Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 4 (1861)
- Issue
- 39 (27.9.1861)
- Date
- 1861-09-27
- Page
- Seite 334 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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provozirt worden. Die Prager Gemeinde wollte nämlich dem Dr. Frankel in einer Adresse ihre Sympathie und Werthschätzung zu erkennen geben. Freund verweigerte die Unter- Zeichnung der Adresse, und schrieb zur Rechtfertigung seiner Renitenz die bereits besprochene Epistel. Rapoport war minder skrupulös gewesen, und hatte das fragliche Aktenstück mit seiner Unterschrift versehen, bevor dasselbe seinem Kollegen Freund zur Mitunterzeichnung vorgelcgt wurde; er war also gleichsam genöthiget, die Sache Frankel'S, die er zu der seinigen gemacht hatte, zu vertheidigcn, und die Motive Freuud's, die aber nicht ausdrücklich angeführt werden, zu entkräften. Solchergestalt kam er in die gewiß nicht normale Lage, für einen lebenden, jünger» Schriftsteller, dem er sonst ohne Zweifel gerne die gebotene Selbstvertheidigung überlassen hätte, eine Lanze brechen zu müssen. Wäre nun Hr. Oberrabb. Rapoport mit seiner esoterischen Anschauung von der Tradition offen hervorgetreten, und hatte er dieselbe der von Freund vertretenen vulgären Traditionsdoktrin gegenüber vom Standpunkte der filologischeu und historischen Kritik zu vertheidigcn und in ein klares Licht zu setzen gesucht; er würde sich den Dank und die Anerkennung aller Freunde der Wissenschaft erworben haben. Leider schlug er aber den entgegengesetzten Weg ein. Er bekennet sich in seiner vorliegenden Streitschrift ebenfalls zu der herkömmlichen Traditionslehre, und setzt ein Gleiches von Di׳. Frankel voraus, zu dessen Rechtfertigung er die Feder ergriffen hat. Nun ist aber Dr. F.'S eigene Darstellttng durchaus nicht geeignet, diese Voraussetzung zu rechtfertigen. Rap. kann sich dieö nicht verhehlen; er fordert daher den Verfasser des ״Darkhe Ha-Mischna" nachdrücklich auf, sich klar und unzweideutig zu erklären, daß daS ganze mündlich überlieferte Gesetz mit seiner Auslegung der Pentateuchischen Gesetze und den meisten ״Halacha'ö des Moses vom Sinai" buchstäblich Sinaitischen Ursprunges sei “"). Diese Aufforderung involvirt aber ein Kuriosum, das in der Geschichte der religiösen Kontroverse wol seines Gleichen sucht. Der altorthodore Rabbiner Freund verweigert die Unterzeichnung der nach Breslau bestimmten Adresse, und schreibt contra Frankel. Gleichwol verlangt er von letzterem nur die Erklärung, daß die Aeußerungen, welche daS ״Darkhe Ha-Mifchna" über die Tradition enthält, der vulgären Traditionödoktrin nicht widersprechen, vielmehr im orthodoxen Sinne verstanden fein wollen. Der Wissenschaftlich orthodoxe Rabbiner Rapoport unterzeichnet die Adresse, schreibt pro Frankel, und nimmt gleichwol keinen Anstand, die Freund'sche Forderung zu der seinigen zu machen! Konsequeuz und Vorsicht sind hier offenbar auf der Seite Freuud's des altorthodore«, während Rapoport, der wissenschaftlich Orthodoxe, durch Frankel'S beharrliches Schweigen nunmehr in peinliche Verlegenheit gebracht ist, indem es sich klar 1 hcranSstellt, daß der Verfasser der Darkhc Ha-Mischna, für den er seine Feder in Bewegung setzte, in Betreff der Traditionslehre denn doch jenen Vertheidigcrn ziemlich nahe stehen müsse, vor denen er bei ihm Eckel und Abscheu voranösetzt! Wir brauchen wol kaum zu versichern, daß wir mit diesen einleitenden, zur Orientirung dcö Lesers bestimmten Worten den unverwelklichen Verdiensten des ehrwürdigen Rapoport durchaus nicht nahe treten wollen. Derselbe hat das Alter des Pilpnl, die Jugend der Kabbala und den EtttwickelungSgang der Liturgie viel scharfer und genauer erkannt, als alle seine Vorgänger. Zahlreiche Probleme und Dunkelheiten der thalmudischen und geonäischen Literatur sind durch ihn gelöst und aufgeklärt, oder doch ihrer Lösung und Aufklärung entgegen geführt worden. Seine Biografieen haben den Sinn für geschichtliche Forschung in Kreisen geweckt, in denen jener Sinn sonst viel später erwacht wäre. Je bereitwilliger man aber alles dieö anerkennt, desto schmerzlicher wird man die Wahrnehmung finden, daß den Rapoport, über welchen Jakob Ornstein'S Fanatismus den Stab brach, von dem Rapoport, dessen Unduldsamkeit über Andere den Stab bricht, eine so ungeheure Kluft trennt, daß die Neligions- ׳ nd Literaturgeschichte jenen als Rapo- Port I., diesen als Rapoport II. wird bezeichnen müssen. ES ist mithin ganz unstatthaft, die Angriffe auf die Verirrungen des letzter» an den Leistungen und Verdiensten des erster», als an einem Schild und Panzer, abprallen zu lassen. Der Kernpunkt des vorliegenden SchriftchenS ist die Distiilktivu zwischen d. traditionellen Schristanölegung an sich und der weitern Begründung oder Rechtfertigung derselben. Jene ist Mosaischen, diese später», namentlich Soferischen Ursprungs. Diese Unterscheidung soll das Hinterpförtchen bilden, durch welches Rap. den 1)1׳. Frankel auf das orthodore Terrain zurückkehren läßt. ״Wenn ich", so läßt er ihn beiläufig sprechen, ״von einer freien, Einsicht und Umsicht verrathenden Gesetzesauslegung der großen Synode rede, so habe ich dabei die weitere Ausführung und Motivirnng der tradirten Erklärung der Gesetze im Sinne, nicht aber die Erklärung selbst; diese letztere ist seit Moses durch die Paradosis erhalten worden." Ob nun Hr. Di׳. Fr. von diesem ihm geöffneten Hinterpförtchen Gebrauch machen werde, ist für unsere Untersuchung ganz gleichgiltig. Bis zur Stunde hat er es unseres Wissens nicht gethan. Wichtiger ist die Unterscheidung selbst. Um dieselbe in ein klares Licht zu setzen, führt R. vier Beispiele an: 1. Die Feier des Wochenfestes nach farisäischer Auffassung; 2. DenElhrog a m H ü t t e u f e st e; 3. Die Best r a s u n g der e i n e ö A l i b i ü b e r führten Zeugen; 4. Die th a lmu d i sche Deutung dcö in der Schrift an 6-