Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 4 (1861)
- Issue
- 7 (15.2.1861)
- Date
- 1861-02-15
- Page
- Seite 63 (sequence 11)
- Language
- German
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63 Vaterland ihrer weisen Mäßigung zollt, ist ein Vorläufer der Anerkennung, welche ihnen von der vaterländischen Geschichte zu Theil werden wird. Unter so bewandten Verhältnissen kann aber der ungarische Jude die Frage nicht unterdrücken: Wenn im Lichte der geschichtlichen Entwicklung der eine Buchstabe des Gesetzes als ein Gespenst erscheint, welches vernünftige Menschen nicht fürchten; warum hat man vor dem Buchstaben so viel Respekt, der, ein traurigeS Vermätchniß fanatischer Zeiten, für mich und — Angesichts der zivilifirtcn Welt auch für die ungarische Gesetzgcbung erniedrigend ist? Wir überlassen eS unseren denkenden Lesern, sich die munizipale Sprachenfreihcit hermeneutisch oder historisch zu erklären: beide Erklärungöweiscn sind der Wahlberechtigung der Juden gleich günstig. Dies erkannten diejenigen Munizipien, welche die Juden bereits mit der Ausübung politischer Rechte bekleidet, so wie die wahrhaft freisinnigen Männer, welche ein gleiches Verfahren in ihrem Kreise vorgeschlagen haben, ohne durchdringen zu können. Bei näherer Betrachtung der Verhältnisse mnß man bekennen, daß sich daö Judenkapitel in Ungarn in einer Art von circuIus vitiosus bewegt. ES ist an vielen Orten nicht populär, weil die Liberalen davon schweigen; die Liberalen schweigen davon, weil eS nicht populär ist. Dies würde bald anders werden, wenn nur die vaterländische Presse dem schärfer» Worte nicht mit archimedischer Ruhe zuriefe: Noli turbare circulos mcos! Hr. Dr. Falk wird eö wol kaum bezweifeln, daß wir seinen Verdruß über die ausländische Presse, welche die ung. Verhältnisse so oft ohne alle Sachkenntniß und mit vorgefaßten Meinungen beurtheilt, nicht nur verstehen, sondern auch theilen. Allein der Tadel, den die ausländische liberale Presse über die Ausschließung der ung. Juden auöspricht, ist leider gegründet; und ist eS würdig und zeitgemäß, den Juden gegenüber den skrupulösen Juristen zu spielen, während man in andern thcilS analogen, thcilS noch wichtigeren Fragen den Buchstaben des Gesetzes ohne Rücksicht und Bedenken fallen laßt? Ei» »« im (Sifcnßurger teitale. ״Die bleibende Grundlage des RechtSzustandeö der Israeliten kann nur der Landtag legen. Bis dahin werden die Angelegenheiten dieser Glaubensgenossenschaft — wo eö mit dem bestehenden Gesetze nicht kollidirt — ohne Zweifel im Geiste der Humanität und der Aufklärung unserer Zeit erlediget werden." So Hr. Di׳. Falk in dem so. eben besprochenen Artikel. Es ist unzweifelhaft, daß diese Äußerung sehr ernst gemeint war. Nicht nur die Menschlichkeit, sondern auch die Parteistellung muß den Hru. F. wünschen lassen, daß von den neugewählteu Beamte» in Ungarn, welche sämmtlich zu der von Hrn. F. vertretenen liberalen Partei gehören, alles vermieden werde, worüber in der ausländischen Presse ״Lärm" entstehen könnte. Stünden nun die betreffenden Herren sämmtlich auf dem Standpunkte des Hrn. F., so würden sie natürlich beflissen sein, ihren richterlichen Eifer zu mäßigen, um kein Argerniß zu geben, und die konstitutionelle Restauration des Vaterlandes nicht zu kompromittiren. Leider sind aber manche Prinzipiengenosse» deS Hrn. F. weiter hinter der Zeit zurückgeblieben, und sie wären sicherlich sehr erstaunt, wenn sic hören würden, daß sie ein Enkel AbrahamS in Wien, welches sich die Aufgabe gestellt hat, Alles, was die liberalen Enkel F.rpnds thun, zu vertheidigen, durch die Prügeleien und Torturen, die unter der Fahne der 1848-er Gesetze verübt werden, in die peinlichste Verlegenheit bringen. Die Scharoscher Geschichte endete mit einem offiziellen Berichte desselben Stuhlrichters, der das Prügclurtheil auösprach und vollziehen ließ. Es ist aber hinlänglich bekannt, daß die geschichtliche Wahrheit nicht immer mit der offiziellen Wahrheit Hand in Hand geht. Wie wird nun die schauderhafte Geschichte in Olönitz im Eisenburger Komitate enden, wovon der ״Pester Lloyd" (v. 13. d.) nach den ״Neuesten Nachrichten" Kunde gibt? — Der Stuhlgeschworne Berte ließ an einem Juden — Moritz Ascher — Torturqualen vollziehen, die man für fabelhaft halten müßte, wenn nicht die Folgen dersclben in dem von einem christlichen Arzte auSgefertigten Visum reportum klar und unzweideutig beschrieben wären. Wird eS auch dem Stuhlgeschworenen Berke überlassen bleiben, den Beitrag, den er zur neuesten Kriminalgeschichte geliefert hat, durch seinen Bericht abzuschließeu? Wir halten es jedenfalls unter den vorwaltenden Umständen für dringend geboten, daß sich in Pest ein Komitü bilde, um in ähnlichen Fällen den bedrängten Glaubensgenossen zu Hilfe zu eilen. Ein solches Komito hätte in diesem Augenblicke einen tüchtigen Rechtögelehrten nach Steinamanger zu entsenden, damit derselbe dem maltraitirten Ascher mit Umsicht und Energie zur Seite stehe. Der Vorwurf deS Separatismus ist durchans nicht zu fürchten. Die Inden Englands sind emanzipirt, ttlld dennoch besteht ihr Board of deputieö fort, ohne daß cs Jemanden einfiele, an Separatismus zu denken. Erst vor Kurzem hat die Alliance JSraelite in Paris eine aus den Herren Eahen, Carvallo und Leven bestehende Kommission nach London entsendet, um mit d. Board über die Schritte zu beratheu, welche gegenwärtig in der Mortara-Angelegenheit zu thun ivären. Mögen die hervorragenden Mitglieder der Pester Gemeinde keinem unbegründeten Bedenken Raum geben. Dem Bedrängten beizustehen ist ein heiliges Gebot der Religion, kein Ehrenmann darf sich der Erfüllung desselben ans falscher Scham entziehen. Ferner bitten wir die Redakteure der ungarischen Blätter, sich von ihren Eorrespondenten über etwaige Mißbräuche der Justiz und Administration genau unterrichten zu lassen. Der Umstand, daß die horriblen Geschichten von Szomoö und OlSnitz zuerst in deutschen Blättern erzählt wurden, bringt die ungarischen Juden, zugleich aber auch die nnga« rische Presse in eine falsche Stellung, indem eS den Anschein gewinnt, als ob die erfteren die auswärtige Presse zu ihrem Schutze anrufen müßten, wie einst die Protestanten in einzelnen Epochen die auswärtigen Mächte angerufen haben. Die Inden haben unter der Last der Solidarität lange ge-