Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 4 (1861)
- Issue
- 12 (22.3.1861)
- Date
- 1861-03-22
- Page
- Seite 104 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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104 Ein Verein zur Unterstützung armer Gemeinden gehört, — daran kann kein Einsichtiger zweifeln, — zn den dringendsten Aufgaben der Gegenwart. Indem wir die Gründung eines solchen Vereins Vorschlägen, sind wird jedoch weit entfernt, die Priorität dieses Vorschlages für nnS in Anspruch zn nehmen. Denn derselbe Vorschlag wurde schon im vorigen Jahre, und zwar sehr konkret fornrulirt, in Wien zur Sprache gebracht. Am Scbekalim-Sabbäte (25. Jänner 1860) predigte nämlich I)r. Iellinek über den ״halben Schekel", und fügte zn der hierauf bezüglichcu geschichtlichen Erläuterung den eindringlichen Mahnruf, einen ״Schekel-Verein" zu Gunsten der kleinern und ärmeren Gemeinden zu gründen. Die Predigt schließt mit den Worten. ״So gewiß bis zn Ende dieses Jahrhunderts das ganze europäische Israel aller beengenden Fesseln entledigt sein wird; so gewiß das Judenthum einer großen Zukunft unter den freien, verjüngten und gelauterten Völkern entgegen geht: eben so gewiß ist eö, daß ein solcher Verein in Israels Mitte einst entstehen und der halbe Schekel zur Pflege der Thora und dcö Gottesdienstes wieder aufleben wird. Aber Heil, dreimal Heil jener Geineinde riud jenen Männern, die von der Vorsehung auserkoren sind, ihn inS Leben zu rufen: dann, andächtige Zuhörer, wird unseru Sabbat ein neuer LebenSodem durchdringen, dann wird die Parascha vom halben Schekel einen freudigen Widerhall in allen jüdischen Herzen finden, dann wird jeder in Jsravl in der Ueberzeugung bestärkt werden, daß die alten Gebote seiner Religion auf dem Boden der geschichtlichen Entwickelung neue Früchte tragen, und daß das Judeuthum ein lcbenSfrischcr Baum ist, der im Sonnenschein der Gleich heit vor Gott und dessen heiligem Gesetze gedeiht, grünt, blüht, Labung und Erguickung überallhin verbreitet, wo der einig-einzige und lebendige Gott gepriesen und verherrlicht wird!" Wir wissen nicht, wie weit die VereinSangelegenheit in Wien gediehen ist, seit dem diese Worte an heil. Stätte gesprochen wurden. Der Umstand, daß die Predigt vom halben Schekel im Drucke erschien, läßt llns aber vermuthell, daß daS auö dem Herzen kommende Wort den Weg zu den Herzen nicht verfehlt habe, ן> daß wir hoffentlich recht bald die Genugthuung haben werden, unsere Leser von dem Fortschritte deö Schekel-VereinS zu unterrichten. Antirvmantiscbes. IV. Frankels Hodegetik und Hirsch's Inquisition. Von D1°. XU b r. S ch midt,!)fubbuicr;11 ׳tzropnitz. ES Hane nicht wenig Sensation erregt, als vor einigen Monaterl der RabbinatSassessor Dr. Sachs zu Derlin beim Vorstande seine Demission einreichte, aus dem Grunde, weil während seiner Abwesenheit die Leiche Hold- Heims auf dem Friedhofe in der für Rabbinen bestimmten Reihe beerdiget worden war. Welche Intoleranz, rief man von allen Seiten, welcher ZelotiSmuS! Ist die religiöse Duldsamkeit nicht eine der schönsten Juwelen in der Krone des JudenthumS, deren die Bekenner desselben sich mit ge׳ rechtem Stolze rühmen? Ja, haben nicht die größten und frommsten Rabbinen aller Zeiten eben durch ihre Toleranz sich ausgezeichnet? Doch, während der greise Oettingcr voll milder lind humaner Gesinnung sprach: ״Der Tod versöhnt" — mußte Sachs, der Mann deS Fortschritts, der Mann der Neuzeit, der Dichter und Denker, eine solche empörende Intoleranz zur Schau tragen? — Dieser allseits erhobenen Anklage gegenüber ist unsres Wissens von keiner Seite ein Wort der Abwehr, der Vertheidigung oder der Verständigung gesprochen worden. Um so interessanter dürfte eö daher sein, über diese Angelegenheit daS Urtheil eines Manneö zu hören, der von den Ertremen sich fern haltend, durch seine Ruhe und Besonnenheit sich anSzeichnet. In denc Januarheft ferner Mouatschrift bringt nämlich Dr. Frankel zu Breölau einen ״Rückblick", darin auch dem obigen Vorgänge einige Zeilen gewidmet sind. Da jene Monatsschrift nur für einen beschränktern Leserkreis berechnet ist, so gestatten Sie mir, die bezügliche Stelle hier auzuführen. ״In Berlin verstarb Dr. Holdheim, Rabbiner der Reformgemeinde, und der Geme.indevvrstand ließ ihn in der aus dem jüd. GotleSacker für Rabbiner bestimmten Reihe beerdigen. Der Mißgriff war arg. Sehen wir ab von dem Charakter HoldheimS, wie er sich im Leben zeigte, schwergen wir davon, daß er Juden und Judenthum denunzirte, öffentlich erklärte, der Jude dürfe nach thalmudischer Lehre den Nichtjuden umbringen. Hiesür mögen die Worte äugewendet werden: ״der Tod versöhnt." — Aber versöhnt der Tod, so erhebt er nicht, wandelt nicht den Feind deS positiven JudenthiilnS in dessen Freund uin, macht nicht Denjenigen, für den die Grundsäulen deS Judenlhumes nichts verbindliches hatten zu dessen Bekenner: ihn nun in der Reihe jener alten Lehrer begraben, ist ein Hohn gegen die Verstorbenen, wie gegen den von ihnen bewahrten Glauben. Der RabbinatSassessor Dr. Sachs war bei diesem Vorgänge abwesend: bei seiner bald darauf erfolgten Rückkehr übergab er dem Gemeiudevorstande seine Demission. Er hat unklug gehandelt, ließen sich viele Stimmen vernehmen. Wer im liefen Bewußtsein seiner Pflicht handelt, wo je für eine höhere Idee eingelreten wird, wer eine Ueberzeugung zu erfassen und ihr Opfer zu bringen vermag, bei dem vermißt die Menge, die genau die Lebenöverhältnisse und deren Vor- und Nachtheile berechnet, die von ihr so hochgehaltene Klugheit. — Dem tiefgekränkten Glauben eine Genngthnung zu verschaffen, seine sowol in den Augen der Gemeinde als in den Augen der Behörden, die in diesem Vorgänge einen grenzenlosen JudifferentiSmuS wahrnehmeu mußten, verletzte Würde zu retten, war wol der leitende Gedanke deö SchritteS deS Dr. Sachs: Er mochte unklug sein, aber er war würdig." Doch ist eS nicht ein höchst eigenlhümlicheS Zusam meutreffen? Während Hr. Frankel im Januarhefte seiner Monatsschrift derart kür daS konservative Element im Ju-