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Ben Chananja · 1861-12-13 · 50 (13.12.1861) · p. Seite 427

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
4 (1861)
Issue
50 (13.12.1861)
Date
1861-12-13
Page
Seite 427 (sequence 3)
Language
German
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4 427 insonderheit demselben Mißtrauen gegen die thalmudische Bibcl-Eregese, an deren Stelle nicht selten die Schemua gesetzt wird, um der Satzung, welche im Thalmud Hermenentisch begründet wird, einen Stützpunkt in der Ueberlieserung zu verschaffen, dessen sie aber in den thalmudischen Quellen entbehrt. Die Tradition gewinnt dadurch an Erlension, verliert aber an intensiver Kraft und Würde, indem Maimonideö die Aussprüche derselben, wie wir sahen, nicht als authentische Kundgebungen der Thora hinstellt, sich daraus beschränkend, in einigen wenigen Fallen aus die Ilebereiustimmung deö natürl. Schristsinnes mit der Tradition hinzuweisen. In der nachmaimonidischeil Zeit kam ״Schemua" alö Traditionsnamen immer mehr außer Brauch, so daß die heutige rabbinische Literatur wirklich keinen allgemein übliche» adäquaten Ausdruck für den Uebcrlieferungöbegriff besitzt, während die Karaiten fast Ueberfluß an solchen AnSdrücken haben (סבי הירושה; העתקה;פ־ הקבלה; ס׳ היורשים;) Wollten sich jedoch letztere dieses ihres ReichthumeS rühmen, so könnten ihnen die Rabbaniten Zurufen: ״Ihr besitzet die N a m e n, wir aber sind im Besitze der S a ch e. Niederschlagend ist eö allerdings, daß uns gerade für daS unterscheidendste Moment unseres Systems eine genau präzisirte Benennung abgeht; allein dieser schmerzliche Mangel ist kein ursprünglicher, und er kommt nur daher, weil wir so unvorsichtig waren, die Massvret den Massoreten, die Kabb. den Kabbalisten zu überlassen, und für die bleibende Dauer der Schemua keine Sorge zu tragen! Vergesset aber nicht, daß unö ״daö mündliche Gesetz" und ״die Halacha deö Moses vom Sinai" reichlichen Ersatz für daö bieten, was unö im Laufe der Zeit abhanden gekommen!" — Wir lassen dieser Apologie alle Gerechtigkeit widerfahren, und gestatten uns nur noch folgende Andeutungen über die Halacha deö Moseö vom Sinai. Zuvörderst fragt sich: waS heißt Halacha (הלבה)? Zunz übersetzt diesen Terminus: ״Regel, Richtschnur." Er beruft sich, um diese Uebertragung zu begründen, nach dem Vorgänge Elias Levita'S im Meturgeman, auf den Sprachgebrauch deö Targum Onkeloö. Eine nähere Betrachtung dieses Targum hätte ihn jedoch von der Unrichtigkeit seiner Uebersehung überzeugen müssen. Im Onkeloö bedeutet nämlich Halacha nicht Regel oder Richtschnur, sondern ausschließlich Gebrauch, Herkommen, Sitte. Dies hat schon R. Nathan erkannt. ״Halacha", sagt er, ״ist das, was gang und gäbe ist (nach Duke ö' treffender Uebersetzung) von Anfang bis zu Ende, oder wonach Israel wandelt, wie man im Arabischen sagt: אלסירה:" eine sehr ingeniöse Vergleichung, da das verglichene arabische Wort ebenfalls ״Lebensart, Sitte" bedeutet, und wie Halacha von ״gehen, wandeln" abgeleitet ist. Musafia vergleicht paffend auch das chaldäische Sugja (סוגיא), welches ״Weg, Wandel, Gewohnheit, Sitte" bezeichnet ,45). Man könnte auch daö griechische N o m o 6 (vopog) herbeiziehcn, denn auch dieses ^bedeutet ״Gebrauch, Herkommen, Sitte", und — erst in zweiter Linie — das durch das Herkommen gesetzkräftig Gewordene: ״Gesetz, Ordnung, Anordnung, Verfügung." Die neuortlwdorc Romantik ist vor einigen Jahren über R. Nathan'S Erklärung der Halacha in heftigen Zorn gerathen. ״Die Halacha", riet sie aus, ״ist daS Resultat, daö nicht anö der Praris entstand, sondern als normgebend für die Prariö austrat." Dies wäre aber nur der Fall, wenn die Romantik die Gewalt hätte, vollendete und anerkannte Thatsachen nngeschehen zu machen. So lange sie aber diese Gewalt nicht erobert, wird die ursprüngliche Halacha, wie schon ihr Name zeigt, nicht für die Wurzel, sondern für die Frucht der Prariö gehalten werden müssen. ES ist dies daö erste Stadium der Halacha. Allmälig wurde aber der Usuö zum Gesetze, und letzteres wurde in Worte gekleidet. Die frühere Sitte kündigte sich alö nunmehrige Satzung an. Diese formnlirte Satzung wurde ebenfalls Halacha genannt: z wciteS Stadium der Halacha. Endlich, im dritteil Stadium derselben, gewöhnte man sich daran, jeder Satzung den Namen Halacha beiznlegen, und nun erst wurde die Halacha dem Gebrauche (מנהג) und der Praris (מעשה) entgegengestellt, mit denen sie einst synonym unu•'4״)! Die Halacha des Moses vom Sinai, welche gegen daS Ende der Periode deö zweiten Tempels als bekannt vorausgesetzt wird, kann mithin ihrem ursprünglichen Sinne nach nur als Onkelosische Halacha, d. i. als ״Herkommen, Gebrauch, Sitte" aufgefaßt werden. Daß gerade die ältesten ״HalachaS deö Moseö" schon von mittelalterlichen Thalmndauslegern alö uneigentlich bezeichnet wurden, haben wir bereits erwähnt'4D- Dagegen ist noch zn erwähnen, daß Maimonideö sich geneigt zeigt, auch an der Dignität der Halacha deö Moses zu mäckeln. Nach der Anleitung deö Thalmud widmet er der für das Nimalgesetz so wichtigen Pathologie der Thiere eine sorgfällige Behandlung; ja er fügt zu den 69 Krankheitserscheinungen, die er aus dem Thalmnd zusammenträgt, noch eine siebzigste hinzu, zn nicht geringem Verdruffe der anderen Kasuisten, denen die Annahme widerstrebt, daß die thalmudischen Bestimmungen einer Ergänzung oder Vervollständigung bedürftig seien 14*). Doch das wäre ein Geringes! Ohne Vergleich kühner ist die im Thalmud durchaus nicht aufzufindende Maimonidtsche Distinktion, nach welcher nur eines jener Krankheitssymptome (.ררופר) alö ausdrücklich in der Thora verboten zn betrachten ist, die übrigen Svmptome aber trotz ihres Beglaubigungözeugnisses als Halachas von Moses nicht immer als Prohibitionen der Thora de-

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