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Ben Chananja · 1862-04-18 · 16 (18.4.1862) · p. Seite 142

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
5 (1862)
Issue
16 (18.4.1862)
Date
1862-04-18
Page
Seite 142 (sequence 10)
Language
German
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142 und geschätzten ״Neuzeit" die in ihrer guten Absicht, den Frieden in den israelitischen Gemeinden zu erhalten, alles aufbietet, um die bisherige Usance der M6-M6I6 Kopfbedeckung im Gotteshause zu wahren, und in Schutz zu nehmen (s. das Blatt Nr. 10, vom 7 Marz l. I.) Wir erlauben unö dagegen die ergebene Bemerkung, daß die Idee der Gleichförmigkeit der Kopfbedeckung nicht von uns, sondern von unser» frommen Urvätern herrührt, die selbst die Tracht von der jedesmaligen Mode der Zeit entlehnten, wie sie bei stattlichen Personen im Mittelalter als Hänbelbrcttel auf dem Haupte und seidener Mantel auf dem Nucken und in späterer Zeit als Chevalier-Hut und schwarzer Frack an voguc war; nur haben unsere Väter, um dem Vdrwurfe des (ה״הג) oder unjüdischen Gebrauches zu entgehen, immer diejenige Mode unserer christlichen Mitbrüder angenommen, die schon nahe daran war, eine abgekommene zu heißen; und wir haben diese Sitte in unserm Erposo (S. 4.) nur darum angeführt, um darzulegeu, daß unsere Väter die gute Absicht dabei hatten, den grellen Aublick der verschiedenen Kopfbedeckung im Gottcshause zu mildern; sie haben damit nach der Anschauungsweise ihrer Zeit wahrlich keinen so sehr schlechten Geschmack verrathen. Bei den Frauen — um der diesfälligen Bemerkung des Nezenensenten zu begegnen —■ ist aus solche Dinge nie Rücksicht genommen worden, weil sie eigentlich am Gottesdienst keinen thätigen Antheil nehmen. Es wurde bloß die thalmudische Ansicht, daß ein züchtiges Frauenzimmer nie in bloßen Haaren gehen oder erscheineinen solle, anerkannt, und diese Sitte hat nicht allein unter den Juden, sondern auch bei aller Welt Geltung erlangt; hieraus folgt, daß selbst bei nnsern christlichen Milbrüdern daS Erscheinen einer gesitteten Fra» mit bloßen Haaren in der Kirche nicht sehr gut geheißen, während bei den Männern das Entgegen gesetzte gefordert wird. Der Magyar, der Slave kennt in der Kirche keinen Kalpak und keine Casice; in der Kirche waltet nur das Reinmenschliche. Nachdem wir nun dieses voraus geschickt, bleiben nur noch 2 Fragen zu beantworten übrig: 1-tens. Ob wir Männer des jüdischen Glaubens die Gleichförmigkeit in Tracht und Kopfbedeckung gleich unfern Vätern und zwar nach der Zeitmode im GotteShause beibehalte», oder davon ganz abgehen? 2-tens. Ob wir einfach die morgeuländische Sitte des bedeckten Hauptes oder die abendländische des entblößten Hauptes im Gotteshanse annehmeu? Diese zweite Frage wird, sobald die erste beseitigt ist, vom psychologischen Standpunkte leicht gelöst sein. Es ist nicht zu bestreiten, daß die abendländische Sitte in unser Fleisch und Blut übergegangen. Und wer kann auch diese Metamorphose der vom Orient stammenden Juden im Abendlande läugnen? Wir weisen überdieß jeden verelirlichen Leser auf unfern Aufsatz vom Jahre 1859., den unsere Eingabe erwähnte, nochntals hin. Den Einwand, daß im GotteShause der Jude Jude, respective Morgenländer und kein Abendländer sein soll, müssen wir, so sehr wir die Belehrungen und Erkenntnisse eines so vorzüglichen Blattes wie die ״Neuzeit" eS ist, beachten, leider als einen nicht gehörig motivirten bezeichneu. Der Jude müßte nur, gleich dem römischen Janus, zwei Köpfe haben: außer dem GotteShause einen abendländischen, und im GotteShause einen morgenländischen, während im Herzen desselben doch nur solche Gefühle auftauchen, die ihre Quelle in den abendländischen Sitten haben. Gibt man nun zu, daß die Stellung des Betenden im Gotteshanse eine devote, eine ehrerbietige sei, so kann diese Devotion, diese Ehrfurcht nur durch das Entblößen des Hauptes sich bekunden, weil wir hiezu von dem Gefühle der Schicklichkeit nach abendländischer Auffassung gedrängt werden. Der 2-te Einwand, daß dann ein frommer Jude niemals einen Hut aufsetzen dürfte, weil Gott allgegenwartig sei — findet darin seine natürliche Widerlegung, daß der fromme Christ auch nur bei Feierlichkeiten und in der Kirche das Haupt entblößt, abgesehen davon, daß die Menschen schon durch ihre häuslichen oder sonstigen Beschäftigungen von solchen hyperpietisttischen Betrachtungen abgezogen werden müssen. Die Wahrnehmung, daß die gütige Vorsehung Allem, was auf natürlichen Wege sich gestaltet hat, gewöhnlich nicht störend entgegentritt, und seine weitere Entwicklung nicht hemmt, gibt uns den Fingerzeig, dem nachzuahmen, und nicht auf gewaltsame Weise dem von abendländischer Sitte ganz durchdrungenen europäischen Juden wegen einer kurzen Zeit, die daS Gebet im Verhältnis; gegen seine übrigen Verrichtungen in Anspruch nimmt, einen morgenländischem Gebrauch aufzupsropfen. Uber kurz oder lang muß der obwaltende Streit zwischen unserem Gefühle für Schick׳ lichkeit und der berührten Usance ein Ende nehmen, möge dagegen noch so sehr geeifert werden! Ohnehin wird heute zn Tage dieser Gebranch mehr ans Bequemlichkeit und Gewohnheit, als ans wahrer religiöser Anregung von den Besuchern des neuen Tempels beibehalten; nicht etwa als ob sie der letzter» nicht fähig wären, ׳ondern weil ihr Gefühl gerade im Widerspruche mit der bisherigen Usance stehet. Wir nahmen dabei nicht den ästhetischen — wie man unö zum Vorwurfe gemacht — sondern den psychologischen Standpunkt ein; nur bei der Gleichförmigkeit der Tracht als Sitte unserer Urväter sind wir, falls diese zum Princip angenommen wird, dem Schönheitssinne auch gerecht geworden. Trotz dem Allen wollen wir in dieser Hinsicht keinen Zwang ausüben. Da bewahre uns Gott dafür!

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