Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 4 (1861)
- Issue
- 49 (6.12.1861)
- Date
- 1861-12-06
- Page
- Seite 419 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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419 zuwider ist, thne auch deinem Nebenmenschen nicht!" Isokrates, der berühmte Lehrer der Beredsamkeit in Athen (486—4.88) drückt die Sentenz mit folgenden Worten auö: ״Was ihr von Anderen mit Unwillen ertraget, das timet auch Anderen nicht!" Ob JsokrateS Urheber dieser Sentenz war, oder dieselbe vorfand, vermögen wir nicht zn bestimmen; jedenfalls wurde sie, trotz ihres fremden Ursprungö, so beliebt, daß sie Hillel I. in den Mnnd gelegt wurde, n. im Buche Tobi und im Evangelium einen Platz fand'׳')! Die siegreichen Hellenen besäeten nicht nur bas jüdische Land mit Städten, sondern auch die jüdischen Geister mit neuen Gedanken, Anschannngen, Adagien und Gnomen, und diese Anssaat übertraf jene an Dauer und Bedeutsamkeit! A n t i o ch i a und A l e r a n d r i a, die Haupt- und Residenzstädte der Selenziden und Ptolemäer, gingen, wenn sie sich auch politisch zumeist in den Haaren lagen, ans der Bahn der ))Nationalität doch Hand in Hand, weder ihren hellenischen Ursprung noch ihre hellenische Tendenz verleugnend, so daß das Griechenthnm vom Nordosten und Südwcsten in Palästina eindrang. Erst dir gräzisirenden Erlässe der zentralistischen Machthaber in Antiochia führten die haSmonäische Epoche herbei. Aber griechische Anschanungen, Sitten und Manieren hatten so allgemeine Verbreitliilg gefunden, daß mancher griechische Brauch — man denke nur au das Händewaschen '־") — selbst in religiös und national gesinnten Kreisen Aufnahme fand, und mit dem Nimbus religiöser Satzung umgeben wurde. Von Alerandrien, ״wo chaldäische Weisheit, jüdische Theologie und die Filososie der Griechen sich in den Hellenisten gewissermassen vermittelnd begegneten (Zun;)", ging ohne Zweifel die Marime ans, daß gewisse, auf das höchste Wesen und die Kosmogonie bezügliche Lehren nach Art der griechischen Mysterien nur einem eng begrenzten Kreise von Adepten mitgetheilt werden dürfen. Diese der biblischen Zeit gänzlich fremde Marime galt nicht nur bei den Essenern, sondern auch in den Schulen der Gesetzeslehrer 13־). Sv tief waren die Eindrücke, welche das Jndenthnm von dem Griechenthnme empfing! Erwägt man nun, daß die Begriffe der Tradition — naQudom^: — und der nicht geschriebenen Gesetze — vouoi üyyuyot, (tyQaq>a — den Depositären der griechischen Mysterien und den Schulen der alten griechischen Filososen geläufig waren 124); so wird limit sich der Bermnthnng kaum entschlagen können, daß die begriffliche Fi 11r ung bei• Paradosis einc erotische Pflanze auf j ü d i s ch e m Boden i st: eine Bermuthnng, welche wir der Aufmerksamkeit guellenkundiger und unbefangener Forscher angelegentlich empfehlen. Die älteste begriffliche Unterscheidung zwischen schriftliebem und mündlichem Gesetze, welche vorhanden ist, wird auf Schammai u. Hillel I. zurückgeführt. Die bezügl. Stelle kantet: ״Auf die Frage eines Heiden, wie viel Gesetze Israel habe, antwortete Scbammai: zwei, ein schriftliches und ein mündliches (,תירה שבכתב ותירה שבעל פר). Als aber der Heide sich nur ans Grundlage deS schriftlichen Gesetzes zuin Judenthume bekehren wollte, dem mündlichen die Anerkennttllg verweigernd, wurde er von Sebanittlai abgewiesen. Hillel dagegen ging auf sein Ansinnen ein, begann demselben die Kenntnis; des hebräischen Alsabetes beiznbringen, bediente sich aber des Kunstgriffes, den in der ersten Lektion vorgenommenen Buchstaben in der zweiten Lektion andere Namen zu geben. Als der Schüler ihn auf den Widerspruch aufmerksam machte, sprach er:״Ich wollte dich nur überzeugen, daß du dir auch das schriftliche Gesetz nicht aneignen könnest, ohne meinen Angaben zn trauen. Warum weigerst du dich also, in Betreff deS mündlichen Gesetzes ein Gleiches zu lhnn?" —In einer anderen Onelle, welche einen ähnlichen Borgang in eine viel spätere Zeit und nach Persien verlegt, wird die Nolle Schammai's dem Abba Arekka, die Hillel's dagegen dem Samuel Iarcbinai verliehen. Hier tritt der Schüler gleich der ersten Benennung der Buchstaben skeptisch entgegen, worauf ihn der Lehrer unsanft beim Ohre faßt. Und als jener Ansrnfl: mein Ohr, mein Ohr! fragt ihn dieser: wer sagte dir, saß dies dein Obr sei? ״das weiß die ganze Welt!" Die Namen des Buchstaben, rief nun Samuel ans, weiß auch die ganze Welt'׳'') Diese Erzählungen enthalten die älteste jüdische Apologie der Tradition; allein trotz der Gleichheit ihrer Tendenz weichen sie rücksichtlich der hervorgehobenen Momente von einander ab. Hillel legt Gewicht darauf, daß das schriftliche Gesetz ohne seinen mündlichen Begleiter dem Verständnisse verschlossen sei; Sainnel betont den allgemeinen Konsens in der Anerkennung der Tradition. Wegen dieser apologetischen Tendenz sind die Erzählungen bedeutsam, indem sie beweisen, daß die Traditionsdoktrin im dritten Jahrhundert, also nach dem gänzlichen Verschwinden der Sadduzäer, an ihre Selbstvertheidignng denken mußte, was mindestens das Vorhandensein oppositioneller Gedanken voranssetzen läßt. Die Geschichtlichkeit beider Relationen dürste kaum festznhalten sein. Abgesehen von der nnwahrscheinl. Wiederholung dürfte es kaum erklärt werden können, warum sich der Proselvte bei seiner vorgefaßten Meinung gegen die Tradition nicht an einen Sadduzäer gewendet hatte, da doch die Sadduzäer in den Zeiten Schammai's und Hillel's eine mächtige Partei bildeten! Indem die Schriftgelehrten daS mündliche Gesetz dem geschriebenen nicht nur der Bedeutung, sondern auch dem Ursprünge nach kovrdinirten, waren sie weit entfernt, sich irgend eine Falsifikation zu Schulden komnten zu lassen. Von der objektiven Richtigkeit ihrer Schriftanölegung überzeugt, konnten sie sich den heiligen Ten und ihren eigenen Kom-