Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 5 (1862)
- Issue
- 6 (7.2.1862)
- Date
- 1862-02-07
- Page
- Seite 48 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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48 champ. Im Jahre 1824 wurde er Direktor der Konfistarialschule zu Paris, welche durch sein umsichtiges und rastloses Wirken einen neuen Ausschwung nahm. Nachdem er sich während der ersten 5 Jahre seines Domizils in Paris mit verschiedenen pädagogisch- und filologisch-litcrärischen Arbeiten beschäftiget hatte, begann er 1829 die Herausgabe der französischen Bibel, welche er dem Herzog von Orleans, nachmaligem König Ludwig Filipp, widmete. Das Werk wurde im Jahre 185-1 vollendet. Dasselbe ist sowol wegen seiner Nebcrsetzung und des lehrreichen und anregenden Kommentars, als auch wegen der Zugaben sehr schätzbar, mit welchen es Munk, Tcrgucin, Gerson Lflvy, Dukes und Andere bereichert haben. Im Jahre 18-10 gründete er die viel verbrcitctcn ArchiveS JsraelitcS, deren Leitung im vor. Jahre sein ältester Sohn, Herr Isidor Cahen, übernommen hat. C.'s Leichenbegängniß fand am 0. v. M. statt, und waren bei demselben alle Kulte und Stände repräscntirt. Vor dem Einzuge in den Gottesacker sprach Herr Albert Cohn an dem Sarge seines Kollegen in dem WohlthätigkcitS-Komitö. Er sagte unter Andcrm: ״Wie die Mehrzahl von uns im Ghetto, an der Grenze zweier Epochen geboren, liebte S. Cahen die alte Zeit, all die frommen Gewohnheiten, Alles, was das Leben unserer Väter heiligte und demselben eine höhere Weihe verlieh; als Kind der Neuzeit ließ er die edlen Eingebungen der modernen Ideen aus sich einwirkcn, und suchte dieselben mit der Wärme des religiösen Gefühls zu befruchten." Aus dem Gottesacker sprach Herr Jesajas Schmoll, Advokat am kaiserl. Gerichtshöfe, ein Neffe C.'S, im Namen der trauernden Familie. Am offenen Grabe hielt Herr Grandrabbin Isidor eine Leichenrede. Anknüpfend an die Worte der Sidra: ויהי ידיו אמונה עד־ ״ בוא השמשSeine Hände blieben redlich und erhoben bis zum Untergange der Sonne" schilderte er den Lebenslauf und die Verdienste des Verblichenen, seine Hingebung für die Sache des Jndcnthums. seinen unermildeten Fleiß, seine liebevolle Wohlthätigkcit. Noch auf seineu, letzten Schmerzenslager fuhr er fort, sich Nothleidender anzunehmen. Sein Andenken wird ein gesegnetes bleiben! Korrespondenz. Ausland. Aus Dänemark, im Jänner. Jewisch Chronicle brachte vor Kurzem aus Kopenhagen eine kurze Mittheiluug über einen dort stattgesttndcuen Nebertritt eines Christen zum Judenthum, welche in mehreren Punkten einer Berichtigung bedarf. Gestatten Sie mir daher, in Ihrem geschätzten Blatte den wahren Hergang der Sache mit allen Umständen zu erzählen und hoffe ich, daß die Geschichte viele Ihrer geehrten Leser intereffiren wird, da sie ein wirklicher Roman ist, wie ihn die Fantasie eines Dumas oder einer Mühlbach nicht schöner erfinden könnte. Vielleicht benutzt der vortreffliche Kompcrt in Wien, oder der geniale Bernstein in Berlin diese Geschichte als Stoff zn einer interessanten jüdischen Novelle. Da ich weder ein Dumas oder eine Mühlbach noch ein Kompert oder ein Bernstein bin, so will ich hier weder einen Roman noch eine Novelle schreiben, sondern die Geschichte einfach, ohne alle Ausschmückung geben. Ein junger gebildeter christlicher Banqniec in Kopenhagen machte die Bekanntschaft einer hyperorthodorcn jüdischen Familie daselbst, deren Tochter mit einen frommen jungen Mann verlobt war. Nachdem der neue Hausfreund längere Zeit diese Familie häufig frequentirte, faßte er eine brennende Liebe zu dem verlobten Mädchen, und da dieseS bei ihrer Verlobung wahrscheinl. mehr der Ueberredung ihrer Eltern als der Stimme ihres Herzens Gehör gegeben hatte, so nahm sie die ihr gebrachten Huldigungen mit ermunterndem Wohlwollen entgegen. Dem Bräu׳ tigam entging dies eben so wenig als den Eltern und als er merkte, daß diese, noch wie vor, fortfuhren seinen Nebenbuhler gastfreundlich aufznnehmen, hob er die Partie. Nunmehr beeilte sich der christliche Hauöfreund dem Mädchen seine Liebe offen zn gestehen und warb um ihre Hand bei den Eltern, indem er gleichzeitig den Entschluß äußerte, zum Judcuthum übcrzutretcn. Der Vater wicS ihn entschieden ab, während das Mädchen und die Mutter ihm Hoffnuug machten. Er wandte sich darauf an den Obcrrabbincr Herr vr. Wolff mit dem Wunsche, in den jüdischen Glauben ansgenommen zu werden. Der Geistliche stellte ihm die Schwierigkeiten vor, die mit einem solche Ucbertrittc verbunden sind, und wies ihn ans die Vorschrift dcS jüdischen Gesetzes hin, das nur denjenigen aufzunchmen gestatte, der aus innigster Uebcrzeugung ins Judcnthum treten wolle. Der junge Mann erklärte sich bereit, allen Schwierigkeiten der Ausnahme mit Freuden sich unterziehen zu wollen, und wünschte vor Allem Unterricht in der jüdischen Religion. Zu diescm Zwecke wandte er sich an den RcligionSlehrcr Di׳. Mielzitter, der ihn ans seinen Wunsch in den Grundwahrheiten des JudcnthnmS, wie ailch im Hebräischen unterrichtete. Mit außerordentlichem Eifer und Interesse folgte der junge Mann dem Unterrichte und brachte cs nach kurzer Zeit dahin, daß ec eine deutliche Erkenntniß der Prinzipien und Vorschriften deS Judenthums, wie auch eine ziemliche Fertigkeit un Hebräischlesen sich angceignet und sowol das שמע als einen großen Thcil der gewöhnlichen Benediktionen auswendig hersagen und übersetzen konnte. Nunmehr wandte er sich auf's Neue an den Rabbiner und erklärte ihm sowol mündlich als schriftlich aus'ö Feierlichste, daß es ihm mit seinem Uebertritl Ernst sei, daß er soweit die Lehren des Jndenthums kennen gelernt. sich aus freier und voller Ucberzeugnng zn ihnen bekenne und fest entschlossen sei, alle Pflichten und Oblicgcnhciteu eines wahren Juden zn erfüllen und sich an allen jüdischen Interessen nach Kräften zn betheiligen. Da er indessen bei seiner Aufnahme ins Judeilthuin zugleich mit dem erwähnten Mädchen getraut zu werden wünschte, so verlangte Herr I)r. Wolff zuvor die Einwilligung der Eltern und eine Rücksprache mit der jungen Dame. Diese erklärte dem Geistlichen unter Thräncn, daß sie den jungen Mann liebe und ohne ihn nicht leben könnte und bat flehentlich, ihre Eltern zur Einwilligung zu vermögen. Die Mutter, die längst die Neigung ihrer Tochter im Geheimen protegirt hatte, gab ohne Weiteres eine cinwilligende Erklärung ab; der Vater hingegen schien zwar im Herzen die Vollziehung der Trauung zu wünschen, fand sich aber aus Rücksicht auf die Partei, der er angchört. veranlaßt, äußerlich sich unwillig zu zeigen. Monate verstrichen, reich an höchst interessanten Intermezzos; doch ich müßte einen wirklichen Nomau schreiben, wenn ich diese alle hier mittheilett wollte. Der Vater ging in seinem äußerlichen Unwillen so weit, daß er beim Ministerium daraus antrug, die eventuelle Trauung zu inhibiren. Der Tochter aber verwies er sein Hans, so daß sie bei ihrem Geliebten ihre Zuflucht nehmen mußte und nur des Nachts bei einer mitlcivigen Tante Ausnahme sand. DaS Ministerium fand, da daö Mädchen nach den Landesgesetzen bereits großjährig war, keinen Grund, dem Ansinnen des Vaters Folge zn leisten und gestaltete die Vollziehung der Tranuilg. Der junge Mann aber war unterdeß mit einem Bruder und einem Onkel des Mädchens nach einer nahe liegenden Stadt in Schweden gereist, wo er einige dort wohnende orthodore polnische Juden vermochte, ihn in den jüdischen Glauben anfznnehmen, und kehrte nach Kopenhagen mit einem gerichtlich legalisirte» Attest über die vollzogene Operation und über das vorschriftsmäßig genommene Bad zurück. Nachdem der Vater nunmehr selbst Herrn Or. Wolff darum ersuchte, die Trauung unter diesen Verhältnissen am liebsten selbst zn verrichten, vollzog dieser endlich den Trauakt an dem jungen Paare, das einen wahrhast seltenen Beweis standhafter und aufopfernder Liebe abgelegt.