Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 5 (1862)
- Issue
- 12 (21.3.1862)
- Date
- 1862-03-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage zum ״Ben Chananja" Nr. 13 .Biofltafifdjcs. 11. R. Joachim Deutschmann. Von Josef T o in l e r. Biografien hervorragender Männer werden ans mannigfaltige Weise geschrieben. Oft führt Pietät die Feder des Biografen, oft geht dessen Streben dahin, ein Muster und Borbild aufzustellen. In beiden Fällen schleichen sich Ungenauigleiten ein, und wird im Interesse der Glorifikation manches verschwiegen, manches beschöniget. Nachstehende Skizzen sollen rein objektiv gehalten sein, und dem Leser ein trencs Lebensbild vorführen. Unsere Schilderung wird bei vielen älter» Freunden Ben Chananja's angenehme NeminiSzenzen aus der Jugendzeit wecken, dem jünger« Geschlechte wird fie Zustände und Bestrebungen vorführen, die heutzutage nicht mehr Gegenstand unmittelbarer, lebendiger Anschauung sein können. Die Kunde der von uns erzählten Thatsachen verdanken wir zum Theile den schriftlichen Notizen einer würdigen, noch lebenden Tochter des seligen Rabbi, theilS den Erzählungen, welche wir ans dem Munde desselben gehört haben, theils unserer eigenen, persönlichen Anschauung. Wir glauben daher, auf die Theilname der Freunde biografischer Schilderungen rechnen zu dürfen. I. Deut sch mann's Kindheit. .mir! הזהרו בבני עניים שמהם תצא Schon daö Alterthum hat den Erfahrungssatz aufgestellt, daß Kinder armer, hilfsbedürftiger Eltern oft zu den vorzüglichen Trägern der Thora gehören. Die LebenSbeschreibringen der meisten Korifäen des neuern Jsrael'S beginnen mit dem Berichte, daß dieselben in der Hütte der Armnth das Licht der Welt erblickten. Mit diesem Berichte müssen wir auch die Schilderung des Lebenslaufes unseres Deutschmann beginnen. Dessen Eltern, R. Mosche und sein treues Weib Edl, waren sehr rechtschaffene, fromme, aber sehr unbemittelte Leute, die sich nothdürftig vom Kleinhandel ernährten, und mit aller Gewissenhaftigkeit für die erste Erziehung ihrer beiden Knaben, Joachim und Isaak, sorgten. Ersterer wurde am 7. Adar 1760 zu Reichenau in Böhmen geboren.?081 ovontum erzählte die Reichenauer Chronik, daß die körperliche Vollreife, mit welcher I. nach siebenmonatlicher Schwangerschaft der Mutter zur Welt kam, den Nachbarinen sogleich die Profezeiuug entlockte, der Neugeborene werde gewiß ein ״Gadol be-Jörael" (großer Schriftgelehrter) werden! Unser Joachim sollte schon frühzeitig die harte Schule bitter» Elendes durchwachen. Als zehnjähriger Knabe stand er am Grabe seiner zärtlichen Mutter, ein Jahr später entriß ihm die Hand des unerbittlichen Todes seinen treuen Vater. Und als wollte ihn daß Geschick mit seinen härtesten Schlägen zu Boden werfen, verzehrte die Flamme eines in der Nachbarschaft auSgebrochenen Feuers die Hinterlassenschaft seiner Eltern. Die Habseligkeiten, die ein Raub der Flammen wurden, waren allerdings unbedeutend; der elternlose Knabe fühlte aber durch den erlittenen Verlust um so tiefer seine Armnth und Hilflosigkeit. Joachim und Isaak kamen nun zu ihrem Großvater, welcher Wittwer war, sich jedoch in Rücksicht auf oie Erziehung seiner Enkel verehelichen wollte. Er machte zu diesem Behufe eine Reise nach Nachod, erkrankte aber sogleich nach seiner Dahinkunft, und starb nach einigen Tagen. So wurde Joachim zum zweitenmale seiner irdischen Stütze beraubt. II. D e u t s ch m a n n'S I ü n g l i n g s a l t e r. כי לא אלמן■ ישראל. Mildthätigkeit ist das Erbgut Jörael's. Wenn Neid, Haß und Spott unserm Stamme jede bessere Eigenschaft ftreitig machen, diese Erbtugend unserer Väter können sie uns — Angesichts der täglichen Erfahrung — nicht absprechen. Der vielgeprüfte, außerhalb seines Ghetto's stets wundgehetzte Jude hatte Herz für fremdes Leid, theilte sein oft von Thränen beneztes Brod gern mit den Bedürftigen, und half liebevoll wie und wo er konnte. Auch an unserm verwaisten Joachim bewährte sich die jüd. Wohlthätigkeit. Er fand in Reichenau Unterstützung und Unterricht, bis er Bar Mizwah wurde. Mit der religiösen Reife erlangte er, wie viele begabte Knaben jener Zeit, auch die Reife für die Jeschiba. lieber die Wahl der tbalm. Hochschule konnten die Gönner J.'s keinen Augenblick in Zweifel sein. Seit beinahe zwei Jahrzehnten lehrte R. Ezechiel Landau in Prag! Er war die größte thalmudische Autorität der Zeit; von weit und breit strömten Jünglinge und selbst reife Männer herbei, um seines Unterrichteö theilbaftig zu werden. Der wißbegierige und begabte Joachim fühlte sich hochbeglückt, als sich die Aussicht vor ihm öffnete, ein Prager Bachur zu werden. Mit den nothwendigen Kleidungöstücken und einem Zehrpfennig versehen, reiste er im Frühjahre 1774 nach der Hauptstadt Böhmens, dem Zielpunkte seiner Wünsche, seiner Wiß- und Ehrbegierde. Die Vorlesungen der damaligen Schulhänpter waren eigentlich dialektische Abhandlungen über thalmudische Themata. Um dem Vortrage eines so großen Meisters, wie R. Ezechiel war, mit klarem Verständnisse folgen zu können, mußte der Zuhörer sich mit dem Thema genau vertraut gemacht haben