Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 4 (1861)
- Issue
- 48 (29.11.1861)
- Date
- 1861-11-29
- Page
- Seite 412 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2542917-2543023-2543071--2368-2546140- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
412 Korrespondenz. Wien, Mitte November. In Ihrem Letzten fordern Sie mich zu Mittheilnngen auf über die Zustände der hiesigen isr. Kullnsgeineiudc. Sie vernchineu in der Ferne das dumpfe Grollen aus dieser sonst so stillen. geräuschlos sich entfaltenden Gemeinde. Sie hören von einer tiefgehende» Bewegung in derselben, und wünschen zu wissen: was dieses Grollen bedeute und woher und wohin diese Bewegung ihre Richtung nclimc? Irre ich nicht, so halten Sie diese Bewegung im Hinblicke ans die Jahreszahl und die allgcmciiic geistige Strömmuug für ein Drängen noch vorwärts ans dem Gebiete dcö gottesdicilstlichcn Lebens, >vie solches vor 36 Jahren bezüglich der äußeren Form hier stattgefulideil. Nach den! Vorgänge anderer Gemcindcn verinnthen sie eine Erhebung der jünger!! gegen die ältere Gcncralion, cinen Sturm gegen unsere provisorische Gcmcindevcrfassnng, gegen die Geheimthncrci am grünen Tische der Borstandssitznugcu, kurz einen Kampf der Neuzeit gegen die dahinschcidcndc alte, des Fortschrittes gegen den Stillstand, des frische» jngendl. gcsniidcn Lebens, wie cs sich heutznragc, >venn auch da und dort in allzuüberwallciidcr Weise, in allen Gauen unseres großen BaterlandcS kund gibt, gegen alles Todtc und Tödiende, das ans den Gräbern der Vergangenheit, wenn auch hie und da nberlüilcht. uns eutgegcntritt. Nichts von dem allem, mein verehrter Frenitt! Wie zeitgemäß auch solche Forderungen wären, so l>al doch der intclligente Theil der hics. Gemeiude, — und mir von tu'ii'111 läßt sich ja das Vcrständn. der Zeit erwarten, — zu viel Takt, nm nicht zu fiiblcn, daß die Zeit ihrer Erledig, noch nicht geloininen, zn viel Besonnenheit und Umsicht, nm nicht zu erkennen, daß diese n. ähnliche Fragen z» sehr mit den großen allgem. Fragen im Zusammenhange stellen, um vor der Austragung dieser letzteren in Anregung gebracht tverten. — Was denn dieses Grollen bedeutet von wein sonst dieie Bewegung ausgehe und wohin sie ziele? Das Grollen ist das Bransen des Sturmes, der die zerstreuten Elemente ans den verschiedenen Tbeilen der Monarchie hier zusammcilwehl, tliid die Bcwcgung nichts Anderes, als die Erhebung dieser ״großen Streitmacht" einer allen längst verschwunden geglaubten Zeit gegen alles, was die neue Zeit seit mehr als einem Dritteljahrhiinderte hier geschaffen und sorgsam gehegt und gepflegt hat. Sie taniiten, tlienerster Freund! das alte Wien; Sie haben ja vor Jahren längere Zeit hier gelebt. Es war dies die Zeit, da die hiesige Juteuschaft den Namen ״Gemeinde" nicht führen durfte: da ihr ein K o sch e rsl e is ch - A n ff e he r aber kein Rabbiner gestattet war, und der Prediger an dem neuem ״Bethanse" — ״Tempel" oder ״Svnagoge", die Sumbole des GeineiiidelebenS, lvar den hiesigen Inden gleichfalls verweigert — von der Negierung nicht unter diese in Titel, londern als N e l i g i o n S l e h rer im Bet h a n s e anerkaunt war. Trotz aller dieser Beschräliknngen und der im Prinzipe so demülhigenden Stellung des Einzelnen wie der Gesammtheit, entwickelte sich die hiesige Jndeuschaft still, bescheiden und geräilschlvs zur Muftergcmeinde für die gcsainnitc Jndenschast der ganzen österreichischen Monarchie, und alle religiöse wie humanitäre Institutionell — Tempel und Schule, Arinenvereul, Haudwerkerv., Kinderbewahr-Anstalt, — welche noch heute zur Ehre und zur Zierde der Gemeinde gereichen, stammell noch ans jener Zeit, wo das Buhlen nach Nuhm in weilercil Kreisen und das Neklamenwesen noch nicht an der Tagesordnung war. Seit dem Jahre 48 haben sich die Dinge hier anders gestaltet. Nene Elemente sind in den Gemeindeverband getreten, die Bedürfnisse der Geuieiude haben sich ins Maßlose gesteigert, die verschiedenartigsten Ansichten haben sich geltend gemacht, auch mancher ראש PHD שרש ist in dieser sonst so friedlichen Gemeilide aufgeschossen, der nach unten sich immer mehr auSzubreiten, und nach oben hin den verderblichen Hauch seiner giftschwangern Blüthen sandte. Dennoch war die Einheit der Gemeinde, — Dank der Umsicht des Vorstandes und der gewöhnten Achtung vor deren segensreichen Institutionen — nicht bedroht, und Kämpfe wie sie andcrw. zu Tage getreten, wurden hier hintangehalten. Den gesteigerten Bedürfnissen entspr. die Anspannung aller Kräfte. Es erhob sich ein neuer Temp., ncue WohlthäligkeitSanstaltcn wurden ins Leben gernfen und den divergirenden relig. Parteien wurde kein Hindcrniß in den Weg gelegt, Gott nach ihrer Fa^on zu verehren: außer der sogenannten fränkischen und der alten polnischen bestanden, neben den beiden Tempeln, eine orthodor sich ueuneudc Synagoge in der Schönlatcrngasse, eine Privatkapclle in der großen Anckcrgasse, und mancherlei Miiljallim in den Vorstädten. Natürlich nahm die Gemeindc von allen diesen Anstalten keine Notiz; denu es konnte ihr nicht zngeinnthct werden, daß sie das thatsächlichc Betcnntniß ablegc, daß ihre religiösen Anstaltcn das jüd. Gewissen nicht befriedigen, daß sie die Mißbräuche im Gottesdienste wieder anerkeiine, und zur Geltung bringe, die sie seit Jahren beseitiget, und als mit den! Zcitgeiste und mit der Ehre des Jndcnthllms unverträglich erklärt. Das Oktober-Diplom scheint auch die hiesigen Geister ans ihrer srühcrn Ruhe geweckt zu haben. Gleichwie ans politischem Gebiete in allen Tbeilen der Monarchie, tauchten hier ans synagogalem Boden ״die historischen I n d i v i d n a l i t ä i e 11" auf, die ein Recht auf gesetzlich auerkanutc Alltouomie beanspruchten, wo nicht gar ans die Hegemonie ili der hiesigen Gemeinde. Längst entschlafene Wünsche wurden laut: alte längst abgelegte Gewohnheiten erwachten mit erneutcr Kraft. Es erhoben sich Klagen gegen die Gotteshäuser, wie gegen die Ncligiouöschnlc, gegcll die Gculciiide lind die Beamten, ja selbst die viclgerühulten WohlthätigkeilSanstalteii eiitgiengeii deili bittersten Tadel nicht, daß sie dem zllm Erschrecken zuströnicndcn Panperismus nicht genugthiln. Durch längere Zeit hielten sich diese Klagen innerhalb der Schrankeil der Familien und der Kaffeehäuser. In den letzte!! Monaten des verflossenen Sommers brachte jcdech d. Vorst, d. ״Synagoge" ein Gesuch bei der Laudcsbehörde ein. Näheres über den Inhalt dieses Gesuches bin ich nicht in der Lage anzugeben; die Aufforderung dieser h. Stelle jedoch an die hiesigen Bezirkö-Kommissariate: über die in ihren Bezirken wahrend der letzter!! h. Festtage der Inden stattgefnndenen gottesdienstlichen Versammlnngen zu berichten, ob diese nach dem alten orthodoren, oder nach dem neuen Ritus gehalten würden, läßt crrathen, wes Geistes Kind das Schriftstück war. Ein neues Moment zur Ermnthigung dieser Partei bol die seit 1. September hier erscheinende ״Neuzeit": dieses Blatt brachte eine Reihe von ״Wiener Briefe" in welcher die hies. KnltuS-Gcmeiudc als durch und dnrch krank dargestellt ward: ״krank" weil ehemals wohlgemerkt! der ״Jude" und bürgerlicher Akt sich gegenseitige ansschließende Begriffe wa-ren — ״d i e Wahl der Vertreter kein bürgerlicher Akt w a r" und ״m a n hier" wo die Negierung von einer Jndengcmeiude nichts wissen und nichts hören wollte — ״aus instinktiver Logik gegen d e n 9t a m e u G e m e i n d e sich sträubte"; — die weiteren Konsequenzen, die in demselben Bl. ans diesen Prämissen gezogen wurden, übergehe ich; — ״krank, weil eil! Iudenth u m ohne Respekt und Ehr f urcht vor j ü d. Wissenschaft ein Unding sei, und eine In d cn gem e i n d c- V e r t r c t n n g , d c r e ö u m diese A n e r k e n u u n g und Werths ch a tz u n g jüdischer Wissenschaft nicht strenger Ernst ist, ein l e ereö Pup p e n sP i e l erwachsener Kinder bleibe!" — Wer aber sagte dem Herrn Verfasser, daß dies hier der Fall sei? Daß ächte jüdische Wissenschaft, die nicht bloß als Bettelbrief gebraucht wird, verbunden mit anderweitiger Bildung und gediegenem Eharakter hier nicht Anerkennung finde? Oder glaubt der Verfasser, daß