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Ben Chananja · 1861-06-28 · 26 (28.6.1861) · p. Seite 224

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Journal
Ben Chananja
Volume
4 (1861)
Issue
26 (28.6.1861)
Date
1861-06-28
Page
Seite 224 (sequence 2)
Language
German
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224 Wie wenig die Thora selbst geneigt war, bei der Masse der Nation Büchergelehrsamkeit vorauSzusctzen, beweist die Borschrist, am Lanbhüttenfest eines jeden ErlaßjahreS das Gesetz öffentlich vorzulescn Aber nicht nur die popularc religiöse Erkenntniß, sondern auch die theologische Gelehrsamkeit hatte zu allen Zeiten der mündlichen Ueberliesernng unendlich viel zu verdanken. Und sind endlich nicht auch die Tugenden, welche an dem jüdischen Stamme so oft gepricsen werden, — Familienreinheit, Wohlthätigkeit, religiöser Gemeinsinn, Sabbatfeier, — das Erzeugniß der lebendigen, praktischen Neberlieferung; sind sie nicht traditionell? Die hohe Bedeutsamkeit der mündlichen Belehrung und lieber# lieferung wird mithin nicht in Zweifel gezogen werden könneu. In diesem Sinne ist die Tradition eine unleugbare Thatsache der Geschieh' , Dagegen bedarf die vulgäre Traditionsdoktrin einer tiejer eingehenden Prüfung, bevor derselben der von ihr in Anspruch genommene geschichtliche Boden zugesprochen werden kann. Zunächst wird man hier die sprachliche Neberlieferung in's Auge zu fassen haben. Die Resultate der neuern Forschung haben bekanntlich dargethan, daß die althebräische Sprache unter den Gelehrten Jsrael'ö viel länger fortlebte, als man früher anzunehmen gewohnt war. Die Psalmen der Makkabäischen Zeit, über welche Napoport in der Almensynagoge in Prag mit besonderer Vorliebe zu predigen Pflegt, liefern den thatsächlicheu Beweis, daß in jenen Tagen des nationalen Aufschwunges und der freiheitlichen Begeisterung nicht nur David's Schwert wieder geschwungen wurde, sondern auch David's Leier wieder ertönte. ״Lobeserhebungen Gottes sind in ihrer Kehle, und zweischneidiges Schwert ist in ihrer Hand (Ps. 149, 6)"; dieses wohlverdiente Zeugniß gibt ein Lied jener Zeit den Hasmonäischen Helden und Dichtern. Nichtsdestoweniger steht es fest, daß schon innerhalb der biblischen Zeit die Kenntniß des klassisch Hebräischen im Abnehmen begriffen war^). In den thalm. Schulen, namentlich den palästinensischen, war die hebräische Sprache ebenfalls nicht ganz anögestorben. Die Bedeutung manches biblischen Wortes kann durch den mischnischeu Sprachgebrauch eruirt werden^). Manche Lehrer mnttterten zur Pflege der heiligen Sprache mif״), und manche schriftstellerische Erzeugniffe in ungebundener und gebundener Rede haben sich aus jener Zeit erhalten^). Allein trotz der wiederholten Anstreugungen, die sprachlichen Kenntnisse jener Schulen zu verherrlichen, ist es doch unleugbar, daß das Sprachgefühl in denselben bedeutend abgeschwächt war s). Bei der Erklärung dunkler biblischer Wörter und Stellen wird man von der Paradosis in der Regel im Stiche gelassen <J). Dagegen werden bald einfache Ausdrücke mißverstanden '"), bald die gewöhnlichsten grammatischen Formen verkannt1'). Alles dies kann nun den alten Schulen nicht zum Vorwürfe gereichen. Gewaltige, zum Thcil weltgeschichtliche Ereignisse haben, wenn auch nicht das Herz und die Hoffnung, so doch die Zunge und die Sprache der Juden bezwungen und überwältiget. Mit anderen nationalen Gütern und Schätzen kam ihnen auch ein Tbeil ihres nationalen Sprachschatzes abhanden, ohne daß eS innerhalb der Grenzen der Möglichkeit lag, die lebendige Ueberliesernng durch An- Wendung eines wissenschaftlichen Apparates zu ersetzen. Diese Möglichkeit war jedoch kaum geboten, als karaitische und rabbanatische Forscher in edlem wissenschaftlichem Wetteifer ihre ganze Kraft und Thätigkeit in Bewegung setzten, um die sprachlichen Dunkelheiten der Schrift mit den ihnen zu Gebote stehenden Hilfsmitteln anfzuhcllen. Unsere Zeit bietet in Folge ihrer silologischen und archäologischen Errungenschäften einen viel größern Reichthum solcher Hilfsmittel, und es ist die Aufgabe der heutigen jüdischen Theologie sich der ganzen Fülle dieser Hilfsmittel zn bemächtigen, um dieselben mit wissenschaftlichem Sinne und frommer Pietät auf den Altar der Schriftforschung niederzulegcn. Von der Lösung dieser Aufgabe entfernen sich aber diejenigen am meisten, die, jene Hilfsmittel verschmähend, den blinden Lärm zu Gunsten der vulgären TraditionSdvktrin als Bereicherung der jüdisch-theologischen Literatur ansehen, oder doch dafür auögeben, ohne zu bedenken, daß ihre leidenschaftliche Parteigängerei der jüdischen Dogmatik nur peinliche Verlegenheiten bereiten muß. Statt sich in fanatischen Erpektorarionen zu ergehen, sollten sie lieber das Problem zu lösen versuchen, wie eS denn gekommen sei, daß die Paradosis, welche angeblich im Besitze der Erkenntniß von untergeordneten Spezialitäten und Minutien blieb, dennoch das Verständniß selbst religionsgesetzlicher Blbelstellen und die sichere Kunde von der altern Hebung mancher hochwichtiger Religionögebrällche gänzlich verloren hat'"). Dazu gesellen sich noch chronologische Probleme. Die beiden Verzeichnisse der Traditionsdepositäre, welche die Mischna enthält13), sind viel zu allgemein gehalten, als daß dieselben geeignet sein sollten, eine vollständige Kette der ParadosiS zu liefern. Den ersten Versuch einer solchen Kette bringt die 884. verfaßte ״Ordnung der Thannaiten und Amoräer", indem sie die Richter und die in der Schrift genannten Profeten als Depositäre der Paradosis anführt. Abraham ben David Ha-Levi scheint diese Kette nicht gekannt zu haben, indem seine im Jahre 1161 geschriebene Ehrvnik trotz ihrer ausgesprochenen antikaraitischen Tendenz über die biblische Zeit flüchtig hinwegeilt. Einen auöführkichern Versuch, die Kontinuität der Neberlieferung nachzuweisen, machte Maimonides fünfzehn Jahre später (1176) in der Vorrede zu seinem Mischna Thora, nachdem er in seiner Einl. in d. Mischna v. d. Zeit d. 1. Tempels nur einen kurzen allgemeinen Umriß gegeben hatte.

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