Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 4 (1861)
- Issue
- 31 (2.8.1861)
- Date
- 1861-08-02
- Page
- Seite 272 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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272 zugehen, was z. B. der Fall ist, wenn Oie erste Ehe kinderlos blieb. Selbst gelehrte Thalmudisten nahmen sich'ö heraus, in Polygamie zu leben, und deS gegebenen einehelichen BersprechenS nicht zu achten. Ein solcher Thalmudist Namens Nissim, der 1534 in Kairo in Bigamie leben wollte, fand an dem berühmten R. Levi b. Chabib in Jerusalcm einen eifrigen Vertheidiger 3). Ueberhaupt kamen unter den Afrikanischen Juden am häufigsten poligamische Fälle vor, wie aus den gesammelten Rechtsgutachten der Afrikanischen Rabbinen — Jsak b. Scheschet, Simon ben Zemach Dnran, David b. Simra und Anderer — zu ersehen ist. Nur Elia Ha-Levi in Konstantinopel will die Vielweiberei gänzlich verbannt wissen, und bernst sich auf Gerschom's Interdikt 4). Bemerkenöwerth ist eS, daß zuweilen die Gattin selbst so nachsichtsvoll war, ihrem Gatten zu erlauben, daß er in Mehrweiberei lebe ף. Ungewöhnliches Aufsehen machte jedoch ein solcher Fall gegen das Ende deS 17. Jahrhunderts in Alerandrien, weil der betreffende Gatte ein Deutscher war, und allgemein die Anschauung vorherrschte, daß die deutschen Juden auch in der Fremde dem Gerschom'schen Interdikte unterworfen seien. David Kolon, so hieß der in Alerandrien wohnende Deutsche, hatte das Unglück, bis auf eine Tochter alle seine Kinder zu verlieren. Untröstlich darüber, daß er keinen Träger seines Familiennamens hinterlasse, gab er seiner ältlichen Frau zu verstehen, daß es ihm erwünscht wäre, mit einem andern Weibe ein eheliches Bündniß einzugehen. Die Gattin David'S gab ihre Einwilligung dazu, und derselbe wandte sich nun an das Rabbinat seiner Gemeinde mit der Anfrage, ob er sein Vorhaben ausführen dürfe. Der damalige Oberrabbiner zu Alerandrien. David Chabillo, machte die Frage zum Gegenstände einer gelehrten Korrespondenz, und daö Resultat der bei den Rabbinaten zu Jerusalem, Hebron und Kairo gepflogenen Verhandlungen war, daß David Kolon durch einen mit hundert Unterschriften versehenen Konsens ermächtiget wurde, den Schritt zu thuu, von welchem er sich die Fortdauer seines Geschlechtes versprach. Die Ermächtigung wurde nicht nur auf die Bestimmungen der Kasuisten gegründet; man wußte zu Gunsten derselben sogar Präzedenzfälle ans der nächsten Vergangenheit anzuführen. Daö Rabbinat zu Alerandrien erinnert an den Rabb. Mardechai Boffel, einen deutschen, inSafet, welcher ebenfalls einen mit hundert Unterschriften versehenen Dispens zur Schließung einer Ehe erhielt, nachdem die Rabbinerin ihre Zustimmung dazu gegeben hatte. Das Rabbinat in Jerusalem nennt zwei deutsche Rabbinen, welche unter gleichen VorauSsetzungen in Bigamie gelebt haben: Nafthali Aschkenasi und Nathan Spira. An der Spitze des Rabbinateö, welches jenem den Dispens ertheilte, stand Serachja Guta, (geft. in Aegypten 1648), Vers, eines handschriftlichen Werkes über die Turim und verschiedener Rechtsgutachten, deren Resultat theilweise von seinen Lehrern Josef de Trani und Jechiel Bassani bekräftiget wird. Nathan Spira war ein gefeierter Kabbalist, der sich auch als Schriftsteller eines bedeutenden Rufes erfreute. Er schrieb ein kabbalistisches Buch über die Vortrefflichkeit des heiligen Landes (טוב האר Venedig 1655) und andere Werke. Er reiste als Bevollmächtigter der Palästinensischen Gemeinden, um Almosen zu sammeln, und hatte ein von den Rabbinen zu Jerusalem unterzeichnetes Sendschreiben bei sich, welches von den zehn Stämmen und den Nachkommen MoseS des Profeten handelte. Er starb in Reggio. In Jerusalem hatte er im Hofe der sefardischen Synagoge mit seinen beiden Frauen gelebt 0). Noch in neuester Zeit hatte der 1846 von Jerusalem nach Kairo berufene Rabbiner EliaS Israel zwei Weiber. Der neuere Reisende Benjamin, dem wir diese Notiz entnehmen, wohnte in Kairo bei einem in Bigamie lebenden Glaubensbruder'). Ob bei den Karäern polygamische Ehen Vorkommen, ist uns nicht bekannt. Gewiß ist, daß dieselben die Mehrweibigkeit als unverfänglich betrachten. Jehuda Hedessi sagt hierüber: ״Die Thora verbietet, zwei Frauen in der Absicht zu nehmen, um eine derselben zu kränken; es steht aber dem Manne frei, zwei oder mehrere Frauen zu heiraten, vorausgesetzt, daß er keine derselben kränkt, sondern alle mit Liebe behandelt, wie Elkana, David und andere biblischen Helden gethan haben 8)•״ Die ausführliche Darstellung, welche wir der Geschichte des mono- und bigamischen Verhältnisses im Judenthume gewidmet haben, beweist, daß daö in der Bibel und zum Theil auch im Thalmud liegende ethische Moment der Einehe von den späteren Lehrern nicht erkannt wurde. Letztere sehen daher weder auf dem Kultur-, noch aus dem biblischen Standpunkte. Und da eö sich hier für die Europäischen Juden um keine praktische Frage handelt, indem die Monogamie durch die bürgerliche Gesetzgebung gegründet ist, so kann die Diskussion hierüber mit aller Ruhe und Gleichmuth geführt werden. Je gründlicher dies aber geschieht, desto klarer wird sich Herausstellen, daß der Standpunkt deö RabbiuismuS in einzelnen Stücken selbst in ethischer Beziehung ein überwundener sei. Fortsetzung folgt. Anmerkungen. l) R. G. 9l. d. R. David b. Zimra cd. Livorno Nr. 22l. 5 A. a. O.: מסגי הששא וו נהגו עתה מקרוב להשביע את הבעל על כל תנאי כתובה R. ©. 91. t>. R. 3os. di Trani Nr. 1l8 in Bezug auf Konstantinopel; נבשעת האירוסין נ בע שלא לקדש אשה אהרח N. G. 91. b. Mahn Ha-Levi in Konstont. 104. : ודבר פשוט בכל גלילות ישורן שהמשדך אשר. משביעי׳ אותו על רעתם שלא ישא אשה אהרח• S. Pcrusch ChaUja Nr. 48-