Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 4 (1861)
- Issue
- 25 (21.6.1861)
- Date
- 1861-06-21
- Page
- Seite 217 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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217 nicht zu ihr, sie kömmt zu uns"'). Sie stellt sich dem Geiste dar ohne daß man sie sucht. U u e i g e n t l i ch e Ausdrücke sind genau genommen, nur ein Tausch der Begriffe. Es wird das Besondere für daS Allgemeine ausgetauscht 2). Es ist dies derselbe Fall bei der eigentlichen Allegorie. Dieselben sind theils von der Natur selbst entlehnt z. B. der Ausdruck ״der Abend des Lebens." ES ist dies ein Gleichniß, welches sehr nahe liegt, und es ist allgemein zu brauchen in allen Sprachen, eS hängt nur von der Modifizirnng der Fräse ao, je nach dem jedesmaligen besonder» Sprachgebrauch. Manche sind historisch, d. h. das Urbild deS Gleichnisses gehört einem besonder» Volke an, und hatte dort eine besondere Bedeutung. Z. B. Sun den bock. ES war einst eine Einzelnheit, es wurde zum Begriff erhoben. Gerade so, wie in der neuen Zeit von^uixot ein Begriff geworden ist. Die sprichwörtliche Redensart erhebt das Einzelne zum Begriff. Der Parnaß und der Berg S tnai liegen weit auseinander, sowol geografisch als filosofisch. Sie sind die großen Scheidepunkte in der Geschichte der Menschheit. Die Verschiedenheit derselben bedarf keiner Auseinandersetzuvg. Das Gemeinschaftliche derselben bestehet darin, daß allgemein menschliche Gedanken von dort ausgegangen sind, obwol sie verschiedene Formen angenommen haben. Die Allegorie — die Taube mit einem Blatte vom Baume der Erkenntniß abgepflückt im Munde — hat sich auf beiden Bergen ihr Nest gebanet. Sie war allenthalben willkommen. Zwischen den Menschen, welche viele Götter anbeteten, und denen, welche nur einen Gott anbeteten, war der Unterschied nicht so groß. Herkules am Scheideweg ist eine Allegorie, welche die freie Wahl des Menschen versinnlicht. Die Versuche, welche die innere bloße Natur des Menschen macht von der Linie des Guten abzuweichen, ist allegorisch in der inoischeu Sage auögedrückt, daß Sa tau die gauze Welt dem Zoroafter zu Füssen legte wenn er ihn anbeten will") d. h. wenn er ihm folgen will. Es ist eine allegorische Hyperbel, welche durch ihre Seltsamkeit anregend wirkt. In diesen beiden Sagen liegt die Allegorie offen da, sie läßt keinen Zweifel über den Inhalt übrig, sie ist die Hülle einer ethischen Anschauung. Manche andere Fabeln enthalten eine geistreiche Idee, aber sie ist nicht immer so auf der Hand. Ein feiner Kopf kann sie herausahnen, sie sind nicht speziell-ethisch, sie sind mehr allgemein filosofisch, auf gewisse menschliche höhere Bestrebungen hindeutend. In einem Gedichte überschrieben ״Pygmalion, die belebte Künste hat Herder'') in geistreicher Weise, nach seiner Art, manches Interessante über Allegorie der Kunst an diese mythologische Erzählung angeknüpft^ Die Erklärungen zu diesem Gedichte hat der Verfasser mit anregenden Ideen gefühlt. WaS Herder von der Allegorie der Kunst sagt, kann auch in größerer AnSdehnnng genommen werden. Denn eS ist ja kein Unterschied ob eine Erzählung vor uns gemahlt, in Stein gehauen, oder geschrieben erscheint. Der Leser siehet bei Betrachtung dieses Gedichts, daß das Gesagte mit P v g m a l i o n nichts zu thun hat. Es ist eine geistreiche Anwendung dieser Erzählung. Es ist diese Anwendung, welche ihr den Werth gibt. Die llcbcrschrift — sagt den ganzen Inhalt der Abhandlung, es ist dieses in sich selbst verdienstlich. Hat H erde r die Erzählung des P y g m a l i o n zum Träger einer ganzen Reihe von Ideen gemacht, so hat Schiller in einem seiner Gedichte (die Ideale) dasselbe als Bild gebraucht, und durch dieses Gleichniß seinem gewöhnlichen Gedanken höher» Werth gegeben. Hat sich die Statue der Venus dem Verlangen des P y g m a l i o n gefügt und sich für ihn allein belebt, so haben die beiden genannten Männer das Bild für alle Welt belebt. Sie haben eine inhaltsleere Erzählung aus der Rumpelkammer der Mythologie in daS Reich deS Gedankens eingeführt. Daß man die Bibel ebenfalls allegorisirte, war leicht zu begreifen. Man sollte einerseits den gesunden Verstand beschwichtigen, man wollte auch andererseits allgemeine nützliehe Ideen in Umlauf bringen. DaS Hohelied (שיר השירים) wurde frühzeitig allegorisirl. ES ist dieses schon in der Mi sch nah erwähnt"). Es ist übrigens ganz gleichgiltig, ob der Verfasser desselben diese untergelegte Absicht hatte oder nicht. Im Thal m n d und in den M i d r a s ch i n finden sich allenthalben eine große Menge Allegorien zerstreuet, sowol a l l g e m e i n - e t h i s ch c n , als h i st o r i s ch e n Inhalts. Die Allegorie überhaupt ist mit narkotischen Arzneien zu vergleichen, welche den Schmerz betäuben aber das Übel selbst nicht heben können. Die Allegorie lenkt die Aufmerksamkeit von der Sache ab, wovon eigentlich die Rede ist, und lenkt sie auf das, was der Allegorisirende vortragt. Eine wirkliche Erklärung kann die Allegorie nicht geben. Denn man ist nicht gewiß, ob man׳ nicht׳ dieselbe auch in einer andern Weise erklären kann, abgesehen davon, daß die meisten Allegorien komparativ jung sind, mit dem Alter der biblischen Bücher znsammengehaltenu Die thalmudische Anschauung, daß die Thora aus 49 verschiedene Arten ausgelegt werden könne6) darf — im dieser sinnbildlichen Bezeichnung — ebenfalls auf die Manmgfaltigkeit der Allegorie bezogen werden^ Man findet im Thalmud auch zuweilen den Ausdruck: Jemand habe Sachon> gepredigt, die kein Ohr je vernommen hatD, auch dieses