischeu Ausdruck zu gebrauchen) '") alle Tage Schira (Lobgesang) vor dem Throne der göttlichen Herrlichkeit (כסא הבבזד). Der eben angeführte talmudische Ausspruch darf als eine Umschreibung der früher angeführten Bibelstelle betrachtet werden. Auch Mil ton hat die Engel singend und preisend vorgeführt. 1a) Die Erde und ihre Erzeugnisse preisen Gort. Die Baume singen Loblieder.") Es ist dies ein talmndischer Ausdruck, dem nur ein Bibelverö zu Grunde liegt. Helios lenkte — wenn man der Mythologie glauben darf — einst den Sonnenwagen und in jedem Baume war eine Driade. Weder von Helios noch von den Dryaden ist jetzt etwas zu hören. Es haben sich dieselben sämmtlich mit noch vielen andern ihrer Genossen in die Handbücher der Mythologie zurückgezogen, und sie — würden gewiß vergessen sein, wenn die Kinder sie nicht lernen müßten. Der deutsche Dichter hat über das Scheiden derselaus der Welt eine Art Elegie geschrieben. In seinem allbekannten Gedicht die Götter Griechenlands hat derselbe so schön beklagt, daß jetzt nur die Phisik, die Astronomie und Chemie herrscht und daß wenig Poesie über- Haupt für die Betrachtung den Naturerscheinungen gelassen ist. Daö Perek Schirah ist seinem inner« Gedanken nach allgemein poetisch, ohne eine bestimmte poetische Form. Die ganze Natur spricht. Es ist dieses hochpoetisch. Die Sonne und die Sterne sprechen keine Astronomie und die Thierc sprechen keine Naturgeschichte. Eö ist dies alles dem forschenden Menschen Geiste überlassen. Die Sprache der Natur ף׳ ist daö Verkünden des Lobes Gottes, d. h. die Anregung, welche sie dem betrachtenden Geist giebt. Die Naturkräfte wirken heute, wie gestern, und folgen den ihnen von der höchsten Macht vorgezeichneten Gesetzen. Da in dem Perek Schirah nichts Einzelnes stchet, so hat es selbst heute, wo die Naturgesetze besser gekannt sind, als ehemals, dennoch nichts verloren. ״Schill e r s und H o m c r'S Sonne, — siehe! sie lächelt auch uns," bietet sieb zur Anwendung dar. ApulejuS in seinem so interessanten Buch ״der goldene Esel" beschreibt (gegen daö Ende des Buches) wie ihm die Natur selbst erschienen sei, und ihm inhalts« reiche Worte — wenigstens für ihn — ins Ohr gelispelt, was ihn sehr befriedigt hat. Man könnte vielleicht auch sagen, daß auch in dem Perek Schirah die Natur erscheint: nicht in ihrer Universalität, sondern in ihrer vielfach gespaltenen Jndividnalität. Daß Helios den Sonnenwagen lenkte, ist gewiß nicht wahr. Daß die Sterne singen, ist vielleicht auch nicht wahr. Letzteres stehet aber höher, weil es einen Gedanken enthält, der allgemeinen practischen Werth hat. Die universelle Natur, welche dem römischen Filosofen Gott ist, enthält — wenn man den vielgöttigen (polytheistischen) Stand- Punkt des Schreibers in Betrachtung ziehet — etwas höchst Interessantes. Daö Perek Schirah ist aus dem Bosen der göttlichen Einheit (Monotheismus) entstanden, wo die Natur nur daö Geschaffene ist, und selbstständig nichts thun kann. Es war ein großer Tag, wo der menschliche Geist die Zweckmäßigkeit der Natur als einen großen ganzen Gedanken in sich aufgenommeu har. Die Zwecklehre (Teleologie) der Natur ist ein filosofiscber Gedanke, der für eine Stütze deS Glaubens an einen allweisen Schöpfer gehalten wird. Eine Reihe von interessanten Werken sind zu diesem Behnfe geschrieben worden, welche alle sehr nützlich sind. Diese Werke sind im Allgemeinen als eine prosaische Erposition der erwähnten dichterischen Anschauungen zu betrachten. "'׳) Eö finden sich auch im T a l m u d Aussprüche, die zur Teleologie zu rechnen sind. Das Zusammentreffen maneher dieser Stellen mit Ansichten alter griechischen Philosophen gibt ihnen erhöhetes Interesse.'')

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