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Ben Chananja · 1861-10-25 · 43 (25.10.1861) · p. Seite 368

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
4 (1861)
Issue
43 (25.10.1861)
Date
1861-10-25
Page
Seite 368 (sequence 2)
Language
German
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368 Schlüsse bei näherer llutcrsucbuug sieb oft als falsch unk unhaltbar erweisen. Daraus laßt sieb auch der bekannte Schluß des Widerstreites der menschlichen Freiheit mit der Allwissenheit Gottes erklären, da man hiebei vergißt, daß man Gott als dem unbegreiflichen Wesen, durch kein Wort ein Prädikat beilegen könne, daS nur für unsere sinnlichen beschränkten Begriffe paßt. Die Wörter sind nämlich nur zum Ausdrucke unserer eingeengten Begriffe geeignet, über die der begränzte Verstand des Menschen nicht hinaus kann; und daher müssen auch die aus solcher ungenügender Bezeichnnng der Ideen gefolgerten Schlüsse nothweudigcr Weise sich als falsch ergeben. So konnte auch MaimonideS nicht trefflicher diesen angedeuteten Widerspruch erklären, als durch die Worte des Profeten ״Meine Gedanken sind nicht die eueren." Also nur die erziehlich erregte und entwickelte Vernullst gibt uuumstößliche Wahrheit, der Verstand aber, der es nur mit formellen Funktionen zu lhuu hat, ist sehr oft dem Irrthume unterworfen. AnSgemacht ist eS aber, daß eine Idee nicht auS der reinen Quelle der Vernunft entsprungeil und nur eineTrngidee sein kann, wenn sie den VerstaudeSgesetzen nach strenger Prüfung w i b c r s p r i cb t, so wie nur auch oft sinnliche Wahrnehmungen als Täuschungen erklären müssen, die die Probe des Verstandes nicht anshalten, wie z. B. Geisterseherei n. s. w., da der Begriff deS I Geistes mit dem deS Gesehenwerdens kollidirt. Fassen wir nun den Hauptgegenstand unserer Betrachtungen ins Auge, so ist eS Thatsache, daß die Vernunft, selbst bei den wilbesten und rohesten Völkern eine Ahnung ihres höher» NrsprungS bat, und nnabweiölich auf ein höchstes Absolutes hinweist das ihr als daS Ideal deS Vollkommenen gibt, und dem sie sich zn nähern strebt. Wir wollen dieß die Idee des Religiösen nennen. Wenn nun der Mensch im Gefühle seiner sinnlich beschränkten Natur sich vor dieser höchsten über ihm waltenden Macht demüthigt, im Gefühle der innern Freiheit und eines höher» Bewußtseins seiner selbst aber sich zu derselben freithätig erhebt, in der Ordnnng der Dinge deren Erhabenheit und unendliche Vollkommenheit anerkennt, wenn er ihr immer näher zu kommen sucht, obwvl er sie nie zu erreichen im Stande ist; so besitzt er die wahre und echte Religion. Dieß ist ihre theoretische Seite. Die Religion hat aber auch eine praktische Seite, nälnlich bas entsprechende Handeln im Gefühle, und in der Erkenntniß dieses Unnennbaren. So wie aber die Religion in theoretischer Beziehung oder im engeren Sinne nur eine sein kann, so kann sie in praktischer Beziehung oder im weitereu Sinne, wie uns die Geschichte zeigt, eine vielfache sein und in diesem Sinne gibt es auch verschiedene Religionen. Die Vernunft nämlich entwickelt sich je nach den gegebeuen Bedingungen der Kultur des Klimas und der Er- Ziehung aus verschiedene Weise, daher ist auch bie Idee deS 1 Religiösen nach der geistigen Verschiedenheit deS Menschen! bei denselben auch verschieden, und diese Verschiedenheit deö Menschen äußert sich vorzüglich in der den verschiedenen Religionöbegriffen entsprechenden Mannigfaltigkeit des AnsdrnckeS und der äußerlichen Darstellungsweise, ui welchen daS lebendige Gefühl und die Ahnung eines Allerhöchsten den Menschen antreibt. Sic änßerr sich in der Verschiedenheit deö Kultus. Der Kultus oder der äußere Ausdruck beS religiösen Gefühles hat in dem Bedürfnisse beS Menschen seinen Ursprung, ist daS heilige Band, welches die Menschen zur gemeinschaftlichen Befriedigung dieses religiösen BedürfnisseS und zur weiteren Entfaltung der inneren Relig i o n verbindet, und ist auch daS äußere Zeichen, an welitem sich die Bekenner einer n. derselben Religion erkennen. Dieß führt zunächst aus den Begriff der positiven Religion. Wir verstehen unter positiver Religion die erleuchteten und anSgewählten Männern ans eine dem natürlichen Verstände zwar unbegreifliche, hoch ihm nicht widersprechende Weise gewordene Erkenntniß der GotteSidee, und der derselben entsprechenden Art der äußerlichen GvtteSverehrung zur weiteren Verbreitung und Belehrung. Eine positive Neligion wirb zu einer mehr oder minder allgemeinen, wenn ein gewisses inneres natürliches Band, als daS der gleichen Abstammung derselben eine allgemeine Anhänglichkeit und Verbreitung verschafft, wenn die überwiegende Geisteskraft erleuchteter Männer durch die Macht der göttlichen Weihe an dem erhabenen Werke weiter arbeitet, und Familien, Völker, Stämme ja selbst ganze Generationen mit heiligem Eifer zu gleicher Gesinnung sortreißt und verbindet. Eine Religion wird vorzugsweise eine herrschende genannt, wenn die Mehrzahl der Glieder eines Staates sich zu derselben bekennt, und demgemäß ihre Ausübung vom Staate beson- Vers gestützt und befördert wird. Geht der Staat aber über diese Grenze hinaus, sucht er durch Entziehung der menschlichen und staatlichen Rechte die Andersgläubigen — wofern nur deren Religion die Uridee deS unbedingt Wahren und Heiligen in sich schließt und ihr dient, somit das vollste Recht auf Achtung und Anerkennung hat — tu der Aeußerung ihrer religiösen Meinung zu beengen mtd zu verkürzen; so macht er sich der Verletzung der menschlichen Freiheit, und eines Eingriffes in die heiligsten Menschenrechte schuldig, und verkennt so sein eigenes Wesen und seine Wirkungssphäre. Der Staat ist ein anerkannt heiliges Institut, er ist die Aeußerung der Gottesidee. Als solche ist seine wesentliche Bestimmung, die Rechte der Einzelnen aus denen doch das Ganze zusammengesetzt ist, und vorzüglich deren höchstes Gut, die Freiheit in Behauptung der vernünftigen Menschenwürde zu beschützen, und hat nur dann einzuschreiten, in tvieferne durch die thatsächliche Aeußerung eines

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