Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 4 (1861)
- Issue
- 42 (18.10.1861)
- Date
- 1861-10-18
- Page
- Seite 365 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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365 ncr Ulltersilchuilg zieht. ״Der Thalmud", sagt er, ״ist und bleibt ein ehrwürdiges menschliches Denkmal der Kultur eines Theils von Vorderajti'tt, ein Werk, gleich wichtig für den Theologe», Filosofen, Sprachforscher n. Historiker (S. 31)." Solchergestalt gebührt Hrn. Dr. M. der unbestreitbare Ruhm, unter den katholischen Gelehrten in Oesterreich zuerst wieder auf die jüdischen Studien aufmerksam gemacht und zur Wiederaufnahme derselben den Impuls gegeben zu haben. Vorliegende Monografie bespricht eine der schwierigsten Partieen der iüd. Rcligionögeschichte; allein da dem Hrn. Vcrf. die seinen Gegenstand betreffenden Untersuchungen von Jost, Frankel, Grätz, Geiger, so wie unsere Entdeckungen und Bemerkungen (Ben Chan. I, 102. 103. 292 und 338) gänzlich unbekannt geblieben; so konnte sich seine Darstellung nur wenig über das Niveau der früher», von der historischen Kritik noch nicht gesichteten Anschauung erheben. Wir begegnen sogar dem aus unkritischen Angaben fließenden offenkundigen Anachronismus, nach welchem Zerubabel und Esra Mitglieder der großen Svnagogc gewesen sein sollen (S. 16)! Mit diesem Verharren auf cinem alten, überwundenen Standpunkte hängt es zusammen, daß der sonst so umsichtige Versager die NeligionSgcschichtc der Periode des zweiten Jerusalcmitanischeu Tempels und das Verhältnis; des Ehristcnthnmö zum Jndcnth. histor. begreifen und in den Hauptzügen darstellcn zu können glaubt, ohne die präzisircnben Teubcuzen der syris. Negierung, die FreihcitSkampfe der HaSmonäcr und den so einflußreichen EsseniömuS mit in den Kreis seiner Betrachtung zu ziehen. Während ferner S. 13 behauptet wird, daß ״Esra die Seele der Konstitnirung des Kanons in seiner uns überlieferten Gestalt war", wird S. 48 die Abfassung des Buches Daniel in die Zeit des AntioebnS EpifaneS gesetzt, und die Verthcidigung der orthodoren Ansicht von Delitzsch, welcher bei Gelegenheit der Besprechung Danicl's den Prof. Hitzig als den Heinrich Heine der bibl. Kritik bezeichnet, entschieden zurückgewiesen. Allein wenn Esra den Kanon in seiner uns überlieferten Gestalt konstituirt hat, so muß ja das Daniclbuch längst vor Antivchuö Epifanes vollendet gcwescn sein! Auch hätte statt der laugen NuSeiiiandersetzniig (56—60) der kurze Nachweis stehen sollen. daß die llnstcrblichkcitshoffnung schon in den Psalmen den entsprechenden Ausdruck gesunden (B. Chan. 2, 302. 303). Der von uns hochgeachtete, uns persönlich befreundete Hr. Vers, wird aus diesen Bemerkungen ersehen, daß seine, ohne Zweifel in reiner wissenschaftlicher Absicht unternommene Arbeit der Revision gar sehr bedürftig sei. und bei seinem tief cindringenden Forschergeiste ist mit Zuversicht zu erwarten, daß er bei fortgesetztem O-iiellenstudinm und bei sorgfältiger Berücksichtigung der neuern Erzeugnisse der historischen Kritik manche seiner Anschauungen berichtigen werde. Dein Herr» Verfasser gegenüber hätten wir hieriutt unsere Anzeige geschlossen, da wir Grund zu der Vermnthnng baben, daß er manchen polemischen Ausfall in diesem Augenblicke nicht mehr unterschreiben würde. Allein seine Abhandlung ist in die Sitzungsberichte der filosofisch-historischcn Klasse der kais. Akademie der Wissenschasteu aufgenommen; dieser Umstand veranlaßt uns noch zu folgenden Andeutungen. Wir zollen der kais. Akad. d. Wissenschaft und der filosvfischhistorischen Klasse derselben alle Hochachtung, welche diesen gelehrten Körperschaften gebührt. Auch bekennen wir, darüber nicht unterrichtet zu sein, ob und wie ferne die verschiedenen Klassen der kais. Akad. d. Wissenschasteu für die von denselben veröffentlichten Arbeiten die w i ssenschaftliche Verantwortlichkeit übernehmen. Jedenfalls wird in der vorl. Abhandlung unter der Ägide der kais. Akad. d. Wissenschaft gegen Judenthnm und Juden so polemisirt, daß uns eine motivirtc Einsprache unerläßlich scheint. Wir übergehen die gehässigen Epitheta, mit welcher jüd. Schulen und Schriftwerke begleitet werden, wiewol man kaum seinen Augen traut, wenn mau wabrnimmt, wie S. 53. die allerdings sebr unkritische, aber höchst unschuldige Notiz eines sehr jungen kabbalistischen Buches (des Sohar Chadasch) über den Ursprung der hcbr. Vokalzeichen als ״malitiöS-farisäische Lüge" bezeichnet wird*)! S. II ist von dem Nationalstolzc die Rede, welcher das ״Volk blind machte, als die Zeit gekommen, wo der zum Jiidäismns gewordcne Mosaiömilö seine ihm von Gott zngcwiesenc Bestimmung erfüllt hatte." Dasselbe wird mit anderen Worten zu wiederholten Malen bchauptct. Allein diese P a u l i n i s ch c Anschauung von der Aufhebung des Mosaischen Gesetzes war ja auch unter den ersten Christen nichts weniger als allgemein herrschend. Petrus, ״der Fclscnmann" bekannte sich trotz der von Paulus gegen ihn geführten Polemik (Gal. 2, 14— 2l) mindestens nicht entschieden zu derselben. Die Ebionitcn und Nazarcner haben als Christen die fortdauernde Geltung des Mosaischen Gesetzes behauptet, und berühmte Kirchenhistorikcr, wie Neandcr, haben ans Justin's des Märtyrers Homilien den Nachweis geliefert, daß cs noch zur Zeit dieses Kirchenvaters, in der 1. Hälfte des 2. Jahrh., selbst Heidenchristcn gab, welche das Mosaische Gesetz mit dem christlichcn Glauben verbanden (Ncand. allg. Gesch. der christlichen Religion und Kirche II, 626). Man wird sich hierüber nicht wundern, wenn man bedenkt, daß die Bergpredigt den Ausspruch enthält, Jesus sei nicht gekommen, das Gesetz und die Profcten anfzulösen, sondern zu erfüllen (Matth. 5. 17), ein Ansspruch, in welchem die Worte nvx xHxrO.vdnt ganz gewiß von der Beibehaltung des Mosaischen Gesetzes verstanden werden müssen, indem in den unmittelbar darauf folgenden Worten die ewige Dauer des Gesetzes in Aussicht gestellt, und demjenigen, der auch nur das geringste Gebot desselben als unvcrbindlich darstclle, mit Zurücksetzung im Himmelreiche gedroht wird. Und wer den dem Mosaischen Gesetze oppoiiirenden Paulinischen LehrtppuS von silososisch-historischcm Standpunkte betrachtet, wird cs erklärlich sinden, daß sich selbst in der Europäischen Christenheit von Zeit zu Zeit die Tendenz kund gab, zur Beobachtung des Mosaischen Gesetzes zurückzukehren. So berichtet BoiiaknrsnS ans dem Jahre i 100 von den Pasagier» in Italien: ״In primis dicunt, quod Mosaica lex sit ad literam observanda , et quod S:\bbatum et civcumcisio et alia legales obscrvantiae adlmc habere statmn dcbcant.“ Ferner aus dem Jahre 1230: ״Pasagii dicunt.vetus Testamentuni esse observandum in soleranibus et in circumcissione, ot in nliis fere Omnibus, exceptis sacriliciis (De vita haereticorum in d. Specileg. v. D’ Aeliery I, 212).“ Unter den gewaltigen kirchlichen Gäbruugen dcü 16. Jahrhunderts suchte sich auch die alte cbionitische, nazarcnischc und pasagischc Richtung wieder Geltung zu verschaffen, und die Spuren dieser Bewegung sind in Siebenbürgen bis auf den heutigen Tag vor- Händen. Noch vor einigen Jahren haben nämlich, wie der Graf Jos. Teleky in der Sitzung der ungarischen Akademie am 2. Sept. 1850 berichtete, die Siebcnbürgischen Bischöfe den Arm der weltlichen Obrigkeit gegen die ״auf ihre Jrrthümer beharrenden" judaisirendcn S a bbatharicr angerufen, was ihnen aber verweigert wurde (N. Ung. Museum II, VI. 11. tu. ״Ertekozösek “ S. 34). War also die Paulinische Lehre nicht mächtig genug, die ganze Christenheit zu allen Zeiten in der Opposition gegen das Mosaische Gesetz zu erhalten; wie kann man den jüd. Zeitgenossen Pauli ihre GcsctzcStrene als Blindheit anrcchuen? *) Der erste, der den später» Ursprung der Vokalzeichcn lehrte, war Elias Levita, ein jüd. Grammatiker (1498 im Mafforet ha- Massoret), welcher dem Kardinal Egidins im Hebräischen Unterricht ertheilte. Nichtsdestoweniger haben später protestantische und katholische Gelehrte, wie Abraham Ealoviuö, David Weimaruö, August Pfeifer, Valentin Ernst Locscher, Josef Cooper, Phil. Ouseel und Julius Bartoloeei diejenige Anschauung vertheidigt, welche Herr Dr. M. für eine malitiös-farisäische Lüge erklärt (S. Wolt. Bibl. hebr. II. 493).