Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 4 (1861)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1861)
- Date
- 1861-11-22
- Page
- Seite 403 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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403 aber schon hier der Hoffnung Raum gegeben, daß der Geist des Menschen losgetrennt vom Staube in die Höhe zu Gott emporsteigt, wahrend die Seele des Thiers der Erde für immer verbleibt (UI. 21. XII. 7). Mehr durchgearbeitet erscheint die letztere Idee in den später» Psalmen besonders im 49. (Vergl. ״Ben Chananja" 2. S. 302 und 305). — Schon der erste Jesaja (XIV. 9 und ff. XXX. 33) hat einige wahrhaft poetische Schilderungen der Unterwelt und ihrer Strafen, aber was unS hier näher angeht, der zweite Jesaja (LXI. 4. 5) spricht es deutlich aus, daß der Meusch du rch Uebun g d e r Tugend und der Frömmigkeit sich eine Zukunft zu schaffen im Stande sei, wenn er auch nicht so glücklich wäre, leibliche Nachkommen zu hinterlassen. Thalmud und Midraschim sprechen sich über Lohn und Strafe im jenseitigen Leben oft genug ganz unzweideutig aus; obschon sie es unentschieden lassen, ob diese Vergeltung der Seele allein, oder in einer neuen Verbindung mit dem Körper in Aussicht stehe (vergl. Scholien I. S. 77). Aber auch die frühere Anschauung, die Fortdauer des Menschen in seinen Kindern, ist in der thalmudischen Literatur noch sehr vertreten. ״Vier", sagt die Braitha, ״sind als todt zu betrachten, der Arme, der Aussätzige, der Blinde und wer keine Kinder hat" (Nedarim 64. d). ״Sieben sind von Gott verworfen, wer kein Weib gehetratet, wer geheiratet aber keine Kinder erzeugt, wer Kinder erzeugt und sie nicht im Gesetze erzieht u. s. w. (Pesachim 113. b). R. Jochanan im Namen R. Simon b. Jochai sagt: ״Wer keinen Sohn hinterläßt, über den ist Gott zornerfüllt" (Baba bathra 116. a). Im Psal. LV. 20, wo, nach thalmudischer Auslegung von den Gottvergessenen die Rede ist, welche aus dem Leben scheiden um nie wieder zum Vorschein zu kommen, ist nach R. Jochanan derjenige gemeint, welcher stirbt ohne Kinder zu hinterlassen, nach R. Josua beu Lewi aber ein Gelehrter, der keinen Schüler nach sich läßt (Baba bathra l. c.). ״Warum", sagt die Gemara, ״bedient sich die Schrift beim Tode Davids bloß des Ausdruckes שכיבה (sich niederlegen), bei Joab aber des Wortes מיתה (sterben)? David, der einen Sohn als Stellvertreter hinterlassen hat, ist nicht völlig gestorben; Joab aber, welcher keinen Sohn als Nachfolger gelassen, ist ganz und gar den! Tode verfallen." (Daselbst). — R. Simon den Jochai sagt: ״Wer einen Sohn hinterläßt, welcher sich mit dem Gesetze befaßt, stirbt nicht" (Bereschith Rabba 49). — Eine richtige Konsequenz dieser Ansicht ist es, daß der Sohn den ersten Anspruch auf das Amt des verstorbenen Vaters hat (Sifra-Jalkut §. 488). Auch daß Lohn und Strafe, welche die Eltern verdient, sich auf die Kinder vererben, natürlich, wenn die Kinder die Richtung der Ellern beibehalten, findet im Thalmud seine Bestätigung (Berachoth 7. a). — Aber dessen ungeachtet kommen mildere und schonendere Ansichten immer mehr zur Geltung, umsomehr, da Männer, die zu den gefeiertesten Gesetzlehrern gehörten, entweder gar nicht verheiratet oder doch kinderlos waren, so unter den Tanaim R. Tarphon, Ben Soma, Ben Usai, unter den Amoraim R. Jochanan, Samuel*) n. a. in. — Die Erfahrung führte Rabba endlich zu dem Schlüße, daß langes Leben, Kinder und Nahrungserwerb gar nicht vom Verdienste deS Menschen, sondern bloß von der Konstellation abhäugen (Moed Katon 18. a). Von da war der Uebergang leicht zu dem Aussprüche: ״Die wahren Nachkommen des Weisen und Tugendhaften, die ihm die Unsterblichkeit sichern, sind nicht seine leiblichen > Kinder, sondern die h c i l s a m e n L e h r e n und die v e r-! dienst vollen Werke, die er der Nachwelt himerläßt j (Bereschith rabbah 30)." In ähnlicher Weise sagt schon R. j Simon den Gamaliel: ״Man setze den Frommen keine Denkj steine, besser als alle Monumente werden ihre hinterlasse- ן nen Lehren ihr Andenken wahren" (Jeruschalmi Scheka- ' lim 2, 7).! ״Wer nie gclioteit zu fein.“ Von Leop. Duke s. Sein oder nicht sein, das ist die Frage. (H a in l e t). Der denkende Mensch, der in unbewachten Angenblicken alle Gaben addirt, welche das Leben ihm bietet, kann oft nicht widerstehen, den Gedanken auszusprechen, daß es besser sein würde, wenn der Mensch gar nicht geboren wäre. Solche Worte, ohne poetische Uebertreibung in einfacher Prosa ausgesprochen, geben zum Nachdenken Anlaß. Daß Unglückliche, die unter der Last besonderer, außerordentlicher Unfälle seufzen, — z. B. Job und Hamlet — von solchen Worten Gebrauch gemacht haben, ist nicht zu verwundern. Der Gram, von welchem ihr Herz übersprudelte, hat sich in Worte verwandelt bei ihnen, und hat die Form einer unschuldigen Refleriou angenommen. Sie haben übrigens nur für sich selbst gesprochen, ohne andere dabei zu betheiligen. Es haben aber die begabtesten Griechen, bei denen doch Asketik nicht bekannt war, diesen Gedankeu oft ausgesprochen, und dieses ist es, was solchen Worten für den Forscher Gewicht gibt, und für die Geschichte der Kultur. Wir schreiben hier keine Predigt, wir geben nur einen Beitrag zur Kulturgeschichte. *) N. Tarphon und Samuel hatten wol Töchter aber keine Söhne, was jedoch nach obig, einer Kinderlosigkeit beinahe gleichkömint.