Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 4 (1861)
- Issue
- 8 (22.2.1861)
- Date
- 1861-02-22
- Page
- Seite 66 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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66 gegen Völkcrhaß und Bekehrungssucht, gemieden und abgeschlossen von ihren christlichen Mitbrüdern, mußten sich innerhalb der von einander unabhängigen jüdischen Gemeinden verschiedene Formen, Branche, Sitten und Gebete entwickeln theilö zur Abwehr, theils zur Stärkung im Väterlicken Glauben, und theilö unter dem Einflüsse der Länder und Völker, wo sie eine Zufluchtsstätte gefunden hatten. DaS Judenthnm war gleichsam in einem permanenten BelagerungSzustaude, der exzeptionelle Einrichtungen und Gesetze nöthig machte. Als aber mit Anfang dieses Jahrhunderts die Fürsten und die Völker Europas wohlwollende Gesinnungen gegen die Juden au den Tag zu legen begannen, und diese aus ihrer bis dahin nothgedrungenen Absonderung und Jsolirung heraustraten, die Verfolgungen abnahmen und die Bekehrungsversuche seltener oder wenigstens mit humanern Mitteilt betrieben wurden, mußte Vieles, das den Boden seines Ursprunges und die Bedingungen seiner Erhaltung verloren hatte, von selbst sich anders gestalten. Zuvörderst wurde der öffentliche Kultus von allem befreit, was an die trübe und gedrückte Stimmung, an die traurigen sozialen Verhältnisse vergangener Tage mahnte, und an die Stelle der sogenannten Judenschulen, wo die Rechtslosigkeit in der Gesellschaft draußen ihr Spiegelbild in der herrschenden Unordnung und Willkühr fand, traten die Tempel mit regelmäßigen Gesängen, mit Kürzung einiger mittelalterlicher, von Privaten verfaßter Gebete, mit Handhabung einer strengen äußern Ordnung und mit Predigten in der vaterländischen Sprache. Für diese Einrichtungen hatte man bereits Vorbilder in dem Ritus der spanischen Juden, die in freier» und glücklicher» Verhältnisseu als ihre Brüder in Deutschland und Oesterreich sich bewegend, auch mehr Ordnung und Würde in ihren synagogalen Verfassungen hatten, und die spanische Sprache rein und korrekt in ihren gottesdienstlichen Vorträgen und bei einzelnen liturgischen Verrichtungen längst gebrauchten. Dann mußte der Jugendunterricht in den Schulen sowohl im Betreff der Lehrgegenstäude wie in der Methode Veränderungen erleiden; denn es galt nicht, blos treue An- Hänger deö Judenthums, sondern auch nützliche, dem Staate und der Gesellschaft mit ihren Kräften sich hingebende Bürger heranzubilden. Der Inhalt und das Wesen deö IndenthumS blieben von dieser Bewegung ganz unberührt. Weder in den Tempeln noch in den Schulen wurde etwas statuirt, was mit dem innersten Kern und Leben des Judenthums kollidirte, und was außerhalb deö Bereiches des GottesdiensteS und des Unterrichtes lag, wurde der Einsicht und dem Gewissen der Einzelnen überlassen. Wenn aber dennoch Spaltungen in vielen Gemeinden entstanden, so war es die Macht der Gewohnheit und die mit den alten rituellen Formen und dem alten UnlerrichtSwesen zusammenhängenden persönlichen Interessen, welche gegen das Ungewohnte und gegen die Ursachen der verletzten Persönlichkeiten ankämpften, und je schroffer der Abstand in Hinsicht der Bildung und des Geschmackes zwischen den jüdischen Volksklaffen war, desto heftiger entbrannte die Flamme der Zwictracht über Gegenstände, für welche sich kaum eine Analogie in der Kirchengeschichte finden dürfte. So bildet z. B. die Frage, ob die Erhöhung, auf welcher die Thora verlesen wird, unmittelbar in der Nähe der Bnndeslade oder in der Mitte der Synagoge stehen soll, einen Gegenstand des heftigsten Streites, den mit Nichten Orthodorie und Reform, sondern der ästhetisch gebildete Sinn mit der Geschmacklosigkeit in Betreff architektonischer Symetrie führte. Dazu kam noch der Mangel an einer kirchlichen Behörde, welche die edlern und ästhetischern Formen kraft ihrer Autorität sanktionirt hätte, und der Umstand, daß jene Gemeindeglieder, welche durch ihre Beiträge die Ausgaben des Kultus decken halfen, auch das Recht in Anspruch nahmen, denselben nach ihren Wünschen und Gewohnheiten eingerichtet zu sehen. Dies alles gilt besonders von der Ent- Wickelung der jüdisch-religiösen Verhältnisse im österreichischen Kaiserstaate. Entsprechend dem schonungS- und rücksichtsvollen Geiste, der die Bevölkerung Wiens auSzeichnet, und der es nicht liebt, scharf ausgeprägte Prinzipien und Grundsätze um jeden Preis zur Geltung zu bringen, wurden da die Normen des jüdischen Kultus mit der größten Behutsamkeit und mit der möglichsten Berücksichtigung alter Bräuche und Gewohnheiten festgestellt. Mit Ausnahme einiger in der Legende wurzeln- 0er, in nenhebräischer Sprache geschriebener, den Mangel einer Predigt vorauösetzendcr, mit der Gefühlsrichtung deö Mittelalters zusammenhängender Gebete, ist der GrundtypnS des alten sogenannten polnischen Rituals beibehalten worden, ja selbst die Grundtöne der alten Festmelodieen klingen durch und bilden das Thema der neuen. Ueberhaupt dürfte die Bemerkung am Orte sein, daß die Meinung, als hätten die Juden in der Zerstreuung je eine gleichförmige Liturgie gehabt, auf einem Jrrthnm beruht. Die Juden Oesterreichs, Deutschlands, Polens, Spaniens, der Provence, asiatischer und afrikanischer Länder unterschieden sich seit Jahrhunderten in vielen Gebetstückeu und liturgischen Bräuchen, ja selbst einzelne Städte zeichneten sich durch ihnen allein eigenthümlichen Formen und Gebete auö. Der Kultus nach der Ordnung der Wiener israelitischen Gemeinde fand, begünstigt durch die zahlreichen und raschen Verkehrswege der Neuzeit, eifrige Nachahmung in den Hauptstädten Pest, Prag, Brünn, Lemberg, in vielen kleinern Gemeinden der Monarchie, sowie in Deutschland, Belgien, Frankreich und Amerika,