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Ben Chananja · 1861-11-01 · 44 (1.11.1861) · p. Seite 376

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
4 (1861)
Issue
44 (1.11.1861)
Date
1861-11-01
Page
Seite 376 (sequence 2)
Language
German
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376 die Irrlehren seiner Nachfolger z. B. eines Aristippus, der das Vergnügen als höchsten Lebenszweck aufstellte, mehr Anhänger gefunden als die seines weisen Lehrers! Ja, blicken wir auf die neuern Zeiten, welche vergebliche Mühe gaben sich die Rationalisten ihrer Lehre praktische Anwendüng zu verschaffen? Blicken wir auf die Tafeln der Weltgeschichte, und wir sehen, daß die Zeiten der grübelnden Vernunft auch die des Verfalles der Sitten waren. Sie wiesen trinmfirend ans die Glanzperiode der griechischen und römischen Weisheit in ihrem grellen Verhältnisse zur Herrschenden Verkommenheit, sie wiesen ans den französischen Zeitgeist und dessen Verderbtheit unter Louis den XV., ans die Deutschen unter Friedrich den II. Diese und ähnliche Reflexionen brachten also die Idee des Supranatural i S m u S oder der O f f e n b a r n n g s l e h r e zur Reife. Und Rationalismus und Supranaturalismus, Vernunft- und Offenbarnngsglaube lagen gegen einander im Kampfe. Wallrend die Rationalisten die Religion als etwas Inneres betrachteten, erklärte sie der SupranaturaliSmuS als etwas von Außen Gegebenes, durch Offenbarung MitgetheilteS; während erstere behaupteten eine Offenbarung sei entbehrlich, indem ihre Lehren in Vernunftgesetze nmwandelt, und also die Offenbarung durch die Vernunft ersetzt werden könne, im Gegentheile aber die Offenbarungslehre der Vernunft keine bleibende Herberge zu bieten im Stande sei, behanptete Letzterer daß nur die Offenbarung allein den sichersten Maßstab für das Handeln zu geben vermag, daß die Religionswahrheiten nur ans übernatürlichem Wegen verkündet werden mußten, und nur dem auf diesem Wege allein Mitgetheilten unbedingter Glaube beizumessen sei, da die Vernunft trüge und ans Abwege führe. Wollen wir nun untersuchen, welchem von beiden Systemen der Vorzug gebühre, so läßt sich nicht läugncn, daß eine einseitige Auffassung eines jeden derselben aus Ab- Wege führe, wofür die Geschichte die thatsächlichsten Beweise liefert. Vor allem ist ein solcher Rationalismus nur als ein oberflächlich aufgefaßter zu bezeichnen, der nicht daö, was die Vernunft in ihrer Lauterkeit und Nngetrübtheit in der allgemeinen Uebereinstimmung vernünftiger und unbefangener Menschen, alö übersinnliche Wahrnehmung ausspricht, für wahr erklärt, sondern daö für unbedingte Wahrheit nimmt, waö ihm im getrübten Spiegel der Leidenschaft, der Ueberreiztheit, die Uebereilung und die sinnlichen Triebe n. der Täuschung und dem Jrrthnme so oft unterworfene Verstand für vernünftig und unbedingt wahr darstellt. So artete dieser falschaufgefaßte Rationalismus einerseits, wie bei Voltaire und den Enzyklopädisten in den leichtsinnigen französischen Materialismus ans, anderseits schlug er in nnheilvollen 8c6j1ti6i8mu8 um. Während der Materialismus die Materie als die Grundursache aller Dinge annahm, die , Seele des Menschen verkörperte, so seine Freiheit aufhob, und indem er die geistigen Funktionen als Ergebniß der körperlichen Organisation annahm, den Menschen zur willenlosen Maschine herabwürdigte, glaubte der 8e6pti618mu8 alles bezweifle« oder gerade zu verneinen zn müssen, was sich nicht harscharf durch den Verstand zerlegen, und mathematisch beweisen ließ, wenn es sich auch der Vernunft als ttnumstößl. unabweisb. Wahrheit ankündigte. Hier war also, wie bereis oben erwähnt, der Hauptirrthum, daß man die Vernunft und ihr Organ, daö Gewissen unwillkürl. mit Verstand verwechselte, und dadurch in einen unabsehbaren Labirinth von Jrrthümcrn verfiel. So war z. B. eine natürliche Folge des Materialismus der grobe EpikuräismuS, der sinnliches Wohlsein alö Prinzip aufstellte, in ihm den höchsten Zweck deö Menschen setzte, und Tugend und Heiligkeit grausam vernichtete. Wir sagen der grobe EpikuräismuS, da die Belegung dieser Lehre mit dem Namen EpikuräismuS auf einer falsch verstandenen Ansicht deS weisen Epiknrs beruht, indem er in seinem Prinzipe: ״Strebe nach Wohlsein" letzteres Wort nur im geistigen Sinne nahm: nämlich daö Wohlsein, welcheö das Gefühl der Tugend n. d. erfüllten Pflicht zur nothwendigen Folge hat. Die mißverstandene Beziehung auf leibliches Wohlsein, die den Materialismus zur Konsequenz hat, brandmarkte dieses System mit dem Namen: EpikuräismuS, in welchem Sinne auch die Anhänger desselben von den Rabbinen אפיקורסים GotteSläugner genannt werden. Sehr richtig sagt daher der große Filosof Bako von Bernlaut, daß ein oberflächliches Nippen an dem Kelche der Filosofie von dem Glauben an Gott abführen könne, während die vollen Züge aus demselben zu Gott zurückführcn. — Haben wir nun die Verirrungen gezeigt, auf die eine einseitige Auffassung des Nationalismus führt, so können wir eö uns ebenso wenig verhehlen, daß ein unbedingter SupranaturalismuS oder Offenbarnngsglaube auf nicht mindere oder vielleicht noch gefährlichere Abwege führt. Werfen wir wieder einen Blick in den Spiegel der Geschichte, so sehen wir, daß eine unzertrennliche Folge dieses Glaubens der Pietismus in weiterer Bedeutung war, der nämlich in einem starren Anhängen an dem Gegebenen besteht, unbekümmert, ob eS den Gesetzen des Verstandes entspricht, oder ihm widerstreitet. Dieser Pietismus spaltete sich hierauf, da er in der Vernunft keinen Anhaltspunkt, und durch den Verstand oft Widerspruch fand, in verschiedene Zweige, und bewirkte auf der einen Seite daS Unheil des SektirerthumS mit seinen Begleitern, dem Fanatismus, der Bekehrungs- und Versolgungösucht, auf der andern Seite artete er in heuchelische Frömmelei, Pietismus im engerem Sinne und Mystizismus aus, welcher Letztere alles daS für wahr und untastbar hält, was oft Betrüger, gelinde genannt, wenig-

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