Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 5 (1862)
- Issue
- 12 (21.3.1862)
- Date
- 1862-03-21
- Page
- Seite 106 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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106 erzählenden Thatsachen als Augenzeuge beigewohut, so daß er sich zu einer auSführlichern Darstellung berechtiget glaubt. ES war im Spätsommer 1827, am Sauerbrunnen zu Biloves in Böhmen, als mir D. im Vertrauen eröffnete, daß er auf daö erledigte Rabbiuat in Kolliu reflektire. Während der vierwöchentlichen Kurzeit brachten wir — ich war meines Lehrers bcgleitcr — jeden Sabbat in Nachod zu, wo D.'ö Deraschas die Gemeinde entzückten, und vor unserer Abreise sich alt und jung herbeidräugtc, um von den verehrten Rabbi gesegnet zu werden. Nach einem zweitätigen Aufenthalte in Smidar, im Hause eines .alten Freundes D.'S, Namens Winternitz, langten wir Mittwoch Abends in Kollin an, wo wir in dem angesehenen Dub'schen Hause abstiegen, und wo sich sogleich zahlreiche Besuche eilifaudeu. Die Rabbinatöangelegenheit wurde schon am ersten Abende in leisen Anspielungen zur Sprache gebracht. Nach der am Sabbate abgehaltenen Derascha versammelte sich die Gemeinde-Nepräsentanz, nach deren Sitzung die Vvrsteherden einstimmig Gewählten mit dem Rufe יהי אדוננו רבנו begrüßten. D. gab seine Einwilligung nicht unbedingt. Der Vorstand sollte zuvörderst die ganze Gemeinde befragen, er wollte die Meinung seiner Gattin einholen. Die Zustimmung jener erfolgte Sonntag, die letzterer sogleich nach der Ankunft in Trebitsch. Hier geschah alles mögliche, um den verehrten Seelenhirten von seinem Entschlüße abzubringcn. Noch beim Abzüge wurden die Seile des Gespannes zerschnitten! — Der gerührte Rabbi sprach noch unter freiem Himmel beschwichtigend zu der versammelten Gemeinde, und ertheilte derselben zum letzten Male seinen väterlichen Segen. Ungetheilt, wie die Trauer in Trebitch, war der Jubel in Kollin, wo D., nachdem er zwei Monate vorher den von Bernhard Schlesinger in blühendem hebräisch abgefaßten Vokativnsbrief erhalten hatte, am Chanukkasabbath 1828 seine AntrittS-Derascha hielt. Die gehobene Stimmung seiner Zuhörer benützte der edle Lehrer zu einer eindringlichen Aufforderung, den Armen in der Gemeinde in dem strengen Winter mit allen Kräften unter die Arme zu greifen. In der nächsten Woche ging er, von einem Vorstand-Mitgliede begleitet, von Thür zu Thür, um für die Nothleidenden zu sammeln. Dankend übernahm er die Gaben des Neichen und die Pfennige des Ärmern. Geber waren alle gewesen, die Empfänger waren ihm allein bekannt. Nur an einer Thür klopfte er nicht an; an der Feit Lichtenbergers, welcher seit vielen Jahren des SabbathäismuS verdächtiget wurde, den also der Rabbiner nicht besuchen konnte. Derselbe durfte noch unter D. die Synagoge nicht betreten; nur in der Vorhalle konnte er dem Gottesdienste beiwohnen, wiewohl er sonst zu jener Zeit in sozialer Beziehung eine geachtete Persönlichkeit war. Von der Mitte des Monates Thamuz bis zur Mitte Ab'ö war er regelmäßig abwesend, nud eS hieß in Kollin, daß er mit seinen Genossen in Prag heimlich die hohen Sabbathäischcn Feste feiere, welche bekanntlich in jene Zeit sielen. Ich selbst habe ihn zu wiederholten Malen gesprochen, ohne sektirerische Tendenzen zu entdecken. Einmal nur sprach er von der Spiritualität des höchsten Wesens und von den drei Engeln, welche dem Patriarchen Abraham erschienen, auf eine mich sehr befremdende Weise, so daß ich mich veranlaßt fühlte, dem Rabbi die vernommenen Äußerungen zu referiren. Von Stunde an ward mir der Besuch L.'s untersagt! Meine Erinnerungen reichen bis zum I. 1830, wo ich mich von der Kolliner Jeschiba und von meinem unvergeßlichen Lehrer trennte, mit bedeutenden thalmudischen Kenntnissen im Kopfe und dem Entschluß im Herzen, als Nabbiner dem Vorbilde meines Lehrers zu folgen. Die göttliche Vorsehung hat eS anders gefügt! Ich bin ein einfaches Mitglied meiner Gemeinde, und habe in meinem Berufe ohne Vergleich mehr mit arabischen Ziffern zn thun, als mit dem Thalmud und dem Schulchan Aruch! DaS Gedächtniß deS verewigten Lehrers ist mir aber, wie ohne Zweifel allen seinen Schülern, ein unaussprechlich thenereö geblieben. In den letzten Jahren seines Lebens hatte er mit körperlichen Leiden viel zu kämpfen; von schwerem und drückendem Familienknmmer war er auch in frühem Jahren oft heimgesucht worden. Er trug die Prüfungen des Lebens mit frommer Hingebnng und Geduld. In den letzten Lebensjahren war ihm, wie ich von glaubenSwürdigen Freunden weiß, nichts schmerzlicher, als die Abnahme seiner Jeschiba. Sein Jugendfeuer schien wieder aufzulodern, wenn er von seinen Schülern aus der besseren Zeit Nachrichten erhielt, oder um Rath gefragt wurde, lieber die letzten Tage seiner Pilgerschaft berichtet seine würdige Tochter: Am 1-ten März 1837 begab er sich mit den Dajjauim in die Mühle, wo das Peßachmehl bereitet werden sollte, und machte hierauf eine Spazierfahrt im Freien. Nach seiner Heimkunft besuchte er die Synagoge, und schrieb Abends einen zwei Bogen umfassenden Brief an seinen Freund, deu Jungbunzlauer Rabbiner Isaak Spitz. Der Brief muß eine sehr wichtige oder doch sehr dringende Angelegenheit betroffen haben, da er noch um 11 Uhr des Nachts für die Expedition desselben Sorge trug: Um 12 Uhr wurde er durch einen Brustkrampfaus dem ersten Schlummer geweckt, und die herbeigerufenen Aerzte erklärten den Zustand für bedenklich. Am darauffolgenden Tage trat eine Linderung ein, und am 3. März schrieb der Patient, der sich aus der drohenden Gefahrvollkommen gerettet glaubte, eigenhändig Briefe an seine sechs Kinder. Am 4. März, einem Sabbate, war er außerhalb des Bettes, ließ in seinem Zimmer den Gottesdienst abhalten, und sprach die ברכת הוראת יהיר. Er war sehr heiter, und unterhielt die Gesellschaft, die sich bei ihm eingefunden, in