Mannheim
Compact Memory

Ben Chananja · 1861-11-01 · 44 (1.11.1861) · p. Seite 381

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
4 (1861)
Issue
44 (1.11.1861)
Date
1861-11-01
Page
Seite 381 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2542917-2543023-2543067--2333-2546101
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

381 S. 71 ist gelegentlich von Kräutern die Rede, welchen der alte Volksglaube die Kraft zuschricb, Todte damit beleben zu k ö nttcit21) Indien das alte Land der Fabel hatte diesen Volksglauben. Wir halten den Glauben daran nicht für das Interessanteste, uns scheint vielmehr das Interessanteste der Sache zu sein, daß man dieses schon frühzeitig allegorisirtc. Der Verfasser hat (S. 68) eine hiehcrgebörigc Stelle ans dem Vorworte des Ca lila v ad imnah") gegeben- Dieses erinnert wieder an eine thalmudische Stelle, worin erzählt wird Jemand ging herum und rief aus ״wer will Leben" n. s. s. (vcrgl. unsere Blninenlese S. 53). Mit der mangelhasten Naturgeschichte ist die Allegorie Hand in Hand gegangen, und hat das Unwahre in der Wirklichkeit in geistig Wahrscheinliches verwandelt. Der Verfasser vergleicht (S. 85) die thalmudische Lage von der Mücke, welche TituS in den Kopf geflogen die Rede ist, mit der indischen Fabel, wovon einen! Insekte die Rede ist, welche dem Elefant ins Ohr gekrochen ist. In Bezug auf diese Fabel selbst mag bemerkt sein, daß im Thalmud, wo von 5 schwachen Dingen die Rede ist, welche großen Geschöpfen Furcht einjagen, auch die Worte Vorkommen אימת •1״ היתוש על הסיל״Die Furcht des Elefanten vor der Mücke." Diese Worte können mit der indischen Fabel wirklich in Verbindmig stehen. Sprüche aller Art enthalten übrigens den Gedanken, daß große Dinge oft durch ganz kleine unansehnliche zu Grunde gehen können. Wir finden (S. 92) das תכלות נסשי עם פלשתים als die Grundlage einer griechischen Fabel angegeben. Der angeführte bibtische Spruch ist in der thalmudische» Periode sprüch wörtlich geworden"). Es ist rein menschlich, und so alt als die Rache im menschlichen Herz. Die Rache selbst aber ist gerade so alt als das Menschengeschlecht. Der griechische Fabeldichter hätte daher nicht nothwendig auf ein hebr. Sprichwort anzuspiclen. Dies könnten wir a priori behaupten. NebrigcnS haben die Griechen auch ein solches: ״M ö g e d e r F r e u nd in i t dem Feinde sterben'")." Rache ist die tiefe Schattenseite der menschlichen Natur. Diese 2 Sprüche sind die urkundliche Nachricht davon. Wir hätten manches der Betrachtung des Lesers vorführcn könneu. Vielleicht daß wir schon zu viel vorgeführt haben. Wir lassen es daher bei dem bereits vorgeführten bewerben. ״Auch getreuem Schweigen — sagte Simonideö — blühet sein Lohn")." Vielleicht daß auch der Leser unser Schweigen belohnen wird. Wenn die Priorität der Fabeln bei den Thalmudisten nicht nachgewiesen werden kann-, so thut dieses denselben keinen Eintrag. Das! die Thalmudisten dieselben in ihren Vorträgen benutzten, ist Verdienst genug. Die Thalmudisten oder genauer gesagt, diejenigen welche die Agadoth (אגדות) — zu ihrem Studium machen"), haben allerdingö manches vvrgetragen. das jetzt nicht mehr in dieser Form gebraucht wird. Die zn Grunde liegenden allgemeinen Gedanken müssen erst durch weitverzweigte Studien heraus geholt werden. Dieses Einführen der Fabeln nebst einer Anzahl Allegorien und Aussprüche haben insofern sie allgemein menschliche Gedanken, ohne besondere theologische Beimischung enthalten, der Humanität einen Dienst erwiesen. H n m a n i t ä t — der Morgenstern der neuen Zeit — hat im Hebräischen zwar keinen Namen, keinen bestimmten Ausdruck "); aber die Sache war immer der Hauptzweck, und war immer die Grundlage aller höher» Bestrebungen. Das Talent hat sich oft in wilden Strömen ergossen und der Redner hat die Zuhörer im Sturme erobert. Solche Borträge mochten oft daö Werk eines begeisterten Augenblicks sein. Wir lesen von einem Thalmudisten, daß er Sachen gesagt habe, die kein menschliches Ohr je gehört hat יי'). Die thalmudische Fräse: ״ans jeden P unkt Hansen von H a l a ch o t h ist sehr anschaulich , und dürste in gewisser Beziehung hier auch angeführt werden dürfen.! Ein Nadelkopf kann größere Lasten tragen als man ihm zutrauet, wen» den Mittelpunkt zu treffen weiß. Es hat aber keinen Halt für die Dauer. Die Grunlage fehlt. Daß von diesen Dingen die kein Ohr gehört hat, nichts bekannt worden ist sehr bedauerlich. Wir hätten — wäre es bekannt geworden — einen Maaßstab für die Zeit und den Mann selbst erhalten. Wir finden etwas Nehnliches von einem römischen Redner, welcher aus dem Stegreife eine Rede hielt, die die Zuhörer worunter berühmte Männer waren, in Erstaunen setzte. ES ist aber nichts davon bekannt geworden"). Die Rede des Römers war zwar jilristischen Inhalts, allein dieses stehet der Vergleichung nicht im Wege, denn es sind beide ans dem innern Talente der Redner hevorgegangen. ״Wie die Hieroglifcn — sagt Baco n — den Buchstaben vorhergegangcn sind, so die Parabeln den Argumenten"). Diese Fabeln und viele Allegorien, sind bedeutende Glieder in der Kette der allgemeinen Kulturgeschichte. Sie sind die breitesten Grundlagen aller geistigen Hebung. Der wicderkehrende Refrain in Gedichten ergreift das Herz gewaltig. Die Fabeln und Allegorien sind der Refrain der Geschichte 33). Leop. Dukes. Anmerkungen. '") Aulus ®eil in ö: Attische Nächte B. XV. §. 20. ") Vergl. unsere Blumcnlese S. 231 Nr. 598. ") Unsere Blumcnlese S- 76. ‘") Jernschalmi Berach. 1. Abschnitt. ") Von Philo angeführt. Vergleiche auch unser Ben G a b i r o l. ") Auch von Apulcjns: Metamorfosen erwähnt. Man glaubte auch, daß es Kräuter gibt, die einen Blinden sehend machen können. Vcrgl. Art. סמא in dem Glossarium unserer Blumenlesc. '") Es mag hier gelegentlich bemerk! werden, daß der Versasser der Einleitung (G. 126. 132) von ד׳ יואל spricht als Uebersetzcr der משלי □נדבר, welches ohne Begründung ist. '") Vergl. A r 1! ch Art. מפגיע• 24) Vergl. unsere Blninenlese S. 56. ") Plutarch.- Wie man den Freund von dem Schmeichler unterscheiden soll. ") Der Spruch gehört dem SimonideS. Vcrgl. die griechischeu Lyriker von Hartung II. S. 174. Es erinnert dieses an das thalmudische — כך תקבל שכר על הפדישה• 2י) Der Anödrnck רבנן דאגדחא kommt im jeruschalemischen Thalmud vor. *״) Die biblischen Worte זאת תודת האדם können in gehöriger Entfernung dem modernen Begriff von Humanität in sich aufnehme». Zur Geschichte des Wortes selbst ist AuluS Gell ins: Attische Nächte XHI. 16 zn vergleichen. *״) Von R. Akiba — wenn wir nicht irren — sind die Wortc gebrauch!.ודרש רבדים שלא שמעתן אזן מעולם ™) Die Worte על כל קוץ וקוץ תלי תלים של הלכות• 3י) AuluS Gellius Att. Nächte X. 8- 15• 32) Vorwort zu seiner Abhandlung: die Weisheit der Alten. ") Einige Worte über den Zusammenhang der Fabel mit dem Sprichworte iind manches damit Zusammenhängende wollen wir spätcr folgen lassen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.