Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 5 (1862)
- Issue
- 23 (6.6.1862)
- Date
- 1862-06-06
- Page
- Seite 199 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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199 LiterSrische Änzeigen. Moses Mendelssohn. Sein Leben und seine Werke. Von Dr. M. .Kayserling. Besprochen von Hermann Brill, Lehrer an der isr. Schule;1! Gc.-BeeSkerck. (Schluß?) Rührend ist es, wenn der scharfblickende Lessing, dessen Bekanntschaft M. kurz vorher machte, in einem Briefe an den erwähnten Rittcr Michaelis M. als einen Menschen, der ״wirklich" ein Jude ist, bezeichnet und entzückt ansrnft: ') ״Ich sehe ihn im Voraus als die Ehre seiner Nation an, wenn — ihn seine eigenen Glaubensgenossen zur Reife kommen lassen, die allezeit ein unglücklicher Verfolgnngsgcist gegen Leute seines Gleichen getrieben hat." Leider hatte sich Lessing nicht geirrt und diese Worte waren nur zu prophetisch; denn M., der cs frühzeitig als Pflicht erkannte, für das Jndenthilm zu wirken, unternahm schon als Hauslehrer bei dem Bcrliner Scidenfabrikanteu Jsak Bernhard (1750) die Herausgabe einer moralischen Wochenschrift unter dem Titel: Kvhclct Mnßar^): obgleich deren Inhalt rein moralische Aufsätze in hebräischer Sprache bildeten, so konnten doch nicht mehr als zwei Blätter davon erscheinen, denn — bcr Eifer der Rabbiner unterdrückte sie. So blieb denn nichts übrig, als das gebildete deutsche Publikum mit dem erhabenen Geiste der hebräischen Poesie bekannt zu machen; M. veröffentlichte Stücke aus dem Bcchinat Olam des Provcnoalen Jedaja Pcnini und die Herrliche, durch Zartheit unv Innigkeit der Empfindung, wie durch vollendete Rundung des Ausdrucks und der Form unübertroffene Elegie R. Jehuda Ha-Lcvi's, Zion, von der Göthe behauptet: ״es ist eine Gluth der Sehnülcht in dieser Elegie, wie in wenig Gedichten," in trefflicher Uebersetznng, welche in der von seinem Freunde Müchler redigirten Zeitschrift erschienen. War das ein ״Vergehen" gegen das Jndenthum und die Juden? Sollte sich M. etwa in nutzlose Fehden, in rabulistischc Hahuenkämpfe verwickeln? Haben die starren Bnchstabenknechte in ihrer Omnipotenz doch dreißig Jahre nachher die epochemachende liebersetzung der Thora. welche nach dem Anssprnche eines unserer verdienstvollsten Theologen, das dreifache Verdienst hat, daß Mzuvorderst dem zurückgedrängten Sprachstudium Bahn brach, aus den gesunkenen Geschmack veredelnd wirkte uud den Sinn für den natürlichen Wortverstand der Bibel von neuem weckte"), fast einstimmig in den Bann gethan! Es bedurfte einer übermenschlichen Ruhe, einer unbegränztcn Hingebung für die heil. Sache, um diesen Donnerkeilen Trotz zu dieten. wiewohl es ihm ein Leichtes gewesen wäre, seine ihn verketzernde» Widersacher zum Schweigen zu bringen; denn der dänische Staatsrath v. Hennings war bereit den unduldsamen Rabbi zu Altona des Landes zu verweisen und der einflußreiche Sonnenfels, der Günstling Josefs II, war im Begriff dem Prager Rabbi eine strenge ״Admonition" zu erthcilen und ihm das Handwerk der Ketzermacherei zn legen; doch M. verschmähte es, den weltlichen Arm der Gerechtigkeit zur Schlichtung religiöser Fragen anznrufen — ein Verfahren, das unsere modernen Zeloten ad notam nehmen dürften. So ausführlich der geehrte Verfasser die Uebersetznng des Pentatenchs und das Verhältuiß M.'ö zu N. H. Wessely und Sal. Dubno behandelt, so rasch überhüpft er eine andere vielfach venllilirte Frage. Zu Anfang des Jahres 177 l hatte der Secretär der königl. Akademie der Wissenschaften zn Berlin M. als ordentliches Mitglied der philosophischeii Klasse propvnirt; die gelehrte Körperschaft war mit dieser Wahl einverstanden , aber sic bedurfte auch der Bestätigung des Königs. Diese ließ gar lange auf sich warten. Daß Friedrich II., der mit der bekannten Phrase: ״In meinem Lande kann Jeder nach seiner Fagon selig werden" de» Thron bestieg und in einer Anwandlung von philosophischcr Laune sagte: ״Ein Mensch, der die Wahrheit sucht und liebt, muß Werth gehalten werden" gegen den Inden Mendelssohn eingcnommen war und deshalb M.'s Namen aus der Ealldidatcn-Liste strich, nennt Hr. K. eine vage Vermnthnng; gestützt aus den jüngst veröffentlichten Varnbag cn'schen Briefwechsel beweist er, daß die Kaiserin Katharina II. von Rußland, die Verfasserin einer russischen Erzählnng ״Ehlora Czarcwitz" bei der damaligen Wahl aufgeuommen zu werden wünschte, und cs ist erklärlich, daß die philosophische Klytemncstra, deren Freundschaft der König in der ein Jahr später vorgenommenen Thcilung Polcn's gar sehr bedurfte, dem kleinen armen Juden vorgezogen wurde — also politische Motive seien es gewesen, die M.'S Aufnahme verhinderten. Aber wie kommt es denn, daß auch aus der später entworfenen Liste, nachdem die nordische Semiramis bereits als Mitglied fignrirte, M.'S Name durch Sr. königl. brandenbnrgischcn Majestät ״höchsteigne" Hand gestrichen wurde? und wie hätte denn M. selbst an seinen Freund Homberg ') berichten können: ״besser die Akademie hat mich approbirt und die Majestät als untüchtig erklärt, als wenn letztere mich für würdig hielte und die Akademie mich verworfen hätte?" Uns scheint vielmehr die Behauptung Varnhagen'S eine ״vage Vermnthnng?' denn der preußische Gchcimrath war trotz seines vornehni diplomatischen Tones nicht viel klüger als andere Leute und wahrscheinlich wollte er seinen ״alten Fritz" ä tout prix von dem Flecken einer so bornirteu Intoleranz rein waschen; aber es ist ja männiglich bekannt, daß Friedrich II. seine jüdischen Nnterthanen systematisch aussog und sich in dieser Beziehung das ihm von dem Historiker Preseott erthcilte Epitheton ״Weftgothc" nur zu sehr verdient machte^); weshalb sollte er einem Hebräer die Ehre eines Akademikers gönnen? Ein würdiges Seitenstück zu dieser Engherzigkeit bildet der Umstand, daß man noch in nnseru Tagen im Staate der ״Intelligenz" Bedenken trug, dem um Förderung und Veredelung der deutschen Litteratnr so hoch verdienten Israeliten eine Ehrcnstellc auf dem Friedrichsnzonumeme zu Berlin, wo sich auch Kant und Lessing in baS-rclief befinden, cinzuräumen; oder trug auch diesmal der ״russische" Einfluß Schuld daran? uun, das wäre allerdings auch nur eine ״vage Vermnthnng;" es war ein wie das andere Mal — preußisches Philisterthu m. Der Verfasser hat es bei aller Ausführlichkeit vermieden, sämmtliehe Papierschnitzel M.'S abzndruckcn, wie denn nicht selten unsere heutigen Biographen per longuni et latum jeden Wäschzettel und jede Einladungskarte ihres Helden dem lcscgierigen Publikum auftischen, daö sich schließlich frendig verwundert, daß ״auch Er" wie jeder Adamssohn seine alltäglichen Freuden und Leiden hatte. Wir haben Gelegenheit, durch die intimen Briefe an Nicolai, Elise Reimarus, Elkan Herz u. A. in die gehcimnißvvlle Wcrkstätte eines edlen Geistes, eines reichen Gemüthes Blicke zu thuu. Zitate sind da unvermeidlich, doch sit venia verbo — sollte das Mein und Dein strenge geschieden werden; oder ist es etwa einem Autor von den Verdiensten des Dr. K. angemessen, abzn schreibe n ohne die Quelle namhaft zu machen, oder durch einige unschuldige ״Haseuöhrcheu" auch nur anzudeuten, daß man die Münze in fremder Werkstätte ausgeprägt? Wir lesen z. B. Seite 25 Folgendes: ״Jetzt erst entfalteten sich M.'S Anlagen, denn es ist mit der Entwickelung des Geistes, wie mit dem Frühlinge des Jahres; wenn nur erst Ein warmes Lüftchen weht, Eine Quelle rieselt, Eine Knospe schwillt zuckt der Frühling bald auch durch die ganze Natur.? ') Sd. vor. Nro.