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Ben Chananja · 1861-07-26 · 30 (26.7.1861) · p. Seite 258

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
4 (1861)
Issue
30 (26.7.1861)
Date
1861-07-26
Page
Seite 258 (sequence 2)
Language
German
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selbst tu diesen untersten Schichten der jüdischen Gesellschaft Niemand wagte, in seinem Wohnorte ein Weib zu seinem Weibe zu nehmen. In Frankreich kamen bigamische Falle selbst bei Gelehrten und geachteten Frommen vor, ohne daß die öffentliche Meinung Anstoß daran nahm. Der GeschichtSkundige wird sich dieö sehr leicht erklären: die spanischen Juden standen auf einer höher» Kulturstufe als die Germanofranken; bei ihnen ging die Einehe aus der veredelten Sitte hervor, cs bedurfte keiner Synode, keines Verbotes, keines Interdiktes! So einfach und klar nun diese Unterscheidung ist, und so sehr eö auch in die Augen springt, daß die Monogamie der spanischen Juden und die Polygamie der germanosränkischen mit den Bilduugözuständen der elftere» und letzteren genau zusammenhängt; so war doch Senior Sachs der erste, der dies einsah und anösprach׳'). Dagegen haben andere Forscher weder die ebenerwähnte kulturelle Unterscheidung, noch die übrigen hieher gehörigen Einzeluheiten nach Gebühr beachtet, wodurch sie in ein wahresLabirinth von Irrthünlern verwickelt wurden. Diese Irrthümer haben wir hier zu berichtigen. In einem dem MaimonideS zngeschriebenen, angeblich an dessen Sohn gerichteten Sendschreiben ist von der Bigamie der französischen Juden, und zwar der gelehrten, die Rede'׳). Samson Bloch findet diese Aeußcruug unbegreiflich, indem daraus hervorzugehen scheint, daß daS Interdikt Ger>chomö unter den spanischen Juden früher Gesetzeskraft erlangt habe, als in Frankreich ״der Heimath" seines Urhebers! Um die Lösung des Problems noch schwieriger zu machen, hebt er hervor, daß daS Interdikt Gerschom's nach dem ausdrücklichen Zeugnisse des Salomo b. Adercth gerade in Spanien keine Anerkennung gefunden ד)! Luzzatto macht dem I)r. Zun; den Vorwurf, daß derselbe die Maimvnidische Anklage, welche er in seinem Werke ״zur Geschichte und Literatur" anführt (S. 205), nicht als falsch und lügenhaft zurückgewiesen hat, indem in der nachgerschomische» Zeit in Frankreich die Zweiehe nicht mehr vorkants). Rappoport findet es unverzeihlich, daß sein Freund Luzzatto eö gewagt hat, den MaimonideS Lügen zu strafen, stimmt ihm aber darin bei, daß in der Maimonidischen Zeit die Zweiehe bei den französischen Juden nicht vorkam. Den angeblich Maimonidischen Brief erklärt er für unterschoben. Die Angabe, daß in Frankreich (פרנצא) die Polygamie herrsche, will er aus die Provence (פרובינצא) bezogen wissen, indem er in dem apokryfen Briefe einen Schreibfehler voraussetzt. Zur Unterstützung dieser seiner Hypothese beruft er sich auf die Notiz bei N. Salomo b. Adderelh, nach welcher in der Provence wirklich die Zweiehe einheimisch war"). Waö nun den angeblich Maimonidischen Brief betrifft, so ist dessen Unechtheit als erwiesen zu betrachten. Dagegen ist der den Franzosen gemachte Vorwurf vollkommen gegründet, wenn auch die Fassung eine Uebertreibung enthalten mag. Letztere wird man im Munde eines Spaniers, der sich seiner kulturellen Ueberlegenheit vollkommen bewußt ist, begreiftich finden. Die Thatsache selbst ist durch die Aussage eines französischen Autors verbürgt: S i m s o tt b e n A b r a- Ham aus Sens bezeugt, wie wir sahen, unzweideutig, daß gelehrte uud fromme Männer in Frankreich in bigamischer Ehe leben'")! — Blocb und Rappoport sahen dies nicht ein, weil sie die bei N. Josef Karo im ersten Abschnitte deS Tur Eben Ha-Ezer vorkommende Abbreviatur :רשב״א falsch au flößten. Statt nämlich R. Simson ben Abraham zu lesen, lasen sie R. Salomo ben Ad derethü Daher die vermeintlichen Räthsel und Schwierigfeite»; daher die übereilten Schlüsse und Emendationen! Die seltsamste Folge dieses qui pro quo zeigt sich bei Rappoport, welcher ans dein vermeintlichen Naschba darthun will, daß polygamische Fälle wol in der Provence, nicht aber in Frankreich vorkamen, während das Zeugnis; des wirklichen Raschba zuerst v. Frankreich und erst dann von der Provence spricht! — Die richtige Auflösung der Abbreviatur, welche übrigens schon von R. Me'ir Katzenellenbogen und R. Löw Ehaneles hervorgehoben wurde, wird nicht nur durch die tiefere Betrachtung der spanifchen und germanosränkischen Knlturzustände, sondern auch durch das angeführte Gutachten Ben Addereth's bestätigt, welches letztere Bloch und Rappoport nicht zu Rathe gezogen haben. Dieses Gutachten kannte auch Holdheim nicht, und auch er hat Sal. b. Addereth, und nicht Simson b. Abraham gelesen"). Auö dem Gesagten erhellt aber auch, daß der von Josef Kolon angeführte ף׳ רשב״א nicht Ben Addereth der Spanier ist, sondern Simson b. Abraham der Franzose. Eö darf indes; nicht unerwähnt bleiben, daß in Spanie» selbst die Einehe nicht in allen Landestheilen vorherrschend war. In Katalonien war sie eö, wie aus dem Berichte Ben-Addereth'S unzweideutig hervorgeht. In Kastilien dagegen hat sich die Bigamie noch zu Anfänge des 1-1. Jahrhunderts erhalten '׳'). In Navarra erklärte sogar die weltliche Gesetzgebung die Polygamie der Juden für zulässig. Nach einem vom Könige Theobald erlassenen Gesetze stand es den Juden frei, sich so viele Frauen zu halten, als sie ernähren und regieren konnten; doch durften sie keine derselben verstoßen, ohne zugleich alle übrigen zu entfernen"). Da nun das Gesetz die Einehe nicht hinlänglich in Schutz nahm, so pflegten sich die Navarresischen Bräute bei der Eheschließung von ihren künftigen Gatten ein auch das Konkubinat auöschließendes, streng einehelicheö Leben rechtsgiltig versprechen, und durch Eid uud Revers bekräftigen zu lassen. Die Verletzung einer solchen Zusage hat in der 2. Hälfte deS 14. Jahrhuud. ein lebhafte Kontroverse zwi-

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