Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 4 (1861)
- Issue
- 19 (10.5.1861)
- Date
- 1861-05-10
- Page
- Seite 170 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2542917-2543023-2543043--2104-2545847- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
170 weil unzeitgemäß und zweckwidrig, für die isr. Gemeinden durchaus nicht vindiziren. Doch gehen wir zu der Partie seines fraglichen Aufsatzes über, die von der Gesetzgebung auf Grund der Gleichberechtigung für die isr. Geistlichen resp. Rabbiner die ungetheilte, nichtjüdische klerikale Beeinflußung und ausschließende Ueberwachung und Dirigirung der isr. Volksschulen mit Entschiedenheit in Anspruch nimmt, und hören wir, wie er diesen kategorischen Imperativ motivirt. 1) Dürfen die Rabbiner bei gleicher Befähigung nicht präterirt werden, weil ihr Ansehen und ihr moralischer Einfluß in der Gemeinde dadurch leiden müßte. 2) Kann der christliche seelsorgerische Direktor die isr. Jugend im Gvtteshause nicht überwachen und zum anständigen Betragen verhalten. 3) Würde durch die ungetheilte Dirigirung isr. Schulen durch die Rabbiner die Kollegialität der Lehrer und die Harmonie im Unterrichte gefördert, und somit auch ein besserer Erfolg erzielet werden. Was den 1. Grnnd betrifft, so glaube ich, daß der Rabbiner, wenn er sonst ein gründlicher Theolog, ein tüchtiger Prediger, ein weltkluger umgänglicher Mann und allenfalls auch ein schulfreundlicher Berather der Lehrer und der Jugend ist, er dadurch an seinem Ansehen und seinem nöthigen moralischen Einfluß durchaus nicht verkürzt werde, wenn er neben seinen klerikalen und Pastoralen Funktionen nicht auch zugleich mit der Schuldirektion in beiden Gestalten betrauet ist. Diese gewonnene Ueberzeugung theilt gewiß mit mir jeder Unbefangene und Unparteiische, er sei Rabbiner oder Laie. Hinsichtlich des 2. Grundes, durch welchen Herr H. seine Motion zu unterstützen bemühet ist, nruß ich bekennen, daß so viel ich mich während meiner 10-jährigen pädagogischen Wirksamkeit innerhalb dreier verschiedener Gemeinden überzeugt und wie ich auch an anderen Orten wahrgenommen habe, von Seite der Rabbiner in dieser Beziehung leider nichts, gar nichts geschieht; und kann von ihnen in dieser Sache nichts geschehen, in so lange der Schuljugend nicht ein eigenes Betlokal, wie es hier und in Boskowitz z. B. der Fall ist zur Abhaltung des täglichen Gottesdienstes cingeräumt wird; dann aber ist eS wieder nicht Sache des Rabbiners, der in seiner Basilika resp. Synagoge dem Gottesdienste anwohnen muß, sondern Beruf der Lehrer, die ihnen unterstehende Jugend bei der öffentlichen Andacht zu überwachen. Was den 3. Grund betrifft, weßhalb Herr H. die «nitarische Direktion an israel. Volksschulen für sich und seine Standesgenossen in Anspruch nimmt, habe ich als Widerlegung zweierlei zu bemerken. 1) Kann die Kollegialität der Lehrer an mehrklassigen Schulen nicht durch amtliche Gewalt, sondern vielmehr von dem Rabbiner auf pastoralem Wege durch gütiges Zureden, durch kluge und rechtliche Ausgleichung der obwaltenden Differenzen und endlich durch Hinweisung auf moralische und soziale Rücksichten erzielt werden. 2) Ist eS durchweg unbegründet, daß durch die ungetheilte Dirigirung der Schule durch den Rabbiner der gute Erfolg aller pädagogischen Wirksamkeit an isr. Schulen bedingt sei. Vielmehr kann ich Herrn H. zu seiner Versicherung geben, daß alle mir bekannten isr. Schulen, insofern sie das Glück haben tüchtige und berufötrene Lehrer zu besitzen, sie auch ohne die geringste Beeinflußung von Seite des Rabbiners des gedeihlichsten Erfolges sich erfreuen. Ich will die hiesigen, ich will die mährischen israel. Volksschulen überhaupt, um nicht parteiisch zu scheinen, nicht als Beweis dieser meiner Behauptung anführen; sondern ich will die Pester israelitischen Volksschulen als Beleg heranziehen. Ich war Anfangs Juni v. I. während 8 Tage in Pest. Als Jude und Schulmann interessirten mich unter allen Sehenswürdigkeiten dieser magyarischen Metropole vorzüglich die dortigen israelitischen Volksschulen. Ich wohnte durch volle 1 Stunden an der isr. Musterhauptschule in allen Klasfett, auch in der Preparandie dem Unterrichte bei. Mit Erlaubniß des Herrn Direktors A. Lederer habe ich mich dabei sogar prüfend betheiliget, und ich freue mich sehr, es gelegenheitlich aussprechen zu können, daß ich durch die Leistungen dieser Schule trotz meiner nicht geringen Anforderung an dieselbe, sehr befriedigt wurde. Auch die Gemeinde-Hauptschule habe ich besucht. Ich verweilte bei der 2. und 3. Klaffe der Mädchenschule volle 2 Stunden. Schönlesen, Deklamation, Sprachlehre, Stil- Übung und Vaterlandskunde wurden mir zu Liebe genommen. Ich gab auch hier mit Erlaubniß des betreffenden Lehrers den Schülerinnen Kreuz- und Querfragen, deren Antworten mich ungemein befriedigten. Dabei hatte ich auch Gelegenheit die Ruhe und den Anstand der Kinder während des Unterrichtes zu bewundern. Und so bestehen gewiß in Ungarn und überall noch viele vortreffliche Schulen, die, wie die Pester, der Dirigirung eines Rabbiners entbehren. Aber den Schwerpunkt seiner angeregten brennenden Frage, den Herrn H., ganz besonders ins Gewicht fallen läßt, ist der Umstand, daß die christlichen geistlichen Direktoren (eigentlich Inspektoren) der israel. Schulen dieselben äußerst selten besuchen. Allein gerade dadurch zeigen sie, wie ich glaube, daß sie praktische Schulmänner sind, die wol wissen und auch berücksichtigen, daß Lehrer überhaupt nicht wie ungezogene Schulbuben stets beaufsichtiget und gemäßregelt sein wollen, und daß der tüchtige und berufstreue Lehrer nur durch das ihm von seinen Vorgesetzten gezeigte Vertrauen zum Heile der Schule an Thatkraft und Strebsamkeit allmählich zunimmt; und wenn sie dann und wann die Schule besuchen, wollen sie nur dem Lehrer und der Schuljugend die ehrende Gelegenheit bieten, die Früchte ihres mühevollen StrebenS ihrem wohlwollenden Freuttde darzulegen, um sodaun als behördliches Organ über den Befund hohen OrtS gutächtlich zu referiren, und Lehrer und Schüler bestens anempsehlen zu können. Außerdem gibt es ja auch an jeder mehrklassigen isr. Volksschule einen dirigirendeu Oberlehrer, der für die Uebereittstimmuttg in der pädagogischen Wirksamkeit der Lehrer und für die Beobachtung der Schuldirektiven zu sorgen hat, und dafür dem Schulinspektor verantwortlich ist. Freilich gibt es auch Lehrer, denen die obenerwähnten guten Eigenschaften abgehen; allein gegen solche Subjekte hilft alles Dirigiren und Jnspiziren nichts, da kann nur das