Mannheim
Compact Memory

Ben Chananja · 1861-07-05 · 27 (5.7.1861) · p. Seite 233

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
4 (1861)
Issue
27 (5.7.1861)
Date
1861-07-05
Page
Seite 233 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2542917-2543023-2543051--2177-2545928
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

I selben sich von selbst versteht. Diese Rechtfertigung Philo'S wird Manchem allerdings etwas kühn scheinen. Diese Kühnheit verliert aber alles Befremdliche, wenn man bedenkt, daß Rappoport 1828 von dem nacherilischen Ursprünge der Iesajanischen Trostreden sprach, und 1840 den Verfasser des Kohelet einen essaischen Schriftsteller nannte -N). Zu der esoterische n Anschauung der Tradition bekannte sich auch Di־. Za ch ariaS Frankel, und zwar schon vor 20 I. Daraus deuten mindestens seine folgenden Worte: ״Eine Erörterung, die zeigte, Wiedas Einzelne der Haiacha ins Leben getreten, n. wie dieselbe sich v. einfachen , Anfängen in jene reichen wildbrausenden Ströme ergoß; eine Untersuchung, durch welche erkannt würde, waS jeder Zeit angehört, waö ferner anö dem jedesmaligen Bedürfnisse bervorging, und waS der freien Forschung sein Entstehen verdankt; eine Ermittlung des Forschend der früher» und später» Zeit, die Nachweise, wie Eines anö dem Andern derivirte, in die DiSkussionswcise jedes Zeitalters eindränge und die rhapsodische Aneinanderreihung des Frühern und Später» in ein System brächte: würde ein klassisches 201vinm des Thalmnd fördern und den oberflächlichen Urtheilen sowie vielen unreifen Ansichten Vorbeugen Einen sehr beredeten Wortführer fand die esoterische Traditionslehre au Dr. M ichael S a ch S in Berlin. Die religiösen Zustande der jüd. Gemeinden nach der Zerstörung des zweiten Tempels besprechend, sagt er: ״Die Satzung und die Vorschrift regelte daS Leben bis in daS Einzelste, nahm die Neste früherer Sitte und alten Herkommenö, wie eS sich ans dem,unbewußt, aber s i ch selb st g e tu ä ß sein e F o r in e n e r z e u g e n d' e n V o l k ö g e i st e n a t ü r l i ch n n d l e b e n d i g e n t w i ck e l t hatte, als religiöses Gebot auf, und waö im Anfange wie eine wohlbekannte Weise, eine Lieblingömelodie anö.entschwundenen Zeiten herüber tönte, und wohlthnende Anklänge weckte, setzte sich fester, und lebte sich tiefer ein, da eS fremder und zusammenhangSloser sich einer vcränverten Umgebung als ein rein Religiöses zur Beobachtung, alö gebieterisches Gesetz Gehorsam fordernd gegenüberstellte." Ferner: ״Der breite Boden einer historischen Wirklichkeit ist nicht durch ein v v n vo rn h inein fertiges Systnn vo 11 Nox 11ten zn umspannen, und selbst das Gegebene und Feststehende hat der bewegten freien Lebens- Äußerung gegenüber nicht Starrheit genug, um unverändert zu verharren." Die halachische Thätigkeit der thalmndischen Zeit schildernd sagt Hr. Di־. Sachs: ״Das göttliche Gesetz bildere daS Zentrum, von dem diese Thätigkeit ansging. Das als religiöse Satzung und Uebung in festem Brauche stehende, welches eben als Vorhandenes keines w e 1 t e r » Ausweises über seine Berechtigung bedurfte, erhielt durch seine Zurückleitnng auf einen biblischeu Anknüpfnngspunkt die höhere Weihe, und wie vieles auch durch den Umschwung der Verhältnisse, die veränderte Umgebung, die mannigfachsten Einflüsse von innen und außen sich nmgestaltet hatte, — die höchste und letzte Instanz blieb dennoch das alte Gesetz, nnd willig ordnete sich den leisesten Spuren und schwächsten Andeutungen in diesem unter, waö, v o 1t i h in n n a b h ä n g i g, anö nenerwachtem Bedürfnisse oder durch den Drang der gegebenen Umstande sich entwickelt hatte Wer wollte sich hier nicht der goldneu Schale einer so ausgezeichnet schönen Darstellung aus ganzem Herzen freuen? Aber zu dem Inhalte, den die gvldne Schale birgt, wird sich die vulgäre Traditionödoktrin wol schwerlich bekennen! Die apologetischen Salze des konservativeu Predigers der Berliner Gemeinde sind nicht die ausgepflanzten Siegesfahnen jener Doktrin, sondern die Wimpel ihrer versunkenen Schiffe. Der esoterischen Traditionöanschauung trat auch Samso» Rafael Hirsch nicht entgegen, wiewol er schon damals zu den orthodoren Wächtern Zion'S gehörte. Der Uneingeweihte wird sich dieses Schweigen zu jener kampfvollen Zeit nicht erklären können. In Wahrheit huldigte aber Hirsch selbst der esoterischen Traditionödoktrin. Warum ist er den ״Morija", welcher die historische Begründung seinS ״Horeb" enthalten sollte, schuldig geblieben? Ohne Zweifel weil er einsah, daß man in Deutschland mit keinem historischen Werke auftreten könne, welches eine lange Reihe ungeschichtlicher, ja abenteuerlicher Angaben enthalten müßte. Hr. Hirsch zog eö daher vor, den Morija nicht zu besteigen. Er ließ seinen Horeb lieber in der Luft schweben, statt sich durch einen historischen Unterbau zu kompromittiren. Solchergestalt mußte eS aber den Anschein gewinneu, als ob die TraditionSdoktrin im Stillen eine wissenschaftliche Fortbildung, einen Umschwung erfahre, ohne unter den jüdischen Gelehrten polemische Erörterungen oder gar Verketzerungen und Anfeindungen hervorzurufen. Diesen schönen Aussichten auf einen friedlichen Uebergang von der vulgären zu der geschichtl. Paradosis wurde jedoch nicht das Glück zu Theil, in schönere Wirklichkeit verwandelt zu werden. Einige Aenßerungen Frankel'S in seiner Hodegetik wurden, da Hrn. Hirsch's historisches Gewissen minder skrupulös geworden zu sein scheint, in Frankfurt am Main als on/3n8 belli angesehen, und der Krieg war nnvermeidlich. Wie lange dieser Krieg dauern werde, vermögen wir nicht zu sagen. Der Sieg deS Breölauer Seminardirektorö ist wol gewiß; fraglich ist jedoch, ob die Rücksicht auf die theologischen Großmächte denselben nicht abhalten werdej, das eroberte Gebiet auch wirklich zu okkupiren. Der bisherige Verlauf des nunmehr siebenmonatlichen nicht ohne Leidenschaft geführten Streites ist in Kürze folgender.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.