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Ben Chananja · 1861-07-05 · 27 (5.7.1861) · p. Seite 232

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
4 (1861)
Issue
27 (5.7.1861)
Date
1861-07-05
Page
Seite 232 (sequence 2)
Language
German
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232 abweichenden Leseancn des Mischna!^ und Baraitha-Terte s: Verschiedenheiten, welche nicht selten unversöhnliche Widerspräche involviren! Das Verhältnis!, in welchem besonders die babylonische Gemara zur Mischna steht, legt unverkennbar an den Tag, das; schon in der thalinndischen Zeit der subjektiven Auffassung der überkonuueuen Quellen ein weiter Spielraum eingeränmt war '*). Die Methode des thalmudischen AlterthumS, nach welcher der Wortlaut deS zu erlernenden Objektes zuerst dem Gedächtnisse mechanisch eingeprägt wurde, bevor man an das Verständnis; nnd die begriffliche Auffassung desselben ging mußte nicht wenig dazu beitragen, der Nebereinstimmnng in der Auffassung der tradirten Lehren und Aussprüche Abbruch zu thun. Bei der Repetition von Lehrobjekten, welche das Gedächtnis; Ursprunglich wenn auch nicht ganz nnbegriffen, so doch ohne klares und spezielles Verständnis; aufnahm, geschieht es leicht, das; man Worte wiederholt, ohne sich immer deö damit zu verbindenden Sinnes genau bewußt zu werden. Dies wird Jeder bestätigen, der jemals Zeuge deö didaktischen Mißbrauchswar, welcher d. Zöglinge ״Lektionen" mechanisch memoriren läßt, deren Erläuterung hintenher Nachfolgen soll. Nun kann zwar darüber gestritten werden, wie groß der Antheil sei, welcher diesem Verfahren an der Abschwächnng der traditionellen Erkenntniß während der thalmudischen Periode zugeschrieben werden muß. Die Abschwächung selbst ist eine Thatsache, die nicht in Abrede gestellt werden kann. Wie ist aber diese Thatsache mit der vulgären Traditionödoktrin in Einklang zu bringen? Die Apologeten dieser Doktrin heben mit besonderem Nachdrucke hervor, das; die religionsgesetzliche Praxis ohne Tradition gar nicht denkbar sei, indem die Gesetze der Thora oft so unbestimmt lauten, daß sie nicht geeignet sind, dem religiösen Leben zur alleinigen Richtschnur zu dienen, woraus im Mittelalter schon R. I e h u d a h a - L e v i und im Anfänge deö vorigen Jahrhunderts David Ricto in London großeS Gewicht gelegt haben""). Allein abgesehen davon, das; hier die vulgäre, doktrinelle Tradition von ihrer altern praktischen Schwester nicht unterschieden wird, ist ja die Schadhaftigkeit der ganzen Beweisführung schon durch die Unsicherheit konstatirt, welche trotz deS sichern Leitsterns der angeblichen Tradition auf dem Gebiete der religionSgesetzlichen Praris fast einheimisch ist! Die Beweisführung untergräbt daher ihr eigenes Gebäude, während sie es zu befestigen wähnt. Nur durch die Tradition, behauptet sie, wird auf dem Gebiete der Thora allem Schwanken ein Ende gemacht; geschieht dies aber wirklich durch die thalmudische Tradition? Ist dieselbe wirklich ein zuverlässiger Wegweiser? Wandeln die Lehrer des Thalmud, die Wächter der Paradosis, nicht in den meisten Fällen auf eiligegengesehten Bahnen? Häufig beruhigt man sich mit der Annahme, baß mit dem Abschlüsse des Thalmnb die alte ursprüngliche Satzung eruirt, sichergestellt und für alle Folgezeit als Regel und Norm sanktionirt worden sei. Dem ist aber nicht so. Ein Blick in die Quellen belehrt jeden Unbefangenen, das; die Unsicherheit auch in der nachthalmudischen Zeit fortgedauert hat, und zwar in sehr wesentlichen Dingen. So ist in der Mischna vielfach von der Wegschaffung (בער!־) der Landeserzeugniffe des Erlaßjahres die Rede. Worin besteht aber diese Wegschaffung? Darüber sind die größten kasuistischen Korifäen des Mittelalters getheilter Meinung'^')! Die Wichtigkeit der Niddavorschritten ist hinlänglich bekannt; gleichwol herrscht über die Grundregeln, über die ersten Elemente derselben keine Uebereinstimmung unter den nachthalmudischen GesetzeSlebren"")! Und war der TraditionSreichthunr deö FylakteriengeboteS im Stande, die Spezialitäten desselben vor Zweifel und Verschiedenheiten der Meinttngen zu bewahren'")? Selbst daS Maimonidische Kriterillin, nach welchem über das, tvaS tvirklich traditionell ist, keine thalmndische Meinungsdivergenz herrsche, beweist nur, daß MaimonideS schon in seiner Jugend über die Tradition silososirt, und sich ein Ideal von derselben gebildet habe. Möglich, das; die karaitische Polemik nicht ohne Einfluß auf seine Reflerion war. Daß aber die Wirklichkeit seinem Jdealc nicht entspreche, und sein Kriterium auf thalmudischem Standpunkte nicht stichhaltig sei, ja von ihm selbst nicht konsequent festgehalten werde, ist von älteren und neueren Forschern in daS klarste Licht gestellt worden"). Diese Betrachtungen machen es, so wenig sie auch ihren Gegenstand erschöpfen, begreiflich, das; sich selbst unter den konservativsten jüdischen Forschern der Neuzeit eine der historischen Kritik Rechnung tragende, esoterische Anschanung von der thalmudischen Paradosiö gebildet, welche in den neueren jüdisch theologischen Werken bald angedeutet, bald stillschweigend vorausgesetzt wird. Am offensten, wicwol nicht ohne Vorsicht nnd Behutsamkeit, spricht sich Nachm a u K r o ch m a l aus "). Liber auch R a p p v p o r t findet cs unverfänglich, die antitraditionellen Meinungen, welche Asaria de Noffi dem Philo vorwirft, mit Hinweisung auf den Umstand zu rechtfertigen, daß die mündliche Lehre als der Inbegriff der Palästinensische» Halach a S, den Alexandrinern unbekannt geblieben se i"). Wie ist es aber auf dem Standpunkte der vulgären Traditionsdoktrin zu erklären, daß Philo das gu8 talion8 in der Thora findet, und das Verbot, daö Böcklein in der Mutter Milch zu kochen, in einem dem Thalmud widersprechenden Sinne auffaßt ‘17)? Es unterliegt also keinen Zweifel, daß Nappoport, unbekümmert um die vulgäre TraditionSlehre, den bezüglichen HalachaS einen so späten Ursprung vindizirt, daß die Unbekanntschaft der Alexandriner mit den-

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