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Ben Chananja · 1861-04-19 · 16 (19.4.1861) · p. Seite 145

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
4 (1861)
Issue
16 (19.4.1861)
Date
1861-04-19
Page
Seite 145 (sequence 7)
Language
German
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145 Dir Sitzung wurde vom Hr. Misc« eröffnet, weicher jeden zur Theilnahme an'den Wahlen nnd zur Eintracht mit den christlichen Bürgern auffordertc. Ihm folgte Dr. Nosak ifr. Gemeindesekrctär. der de» Aufruf deS Hanptkomitös verlas, worauf Hr. Florian ZicmialkowSkl unter allgemeinen Beifalle einen erböhcten Ort bestieg, und folgende Anspra che hielt: ״Ich trete als Kandidat vor Wähler anf. die mich größtentheilS nicht kennen; ich trete also vor Euch meine Herrn mit dem unangenehmen Gefühle, daß Ihr an der Wahrhaftigkeit meiner Worte zweifeln könnet. Darum bitte ich Ench. daß Ihr nur insoferne meinen Worten Glauben schenket, insoferne solche mit meinem politischen Leben in Einklang stehen, nnd wenn dieses Euer Zutrauen zu mir nicht erwecken wird, so wählet mich nicht. Das bisherige Feld nnserer öffentlichen Wirksamkeit war sehr beschränkt, daher, ich gestehe cS in Dcmnth. habe ich auch für das allgemeine Wohl wenig geleistet, aber so oft sich irgend eine Gelegenheit dazu darbot, habe ich meine Pflicht nicht vernachläßigt (Beifall). Und so, was besonders die jüd. Frage betrifft, habe ich als Abgeordneter dieser Stadt beim ersten Reichstage, trotz der feindlichen Haltung desselben den Inden gegenüber, mich znm Grundsätze der Glcichbcrechtigung derselben bekannt, in den Konstitutions-Ausschuß, dessen Mitglied ich war, ihre völlige Emanzipation warm verfochten (Beifall). Auf jenem Reichstage, welcher hauptsächlich das allgemeine Wohl der Monarchie znm Zwecke hatte, ging ich bei Euerer Bertheidigung von allgemeinen Grundsätzen aus, von den Grundsätzen der Vernunft nnd der Religion- Da ich mich zu den Prinzipien der Demokratie bekenne, die zwischen Mensch und Mensch keinen Unterschied außer den der Bildung, des Charakters und des Verdienstes kennt; da ich als Christ, eingedenk der höchsten Lehre des Gebotes: ,.Liebe dcineu Nächsten wie dich selbst" bin (Beifall) — drang ich immer auf die Gleichstellung der Juden, und verlangte Alles für sie, was ich für mich beanspruchte; denn die Juden sind ebenso gut Mensche,!, wie wir eben so wie wir Kinder des himmlischen Vaters (Beifall). Auf unserem Landtage, wenn ich dort einen Platz als Abgeordneter einnehmcn werde, werde ich die Gleichstellung der Juden noch von einem dritten Standpunkte, nämlich vom nationalen Standpunkte, verthcidig'en; denn die Judcnfrage betrachte ich als eine gemeinsampolnische. Euere Ausschließung, meine Herren! hat meinem Vaterlande eine riese Wunde geschlagen; diese Wunde möchte ich gerne heilen. Ich wünsche, daß Ihr diesen Boden, der Euch seit so vielen Jahrhunderten ernährt, als Euer Vaterland anerkennt: ich wünsche, daß Ihr uns, mit denen Ihr so viel Freud und Leid getheilt, als Brüder liebet, daß Ihr Euch mit uns verschmelzet, daß Ihr Polen werdet (Beifall). Dieses kann nur dann geschehen, wenn Ihr dieselben Rechte mit uns haben werdet; denn, obwol ich ein Christ bin, in meiner Gebrechlichkeit kann ich mich nicht zu derjHöhe der Lehre Hinaufschwingen, die 2. Wange darzubieten. wenn man eine gcmißhandelt; kann ich auch also nicht von Euch diese Vollkommenheit verlangen, nnd denen, welche Euch vorwerfen, daß Ihr uns nicht sehr liebet, crwicdere ich: daß nur ein Hund die Hand, die ihn züchtigt, liebkost (Beifall). Die göttlichen Aussprüche sind unbegreiflich. Betrachtet nur, welch' euie Analogie zwischen Euerer und unserer Leidensgeschichte herrscht! Als Ihr Euere Unabhängigkeit verlöret, zöget Ihr in die Verbannung und trotz der Leiden nnd Verfolgungen hieltet Ihr fest am Glauben Euerer Väter in der Hoffnung der Wiedergewinnung des Vaterlandes. Auch meine Brüder gingen scharenweise in die Verbannung; ihre Gebeine schimmern uns in allen Theilen der Welt entgegen; und überall und immer trotz Mangel und Elend leuchtet innen das Gestirn des Vaterlandes — auch sie glauben an einen Messias (Beifall). Euer Gott, der auch unser Gott ist, führte Euch durch verschiedene Länder, wo man Euch verfolgt, geplündert, und dann verjagt hat. Endlich kämet Ihr in unser Land, wo Ihr seit mehreren Jahr- Hunderten weilet, und wo Ihr Euch, wie in keinem Lande der Welt vermehrt habet. Wer weiß, ob Gott nicht wollte, daß dieses Land jenes von Euch geträumte Vaterland sei (Rauschender Beifall). Eben feiert Ihr das Andenken der Befreiung aus der Sklaverei, wie wir die der geistigen Auferstehung; o! mögen diese Symbole zur Wahrheit werden, und mögen diese zwei Feste durch göttliche Fügung zusammen fallen; möge Euer Geschlecht sich mit dem uusrigen vcrschmelzen, daß wir in Bälde das gemeinsame Fest der Verbrüderung feiern können! (Rauschender Beifall.)" Sein Nachfolger, Graf Borkowski hielt eine von nngcheuerem Beisalle begleitete Rede gleicher Tendenz. Zuletzt forderte Herr Michael Wolf. Lehrer an der isr. Hauptschule, die Juden auf, sich mit den Polen durch Annahme der Landessprache zu befreunden, und benachrichtigte die Versammlung, daß er zu diesem Zwecke die Herausgabe eines Gebetbuches mit einer polnischen Uebersetzung beabsichtige, und schließt mit der Ermahnung an seine Glaubensgenosse», in ihren Ansprächen bescheiden zu sein, und nicht zu viel mit Einem Male zu verlangen. Herr Mises erklärte hierauf die Sitzung für geschloffen. Neh. Landes. Literarische Anzeige». הצופה על דרכי המשנה,*) Beleuchtung des Werkes ״Darke Harnischna" von Dr, B. Auerbach. Von L., in Frankfurt am Main. ״Ich schreibe jetzt auf den Wunsch eines angesehenen Mannes für die Tradition und würde ebenso, wenn eine Wandelung seiner Gesinnung eintritt, eine Schrift zu ihrer Widerlegung schreiben." (Mazref S. 20). So wie es ein Grundprinzip des Judenthums ist, selbst die geoffenbartc Einheit Gottes nicht zu glaube», sondern zu erkcnnen nnd somit zur Prüfung und Erforschung des ersten Grnndgedankcns der Menschheit auffordert, so hat auch das Judenthum zu allen Zeiten diesem Prinzip gemäß der Forschung gebührenden Raum gestattet. Je nach der Zeitlage und Zeitumständen war es bald die religiöse Praxis, bald Dogmen, allgemeine Weltanschauung oder filvsofische Lehrsätze, die von den Denken: in das Bereich ihrer Spekulation gezogen wurden, unbekümmert um die praktischen Resultate für das Leben, die sich etwa daraus ergeben könnten. Widersprüche zwischen Lehre und Leben, zwischen den weitgehenden filososischen Forschungen nnd den einengenden rituellen und kultuellen Formen wurden gar nicht beachtet und vielleicht auch gar nicht gefühlt. Es war dies nicht etwa eine Selbsttäuschung oder Lebensverachtung, sondern ׳eine scharfe Tren« nung^doS individuellen Gedankens von dem Thun und Handeln, das der Gesammtheit sich anschließen mußte. So ist der Standpunkt von Gebirol in Mekor Chajim, wo er den Pantheismus lehrte, ein anderer als in seinem PiSmon für den Versöhnungstag; Maimun, der im Jad. Hachasaka ganz auf dem thalmudischen Standpunkt steht, hat im More der filososischen Spekulation Zugeständnisse gemacht und während er z.- B. dort den Satz aufstellt: wer die mündliche Tradition läugnet ist ein Kofer, hat er hier die biblische Erzählung von Bileams Esel in eine Vision umgewandelt, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, daß die Baraitha die Sprechfähigkeit des Esels schon in den Schöpfung Stagen prädeterminirt sein läßt. Salomo b. Meir, einer der Tosaflsten, kommeutirte die Thora aus die rationellste Weise und trug kein Bedenken das biblische Testlliugebot figürlich zu erklären und de» TageSanfang mit dem Morgen beginnen zu lassen (K: Chemed 8, 44.) Es gab allerdings damals noch keine orthodoxe Bibelanstalt. Diese und noch viele andere freie Denker, die als Thalmudlehrer und Kasuisten un- *) ״Diese Schrift, aus der Feder eines der größten thalmndi- ״schen Kapazitäten Deutschlands geschloffen, bedarf keiner weitern Em- ״pfehlnng. ES ist derselbe Gelehrte, welcher vor 15 Jahren ..die schü ״lerhafte Rathlosigkeit des Hrn Dr. Holdheim im Gebiete thalmudischen ״Wissens" nachgewiesen." So lautet die Anzeige des Buchhändlers, in den öffentlichen Blättern, die derVerf. selbst, der Trompeter seine» eigenen Ruhmes, geschrieben hat.

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