Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 4 (1861)
- Issue
- 44 (1.11.1861)
- Date
- 1861-11-01
- Page
- Seite 377 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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377 stens betrogene Betrüger durch Nebel u. Dunstgeheimniß schwangere Wolken zu verkünden und zu verbreiten für gut n. ihren Zwecken anpassend fanden, wobei wir aber jene Mystik hier unberührt lasten wollen, die durch die Kraft, die das Geheimniß auf ungebildete Massen übt, dasselbe zur Erreichung guter Zwecke in Anwendung brachten, obschon wir uns mit dem berüchtigten Grundsätze, daß der Zweck das Mittel heiligt, keinesfalls einverstanden erklären dürfen. Vorzüglich ist es der falschverstandene Autoritätsglaube, der des Menschen Freiheit untergräbt, seine geistige Würde brandmarkt und ihn zur willenlosen Maschine, zum Glaubensknechte herabwürdigt. Unheilbar sind seine Folgen auf die ganze Gesinnungsart des Menschen, die selbst in politischer und sozialer Beziehung so verderblich einwirken. Wo blinder Glaube an Autorität herrscht, da gibt es kein freies Individuum, kein freies Volk, keinen freien Staat. Die freie Stimmung ist gehemmt, der freie Gedankenschwung gefesselt, die freie Thätigkeit geknechtet. Man glaubt unbedingt an das, was eine sogenannte höhere Autorität befielt, unbekümmert um dessen innere Wahrheit, und man ist im Greisenalter immer noch unmündiger Knabe. Darum ist auch Despoteuherrschaft mit Frömmelei und absolute Machtstellung mit Pietismus und Werkheiligkeit so enge verbunden, und darum stehen beide in so enger Wechselwirkung. Aber eben so wenig es einst Karl dem V. gelang, alle seine Uhren gleichförmig gehen zu machen, ebenso unmöglich ist es, mit Vernunft und Freiheit begabte Wesen auf die Dauer in blinder mechanischer Abhängigkeit zu erhalten, und wenn einmal der Zeiger der Uhr auf Mittag weist, den Lauf der Zeit dadurch hemmen zu wollen, daß man den Zeiger zurückrückt. So viel über den Inhalt beider Theorieen des Rationalismns und Supranaturalismus und die Konsequenzen ihrer falschen Auffassung und Anwendung, die uns um so weniger gleichgiltig lassen dürfen, da es sich hier um nichts geringeres handelt, als um die Wahrung der heiligsten Interessen, um die Vertheidigung des geistigen Lebens, einerseits gegen Unsittlichkeit und Verderbniß, andererseits gegen Tod und Erstarrung. Fassen wir nun die Prinzipien beider Systeme genau und unbefangen in's Auge, so geht als Resultat uuserer Betrachtungen folgendes Gesetz hervor: Die göttliche Offenbarung kann nichts enthalten, was nicht einerseits in der Vernunft als göttliche Ahnung vorhanden ist, und andererseits dem ausgebildeten Verstände widerspricht. Die Vernunft ist die Mutter der Religion, der geläuterte Verstand deren Probirstein, jene steht über diesem und nur auf übernatürlichem Wege können manche Vernunft- Wahrheiten erschlossen werden, deren Schleier der schwache, begränzte Verstand nicht zu enthüllen vermag. ״Ob eine Offenbarung sein kann oder sein muß", sagt Leffing, welche von den vielen, die darauf Anspruch machen es wahrscheinlich sei, kann nur die Vernunft entscheiden. Aber wenn eine sein kann und sein muß, und die rechte einmal ansfindig gemacht worden; so muß es der Vernunft eher noch ein Beweis mehr für die Wahrheit derselben, als ein Einwurf dawider sein, wenn sie Dinge darin findet, die ihre Begriffe übersteigen;" aber nnglaubbar ist es, daß wir das nicht für Offenbarung halten können, was den reinen Verstaudesgesetzen gänzlich widerspricht, da nämlich eine Wahrheit der andern nicht widersprechen kann und darf, wenn sie nicht aufhören soll eine solche zu sein, jedoch wohlverstanden, wenn geradezu ein Widerspruch vorhanden ist; da es nicht in Abrede gestellt werden kann, daß es Wahrheiten gibt, die von der Vernunft geahnt und erkannt worden, sich ihr als solche unabweisbar aufdrängen, obgleich sie vom begränzten Verstände nicht in einem erkennbaren, deutlichen Lichte dargestellt werden können, mit einem Worte da es Wahrheiten gibt, die den Gesetzen des Verstandes nicht widersprechen; sondern von ihm nur nicht begriffen werden können. Solche Wahrheiten behaupten sich immer als solche, und müssen sowol an und für sich anerkannt werden, wie sie auch als Prinzipien zu weiterer Vernunft- und Verstandesmäßigen Folgerungen nöthig sind. Es wird das durch eine höhere Offenbarung zur Ueberzeugung, was sich im Allgemeinen als wahr schon dem Gemüthe, weim auch nur dunkel kundgab, es tritt die Offenbarung als Gesetzgeberin auf, und formulirt in Sätzen die Postulate der theoretischen und praktischen Vernunft. Wahrlich nur der Glaube an eine solche Offenbarung ist es, der die erstaunenswerthesten unnennbaren Wirkungen hervorbringt, und dieser allein ist es, der dem Menschen im Leben und im Sterben eine Zuversicht, eine Festigkeit, eine Bestimmtheit verleiht, die an's Wunderbare gränzt. Wer wird nicht von der Weise des Lebens und dem Märtirertode eines R. Akiba hingerissen, der unter den schrecklichsten Qualen seinen Geist mit den Worten der geoffenbarten Religion: ״Höre Israel unser Gott ist ein einig einziger" auöhauchte? Kaum waren die so einfachen 10 Worte am Horeb gesprochen, und ganz Israel ist zu dem Rufe hingerissen: ״Alles was uns Gott befiehlt, wollen wir thun!" Da also, wo die Vernunft die Wahrheitsfunken in das Innerste deS Herzens geworfen, wo sie aber die Idee einem Daguerotvpbilde gleich zwar in ihrer Totalität zur Anschauung bringen, aber in ihren einzelnen Theilen zur gleichsam chemischen Zerlegung nicht darzustellen vermag, da wirkt die Weihe der Offenbarung als Beweisgrund in höchster Instanz, verschafft Ueberzeugung und leistet Wunder. ״Die ganze geoffenbarte Religion", sagt ebenfalls Leffing, ״ist nichts als eine erneuerte Funktion der Vernunft. Geheimnisse gibt es ,und I entweder darin gar nicht; oder wenn es welche gibt, so ist