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Ben Chananja · 1861-11-15 · 46 (15.11.1861) · p. Seite 395

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
4 (1861)
Issue
46 (15.11.1861)
Date
1861-11-15
Page
Seite 395 (sequence 3)
Language
German
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395 Mosaischen Zeit stammen: ״Die mündliche Lehre ist theils Gottes, theils der Gesetzlehrer Eigenthum; jenes ist sie vermöge ihres Inhaltes nnd Ursprunges, dieses vermöge ihrer Form und Darstellung." Als Präzedenz dieser Anfsassung führt der Herr Verf. eine Distinktion deS MaimonideS an, nach welcher die den Profeten Elias betreffende Mischnischc ״Halacha des Moses vom Sinai" wol ihrer Idee, nicht aber ihrem Wortlaute nach Gegenstand der Ueberlieferung war Was MaimonideS hier von Einer Mischna behauptet, dehnt Dr. K. auf den gesammlen Mischnakoder! aus: die Lehren und Gesetze, die derselbe enthält, sind sinaitisch; die Einkleidung nur gehört der Thannaitischen Zeit! Die fremdsprachlichen Elemente der Mischna können mithin nicht auffallen. Diese vermeintlichen Fremdlinge sind nach Dr. K. Bürger Jsrael'ö ans den Zeiten Mose's her. Wenn man sie nicht auf den ersten Blick dafür erkennet, so liegt der Grund davon einzig und allein darin, daß sie im Laufe der Zeit aramäische oder griechische Tracht angezogen, ja hin und wieder die Toga deS Römers umgehängt haben. Was heute in fremdsprachlichem Gewände vor unS liegt, ist Uebersetzung biblisch-hebräischer Terte! — So nngefähr denkt sich Herr Dr. K ä m p f die -Entstehung der Mischna's. Leider koimnt auch er, wie Rapoport, mit sei- . nem Klienten in Konflikt. Frankel sagt nämlich: ״Die in der , Mischna angeführten Lehrer reichen nicht — weit über hundert Jahre vor der Zerstörung deS Tempels hinauf; hinge- 1 gen werden sehr hänsig Sätze ohne Benennung eines Antors gegeben, denen die Kritik ein hohes Alter znerkeunt; und zeigen vorzüglich Sentenzen in Gestalt von Gnomen aus ganz frühem, vielleicht über die Makkabäerepoche hinaus sich erstreckenden Ursp rnn g (G. B. 100)." Die Kritik der Verkleidungs- oder UebersetzungShypothese muß ihr Werk damit beginnen, daß sie dieselbe auf einen zehnten Theil der Mischna beschränkt; ' denn neun Zehntheile der Mischnasannnlung werden auf ausdrücklich namhaft gemachte Gesetzeslehrer znrückgeführt, ihr; Ursprung liegt also viel zu klar vor Augen, als daß sie j eine Ueberlieferung aus älterer Zeit für sich in Anspruch! nehmen könnten. Es handelt sich mithin bloß um den -zehnten Theil der Mischna. Gäbe sich nun dieser zehnte Misch- : natheil selbst für mosaisch aus, so würde die NeberrragungS- Hypothese ein sehr altes und daher höchst bedeutsames Zengniß zu ihren Gunsten aufzuweisen haben. Von einem solchen Zeugnisse ist aber auch nicht die geringste Spur vor- Händen! Wenn man von den drei Misch». ״Halacha's des Moses<J7)״ absieht, findet sich vielmehr in dem ganzen Mischnakoder keine einzige Aeußerung, die der Annahme Raum gäbe, die Mischna hätte Mosaischen Ursprung für sich vindizirt. Im Gegentheile deutet der Umstand, baß nur drei Halacha'ö von Moses hergeleitet werden, darauf hin, die Mischna sei weit entfernt gewesen, ihre übrigen Lehrsätze nnd Aussprüche dem Moses in den Mund zu legen. Da man sich nach einem äußern Zeugnisse über die : Entstehungszeit der in Rede stehenden Mischna's vergeblich; umsteht, so werden natürlich die inneren Kriterien, und ' zwar die der Form und die des Inhaltes für maßgebend! und entscheidend zu halten sein. Was nun jene betrifft, so freut sich Herr Dr. K. selbst des Frankel'schen Nachweises, dem zufolge aramäische Archäismen daö Alter einzelner!Mischna's beurkunden; Nach man Kr och mal hat diesen Nachweis vor Frankel geliefert'׳'^). Nun dringt sich aber die Frage auf: warum ist keine Mischna ans uns gekommen, deren Fassung biblisch>hebräischen Ursprung verrathen würde? Warnin hat sich nicht ein einziger Ausspruch in seiner angeblich ursprünglichen Form erhalten? Warum haben die kundigen und frommen Wächter d. Tradition dem altehrwürdigen Ausdrucke nicht die geringste Aufmerksamkeit geschenkt? Noch bestimmter und entscheidender spricht der Mischnische Inhalt gegen die UebersetzungShypothese. Wie die Mischna durch die geografischen Verhältnisse, die sie voraussetzt""), durch ihren —von einer gehobenen Bodenkultur, einem regern Verkehre mit dem Auslände und einem hieraus ftie- . ßenden größer» Wohlstand zeugenden — größer» Reichthum der Flora'""), Fauna'"') und Industrie'"׳) deutlich genug zu erkennen gibt, daß Palästina'S Land und Leute in ihrer Beziehung zur Natur und zur Well bei weitem nicht das geblieben sind, was sie in der biblischen Zeit waren; — wie die sozialen Unterschiede und Sonderungen ""), die Sekten und Parteien""), die Aemter und Würden '"5), die Verträge und Aktenstücke '""), auf welche sie Rücksicht nimmt, der forschenden Erudition Zustände und Verhältnisse, Zwecke und Bestrebungen, Vereine und Kämpfe vorführen, von denen die biblische Zeit keine Ahnung hatte: -so verkündet sie durch ihre Besprechung junger Institutionen und Gebräuche '07), ihre juridischen Begriffe ‘"8), ihre eigenlhümliche Terminologie '"") und die damit verbundenen Gegensätze ""), ihre Gesetzeseintheilnng '"), ihre Gottesnamen"׳), ihre Mikrologie'"), ihre Widerrufungen früherer Gesetze'") so wie durch manche unbiblische Anschauungen"") laut und vernehmlich, daß sie kein Erbe der biblischen Zeit ist, sondern ihre Entstehung neuen, früher nicht gekannten Faktoren zu verdanken hat. Da Herr Di־. K. die von ihm zitirten Terte nicht immer korrekt liest und bereits erkannte, offenkundige Jrrthümer wiederholt ""), so können wir ihm die Nichtbeachtung dieser Spezialitäten nicht zum Vorwürfe machen. Kann ihm doch das Verdienst nicht abgesprochen werden, daß er durch die Konzession, die er selbst auf orthodorem Standpunkte der Wortkritik der Mischna machte, nicht wenig dazu beitragen wird, den Auflösungsprozeß der vulgären Traditionödoktr. auch unter seinen Gesinnungsgenossen

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