Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 4 (1861)
- Issue
- 35 (30.8.1861)
- Date
- 1861-08-30
- Page
- Seite 302 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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302 sucht der Vers, darzuthun, daß der ganze Komplcr aller spateren Halachas Sinaitischen Ursprung habe, ohne zu bedenken, daß ein älterer Zeitgenosse R. Simon'ö, R. Jochanan b. Mascha, auch alle späteren Deutungen und Andcutungen der Schriftgelehrtcn dem Moses bekannt sein läßt׳''''). Oder wäre Herr A. geneigt, auch dielen Ausspruch buchftäblich zu nehmen? Glaubt er im Ernste, daß Mose, der Mann Gottcö, für alle Minutien und Verirrungen der späteren Schulen und Schriftgelehrte» verantwortlich gemacht werden könne? Meint er, der Lehre und Ehre Jsrael'ö einen Dienst zn leisten, indem er MoseS und die Prof, zu mikrologischen Grüblern macht? — Die historische Betrachtuttg wird den bezüglichen haggadischen Ueberschwenglichkeiten selbst für die thalmudische Zeit keine dogmengcschichtliche Bedeutung zuschreibeu. Die Genesis derselben wird man sich vielmehr folgender Maßen zn denken haben. N. Jochanan und N. Simon betrieben daS Studium der Mischna schon auf eine so mikrologische Weise, daß sie dem siebenten Abschnitte deS Sabbat-Traktakbö, in welchem die 39 verbotenen Arbeiten anfgezählt sind, nicht weniger als vierthalb Jahre widmeten, so daß eS ihnen gelang, jede der 39 Hauptarbeiten (אבות) mit 39 derivirten Arbeiten (חולדות) zu umgeben. Solchergestalt war es natürlich, oaß das mündliche Gesetz einen sehr beträchtlichen Umfang gewann. Damit jedoch das schriftliche Gesetz wegen seines geringer« Umfanges nicht in Schatten gestellt werde, bernhiate man sich mit der Verherrlichung MoseS, dem ja Alles, was später gelehrt wurde, vom Beginne an bekannt gewesen sei. R. Jochanan tröstete sich auch damit, daß das mündliche Gesetz von allem Anfang an reichhaltiger gewesen sei, als daS mündliche^"). Von einer dogmatischen Abmarkung des Traditionsumfanges ist hier wol schwerlich die Rede. R. ChaSda, Schnlhanpt zn Sora von 292 bis 302, erklärt noch ganz unbefangen, daß Ezechiel Manches lehre, was in der Thora nicht enthalten ist. Nach Verlauf von kaum drei Menschenaltern kann sich R. Asche (gest. im 326) mit dieser Anschauung nicht mehr befreunden, und er hält sich berechtigt zu der Annahme, daß das, was Ezechiel schriftlich lehrte, schon früher als mündliche Paradosis vor- Händen war^׳')! Von entscheidender Bedeutsamkeit für die vulgäre Traditionsdoktrin ist die mischnische Hemeneutik der Amoräer. Der geschichtl. Anschauung ist es sehr begreiflich, daß die Amoräer nicht immer den richtigen Sinn d. Mischna finden. Irren ist ja menschlich, u. d. Jnfallibilität der Amoräer kann um so weniger behauptet werden, als sie sich selbst gegenseitig oft des JrrthumS zeihen! Ferner ist eS hinlänglich bekannt, daß das Studium der Mischna nicht während der ganzen thalmudischeu Zeit auf eine umfassende Weise deineden wurde. Es gab Epochen, wo ganze Mischna-Ordnnu׳ gen vernachlässigt wurden, und sich Niemand um deren Erforschung und Keuntuiß kümmerte, so daß die traditionelle Erklärung derselben in Vergessenheit gerathen mußte. Dann darf nicht außer Acht gelassen werden, daß die Sprache der Mischna für die jüngeren Amoräer, namentlich für die persischen, eine todte Gclehrtensprache war, deren Erlernung durch keine literarischen Hilfsmittel erleichtert wurde. Die fremdsprachlichen Elemente waren besonders den persischen Schulen Hiervglyfen, zu deren Entzifferung der Schlüssel fehlte, so daß man sich genöthiget sah, zn einem vagen Rathen nach Aehnlichkeit der Laute seine Zuflucht zu nehmen. Endlich war der hermeneutische Sinn so sehr getrübt, und die Vorliebe für die Emfase so überwiegend, daß Fehlgriffe in der Erklärung der Mischna gar nicht auffallen können. Die vulgäre Traditivnsdoktrin muß aber gegen alles dies feierlichst protestiren, vorausgesetzt, daß sie sich selbst nicht aufgeben will. Denn wenn sie zugibt, daß der Ariadnische Faden der Ueberlieferung nach einigen Generationen der thalmudischeu Zeit abgerissen wurde, so daß der redliche Forscher im Labiriuthe der Mischna vergeblich seine Hand darnach ausstreckt, und sich nach anderen Hilfsnlitteln umsehen muß; wie soll er sich entschließen, dieser Ueberlieseruug, deren handgreifliche Unzuverläßigkeit er selber ersahren, in einem viel älter» und dnnkleru Gebiete zu folgen? Die Authentizität der Amoräischen Mischnaerklärung ist daher ein Punkt, den die Vertheidiger der Traditionsfestung nicht aufgeben dürften, wenn sie sich nicht den Aggressisteu ans Gnade und Ungnade ergeben wollen. Und dennoch gibt Hr. Dr. Auerbach zu, daß es unverfänglich sei, die Mischna auf eine von der Amoräischen Auffassung abweichende Weise zu erklären (S. 30)! Wie im 17. Jahrhundert R. Lipm a 1111 Helle r und in neuerer Zeit R a p v p o r t knüpft er, ohne jedoch letzter» zu nennen, die Klausel hieran, baß die abweichende Erklärung keine Divergenz in Bezug auf die Prariö involviren dürfe! Herr Dr. A. und seine GesinnungSgenoffen stehen, gleich der Taube des Rabbi JeremiaS :4׳) mit jedem Fuße auf einem andern Gebiete. Während sich der eine Fuß an der äußersten Grenze der Kritik befindet, weilt der andere an der äußersten Grenze der Orthodorie. Diese schwierige Position ist, wie leicht einzusehen, für die Dauer nur mit der sorgfältigsten Vorsicht und Umsicht zu behaupten, indem bald der eine, bald der andere Fuß seinen Genossen zu sich hinüberzieht, und solchergestalt eine gymnastische Nektisikation nöthig macht, damit die gewünschte Jeremianische Taubenpositur wieder hergestellt werde. In dem.vorliegenden Falle wurde durch Anerkennung von Mißverständnissen in der Amoräischen Mischnaerklärung ein Sprung in das Gebiet der Kritik gewagt. Die Beschränkung dieser Konzession auf rein Theoretische, die Praris nicht berührende Differenzen soll das