Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 5 (1862)
- Issue
- 22 (30.5.1862)
- Date
- 1862-05-30
- Page
- Seite 188 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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188 vor Hervorrufung der Dinge ans der Kraft zur Wirklichkeit gar keine Zeit gab; denn die Zeit ist ja keineswegs ein reales Etwas, sondern bloß das Maaß für die bestehenden Dinge 3) — solange es keine Erscheinungsdinge gab, gab'S auch natürlich kein Maaß derselben, da die Zeit eben nur ein Accidenz ist." l) ״Als es nun in der reinen Idee (GotteS) aufstieg, die Dinge in das reale Sein zu rufen, da stärkte er die unwahrnehmbare Form, sich zu erheben und mit jenem Glanze zu bekleiden, den die Hyle nicht berühren kann (jene Form bildet das Wesen der Engel, Serafim und Seelen und überhaupt alles dessen, waö zur Oberwelt gehört). Und wie sie nun so dastand in ihrem strahlenden Glanze, da strömte ihr Licht auf die zur Verbindung mir der Hyle geeignete Form über, und stärkte sie zu dieser Verbindung auf den Befehl Gottes. Nun verband sich die letztere Form zuerst mit dem reinen Theil der Hyle, und zwar eine feste, bleibende Verbindung, bei der kein Wechsel und keine Transformation stattfindet — und daraus gingen die Himmelskörper hervor. Sodann verband sich diese Form mit dem trüben und beflekten Theil der Hyle, aus welcher Verbindung alle Körper dieser untern Welt hervorgingen, welche sämmtlich unaufhörlich ihre Formen wechseln, obschon ihre Grundbestandtheilc, nämlich die 4 Elemente, stets dieselben bleiben." ״Diese ganze filosofische Schöpfungstheorie wirst du bei einigem Nachdenken mit den Worten unserer Thora vollkommen übereinstimmend finden, so daß sie dir wie eigens aus dieser Weisheitöqnelle geschöpft erscheinen wird. Denn was die Filvsofie Hyle und F o r m nennt, welche beiden schon vor der Weltschöpfung in der Kraft vorhanden waren — das nennt die Bibel: Tohu wa-Hohu. Und daß diese beiden schon vor der Schöpfung eristirten, ist ansdrücklich besagt: ״Die Erde war (vor ihrem Heraustreten ins wirkliche Sein) lohn wa-bvhu." Vergleichst du den filosofischen Begriff der Hyle — als ein Etwas, das weder Gestalt und Form, noch reales Sein besitzt — mit dem biblischen Wortbegriff Tohu, dann findest du die vollkommenste Uebereinstimmung. Denn auch das hebräische תהו bezeichnet ein Etwas, das keine Form, Gestalt, Realität und Selbständigkeit besitzt, so daß תהו und היולי adäquate Begriffe geben. — Wir definirten ferner die Form als ein Etwas, dem die Fähigkeit innewohnt, der Hyle ein aktuelleS Sein zu geben; nun entspricht diesem Begriffe der biblische Ausdruck בהו, zusammengesetzt auS den Wörtern בו הו — durch ihn ist es, eine Bezeichnung für die Form, der die Hyle ihr Sein verdankt." 5) Wir wollen unserm Autor, Abraham b. Ehija Albarg'eloni, in seinen Auseinandersetzungen hier nicht weiter folgen. Es schien uns wichtig, seine Ansicht anzuführen, weil Albarg'eloni der erste jüdische Religionsfitosof ist, der es offen ausspricht, daß dem SchöpfungSakt ein Substrat vorausging, das in einem sogenannten potentiellen Sein sich befand, bis zn dem Momente, wo Gott dasselbe aus der bloßen Kraft zur Wirklichkeit hervorrief. Bevor wir nnS nun zu dem größten Lichte der Svnagoge wenden, dessen Strahlen heute noch zu uns herüberleuchten in wunderbarem Glanze — zu Mose ben Maimun, um bei seinen Ansichten über die Frage, die in dem gegenwärtigen Artikel uns beschäftiget, etwas länger zu verweilen, wollen wir noch zuvor in Kurzem zwei Männern gerecht werden, die in der jüdischen ReligionSfilosofie ebenfalls ein Blatt einnehmen. — Josef Ibn - Zadik ist der eine. In seinem aus dem Arabischen übersetzten Werkchen Olam katon ''׳) bemüht er sich, mit Hilfe der in seiner Zeit gangbaren Vodersätze nachzuweisen: ״Daß die Welt erschaffen worden sein müsse;" ״daß nichts sich selber erschaffen könne," und ״daß Gott die Welt weder aus Etwas, noch in Etwas (im Raume oder in der Zeit), noch mit Etwas (mit Hilfe der Ideen) noch für etwas (wie z. B. die Thüre des Hauses wegen gemacht wird, da in diesem Falle die Welt eines Dinges wegen, das schon vor der Schöpfung war, erschaffen worden wäre), und endlich noch auf Etwas (auf einem Substrate) geschaffen habe." ד) Der Zweite, dessen wir hier noch vor Maimuni gedenken wollen, ist Abraha m Jbn-Daud. 8) Daß Gott die Welt aus einer Urmatcrie heraus erschaffen, steht ihm über jeden Zweifel, da eine Uebersicht aller Naturdinge uns nothwendiger Weise auf die Annahme einer allen gemeinschaftlicheu Urmaterie hinleitet. Wie sich jeder Werkmeister zuerst den Stoff zu seiner Arbeit herbeischafft, so habe auch Gott zuerst die Urmaterie erschaffen, aus der sodann die absolute Körperform (צורת גשם משולח) und aus dieser dann die vierfache Elementarform in Reihenfolge hervorging. Hiermit jedoch bekennt sich Jbn-Daud keineswegs zu der sögenannten platonischen Hyleologie, da nach dieser die Urmalerie als unerschaffen, anfangölos und ewig wie Gott selder gesetzt wird. Und selbst von der so eben entwickelten Ansicht Albarg'eloni's weicht er wesentlich ab. Denn jener erklärte, wie wir sahen, die Hyle, ebenso wie die Form, als vorweltlich, d. h. schon vor dem Schöpfungsakt in potentia eristirend. Nicht also Jbn-Daud, der sich gegen eine solche Ansicht nachdrücklich verwahrt. Eine solche Annähme erscheint ihm ein Eingriff in die Machtvollkommenheit Gottes. ״Ich behaupte keineswegs, so lauten dessen eigenen Worte, daß Gott wirklich eine formleere Materie schuf, die er erst später mit Körperform begabte; denn Alles, was Gott erschafft, ist in Absicht und Zweck völlig bestimmt, so daß wir nicht sagen können, er habe etwas seinem Wesen