Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 5 (1862)
- Issue
- 28 (11.7.1862)
- Date
- 1862-07-11
- Page
- Seite 241 (sequence 7)
- Language
- German
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241 lehrten noch abhängiger, als cs die heutigen Katholiken von Rom sind. Ui» so merkwürdiger ist cs, daß schon frühzeitig Versuche gemacht wurden, die Paläftinensischc Suprematie abziischüttclu.!l) S amit ei h a - .st o h e n Jarchinai, der Astronom und persische Patriot, sprach die Absicht, dies zu thnn, ganz unverhohlen ans, ohne jedoeb durchdriugcn zu können.") Ohne sich davon beirren zu lassen, ging er doch so weit, daß er seine eigene Heimath, Persien, dem h. Lande in so ferne an d. Seite setzte, als er d. Emigration aus Persien nach einem andern Lande außer Palästina verboten wissen wollte. Sein Lieblingsschülcr, R. I e h u d a b. E z c ch i c I, der ״Scharssinnige ," Schul- Haupt zu Pinnbaditha von 250 bis 202 , ging noch weiter, und erklärte offen und unzweideutig, daß das Domizil in Persien dem in h. Lande vollkommen gleich komme, und das; cs eine Sünde sei, Persien zu verlassen, um nach dem heiligen Lande ziehen! Hr H. sicht heraus, daß schon orthodorc Rabbineu des dritten Jahrhunderts nichtpalästincnsischc patriotische Gesinnungen hegten, was ein ganz natürlicher Ausfluß der sic befriedigenden bürgerlichen Verhältnisse war. Die thalmudische GcsetzeSknnde bchandclt cs sogar als offene Frage, ob die Heiligkeit deö Landes Israeli einen cliaracter indelebilis besitze, oder mit dem Untergänge des;üd. Staates ihr Endziel erreicht habe.") Selbst über die Hciligkcitssort- Lauer der Stelle, an der der Tempel erbaut war, wird gestritten!") Die Sehnsucht nach der Restauration verträgt sich aber damit sehr gut, indem damit die Aussicht ans die Wiederherstellung aller alten nationcllcn Institutionen, also auch der ehemaligen Heiligkeit, verbunden ist. Die Orthodorie steht daher mit ihren ״patriotischen" Hoffnungen ans psichologisch norinalcilt Boden, was wir aber dem Patriotismus des Vrf. durchaus nicht nachznrühmen vermögen. DaS Wesen des PatriotiSmnS, — dies wird heutzutage von keinem Denkenden geleugnet werden, — liegt nämlich nicht in der Liebe zu den Bergen n»d Thälern, Fluren und Flüssen des Vaterlandes, sondern in der Liebe zu dessen Institutionen, infoferne dieselben dem materiellen Wohle, dem Bildungsgrade, den Sitten und Gewohnheiten, dem Ehrgefühle und den geschichtlichen Erinnerungen der Bürger in mehr oder minder vollkommencin Maße entsprechen. Die patriotische Liebe gehört daher nicht immer dem Gcbnrtölande, vielmehr widmet sie sich, wie die Erfahrung lehrt, nicht selten mit aller Hingebung einem andere Lande. Also nicht die patria naturae oder loci als solche. sondern die patria civitatis oder juris ist die Wiege des echten Patriotismus. Aber der Patriotismus ist nicht eben von dem Gcnnsse einer freien Verfassung bedingt, er kann auch ans dem Boden einer absolutistischen Herrschaft Blüten treiben und Früchte tragen, vorausgesetzt, daß die Bürger sich ans diesem Boden heimisch u. befriedigt fühlen. Dem russischen Adel war ohne Zweifel auch zu der Zeit der Patriotismns nicht fremd, wo ihm noch das Verlangen nach einer Konstitution gänzlich fremd war, und die absolutistische Herrschaft des Beherrschers aller Reußen vollkommen genügte. Der gänzliche Mangel an befried. Jstitntioncn weckt und nährt allgemeine Unzufriedenheit; theilweise Unvollkommenheit derselben erzeugt politische Partheien und spornt zu verbesserndem Fortschritte an. Politisch unterdrückte oder ausgeschlossene Volksklasscn, deneu die vorhandenen Institutionen unmöglich Befriedigung gewähren können , sind daher nur eines a n t i z i p i r c n d e n Patriotismus fähig, dessen Anstrengungen keine Schuld an das Vaterland ablragen, sondern das Vaterland zum Schuldner machen. Die Erhebung der deutschen Nation in den Befreiungskriegen war ganz gewiß eine patriotische, aber dieser Patriotismus galt nach dem Urtheile der hervorragendsten deutschen Geschichtsschreiber nicht der Wiederherstellung der voutapoleonischen, sondern der Schöpfung ganz neuer Institutionen: wenn er auch keine Michelci war. so war er doch jedenfalls antizipirend! Denselben Eharakter innß der unbefangene Beobachter, — wenn er von der nationellcn Strömung absicht, — auch in den patriotischen Kundgebungen der Nichtadcligen in Ungarn vor 1848 und besonders vor 1843 finden. Dies gilt natürlich auch von dem Patriotismus der Inden in Ungarn und in manchen anderen Ländern, wo die Verzögerung der Emanzipation ihren patriotischen Kniidgebungen den Steinpel der Antizipation anfprägt. Allein selbst dieser antizipirende Patriotismna Hai doch eine reale und solide Basis; er kennet die Jnstitntioncn, nach deren Segnnngen er ringt und strebt. Welche Jnstitntionen hat aber der Hr. Vrf. bei seinem Palästinensischen Patriotismus im Angc? für welche Verfassung begeistert er sich? welches Gesetz soll in seinem jüdischen Staate maßgebend sein? Ihn selbst genirt nur der Opfert,iltnö. Er sagt hierüber: ״Wäre der OpfcrkultuS von der jüdischen Nationalität unzertrennlich, ich würde ihn ohne Weiteres acceptiren. Aber bis jetzt, und so lange ich nicht eines bessern belehrt werde, bin iel! vom Gegentheil überzeugt. In nnserm crhabeneu Geschichtsknltns, der von Lichtschöpfnng zu Lichtschöpfung schreitet, kann der OpfcrkultuS nichts Wesentliches, nichts Jntcgrirendes sein (S. 89)." Der Vrf. bemerkt nicht, daß ihn diese Acnßernng in die Arme der von ihm so schonungslos verdammten Reformatoren führt, und auch sonst in einen unauflöslichen Widerspruch mit sich selbst verwickelt, da ihm ja nach S. 51. kein hebräisches Gebet,—also auch kein die Ncstituirung des OpferknltuS erflehendes,— verstümmelt werden dürfte! Allein abgesehen davon sind es ja nicht die Opfer allein, sondern auch die übrigen Institutionen, mit denen sich der Hr. Vrf. zurecht zu setzen hätte, da ec kaum in der Lage sein dürfte, auch nur einem kleinen Bruchthcilc derselben einen Platz in seinem Staate anznweisen. Er tröstet sich allerdings damit, daß niis wieder der ״heilige Geist" zu Thcil werden wird, ״der die Macht hat, daö jüdische Gesetz fortzubilden, und nach dem Bedürfnis! des jüdischen Volkes umzugestalten (S. 56)." Worin wird aber diese Umgestaltung bestehen? von welchen Prinzipien wird sie geleitet werden? Welche Verfassung wird ihr als Ideal vorschweben? Darauf weiß der Hr. Vers, natürlich nicht zu antworten. Und dennoch spricht er von Patriotismus!! — Der von GeschichtSknnde geleiteten Bcurthcilnng kann dieser PatriotiSnilis, dein jegliches Substrat von wirklich bestehenden oder doch mehr oder minder genau sormulirtcn Institutionen abgcht, kaum in einem andern Lichte erscheinen, als in dem Lichte einer Liebe ohne geliebten Gegenstand!— (Fortsetzung folgt.) Anmerkungen. ') Ezcch. 5, 5. 38. 12. Sanh. 37, a. Toma 56, b. Midr Echa 3, 64. Tamh. Abschn. Kadosch. S. Kasscl's Knsari S. 109. Anm. 2. 127. Anm. 3. — ף Polyb. 5, 44. v. Lengcrke Kenaan S. 24.- 3) Sifce 5 M. Nr. 152. Kidd. 69, a. — I Kethub. 111, b. 112, a. — r׳) Bcrach 44, a. Meg. 6, a. Theg. Jon. 5 M. 33, 23. (Buxtorf.) Lex. 8. v. — ") Peßach. 8 , b. — ׳) B. Bathra 158, b. B. Moz. 85, a. Raz. in K. Chem. 1. 84—87. Im Erech Mill. 216, a. hat er unterlassen, hierauf hinzuwcisen.— s) Kethub. 75, a. Menach 42. a. Erstere Stelle scheint fast ironisch verstanden zu sein. — 9) Sanh. 24, a. Zach. 11, 7. — Peßach. 113, b. — ") Nedar. 22. a. b. - ") Kcthnb 110, b. — '3) Knsari 124. Anm. 2. — ") Main,. Jschnt 13, 19. 20. Tur und Sch. Ar. 76, 3. 4. — 15) Sifre zu 5 M. 15, 7. Nr. 116. — '6) Sanh. 14, a. — Mechiltsa I. Jalk. zu Ezcch. 1, 1.— ls) Kidd. ha-Chodesch 5. 13. — '") Scs. ha- Miz. Nr. 123. d. Gebote.- ") Barach. 63, a. b. Meg. 18, b. Sanh. 26. a. — ") S. Krochmal'S Abhaudl. im Ha-Chaluz 1, 133 ff.— ") Kethub. 110, b. 111, a. — ") Ehag. 3. b. und d. Parallelst. Tos. Jcbam. 82, b. Schlgw. Jeruscha. — ") Maim. Beth. Ha-Bechira 6, 14—16. u. R. Abr. b. Dav. das. Berichtigungen. Geehrtestcr Herr Redakteur! In Nrv 3, Jahrgang 1862 Ihrer Zeitschrift findet sich in der Besprechung eines Buchcö über die Urgeschichte deS Israelitischen Vol-