Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 4 (1861)
- Issue
- 7 (15.2.1861)
- Date
- 1861-02-15
- Page
- Seite 54 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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54 Formen ihrer Thäligkeit. Dem Geiste des Lesers sichtbar, wenn auch nicht dem Auge desselben, stehet eine Säule in der Mitte dieses Tempels mit der Inschrift היטב השיר כזבו ״das Beste des Gedichtes ist die Dichtung." Es ist dieser Satz keine Regel, er ist nur ein Faktum! ") Es hat lange gedauert, bis man einen Unterschied zu machen wußte zwischen ״Lüge" und ״Dichtung". A l ch a r i s i hätte, wenn er cö gewollt hätte, dieses Kapitel wirklich zu einem Kompendium der Theorie machen köuuen. Er hätte nur seine eigene Thätigkeit betrachten dürft». Er war stark im Epigramme, in elegischen Versen, in Deskriptionen und in allgemeiner Stylistik. Das Hervorragen in einer dieser Gattungen war immer hinreichend, einen Namen berühmt zu machen. Indessen hat er das Kompendium der Theorie nicht geliefert. Ein künftiger Historiker kann dasselbe für ihn thun. Obwol die meisten Zeilen, die Historisches in sich der-- gen, nach andern Richtungen hingehen, so ist doch folgende Zeile als allgemeinen Inhalts zu betrachten und hier auszuheben. להבר המליצות הנפזצות ולסריד החמודות הצמודות ״Zu verbinden die zerstreuten (Bilder) der Eloquenz, und zu trennen die vereinigten Kostbarkeiten." Es enthält diese Zeile eine leise Andeutung über das Maßhalten in der Stylistik überhaupt, so wie über das Benützen fremder Gedanken. t Es dürfte sogar als indirekte Ansicht über diese De- Nutzung gelten, und die Andeutung enthalten, daß ein Gedanke, der durch Eigenthümlichkeit ausgedrückt ist, Eigenthum des Stylisten wird, selbst wenn der Gedanke ursprünglich von anderwärts entlehnt ist. ES würde im Allgemeinen den Sinn deö Verses von Pope ausdrückeu: Wliat oft was thougt but, never to well expresstl. (WaS oft gedacht, aber nicht so wohl ansgedrückt wurde.) Ben Gebirol '") hat die Zeile ואקבץ מנסוציה ״ חרוזים ואלקט מסווריה פניניםIch sammle Verse aus ihren zerstreuten (Gedanken), lese aus Perlen von ihren getreu»- ten (Ideen)." Göthc hat die Worte von Wieland. ״Wo sichS versteckt, wußt er's aufzufiuden." Man darf diese Worte als geistige Parallelle zu den cmgeführten Worten ואקבץ מנפוציה יכו׳ betrachten. Daß zwischen diesen 2 Versen beinahe 9 Jahrhunderte liegen, darf der Leser nicht außer Acht lassen. Es gehört auch der Ausdruck hieher ״die Perlen an den Fäden aureihen." Jehuda halevi beginnt ein Gedicht mit den Worten: פניני שיר אשר לבי הריטן היש ״) משיב פרודתן לחוטןPerlen der Poesie, deren Form mein Herz ist, ist jemand da, welcher die getrennten (Gedanken) an ihren Faden anreihet?") Arabische Dichter und Schriftsteller brauchen dieses Bild oft. Bei Jbn Challican taucht es zuweilen auf. Wir haben bereits in Frankels Zeitschrift (1859, S. 219) manches darüber angemerkt. Es liegt in den Stellen der Dichter gar manches Interessante verborgen für die Geschichte der Ansichten über das Theoretische der Poesie; so z. B. liegt in Martials Epigrammen manches über Geschichte und Theorie des Epigramm's, in anderen Dichtern liegt manches über anderes. Solche Stetten zu sammeln und zu betrachten, ist ein Beitrag zur Geschichte der Poesie. In der deutschen Literatur hat Freiligrath ") sich dieses Verdienst erworben. Wenn ein Dichter heute einen solchen Stoff wählen sollte, so wäre er auch nicht immer aus der Rhetorik herausznbringen. Die etwaigen mythologischen Bilder, welche derselbe als Gerüst für seine Schilderungen wählen könnte, könnten doch schwerlich das Innere der Poesie schildem. Rein Literarisches gehört dem Historiker. Der Dichter könnte von dem Historiker verdrängt werden. Poesie und Rhetorik waren lange als eins und dasselbe betrachtet worden. Hat ja einer der Alten Virgil selbst als Redner und nicht als Dichter wollen passiren lassen 12). In den! Beginn der französischen Poesie hat man Rhetorik und Poetik für eins gehalten, und diese Ansicht war lange bis in die neuere Zeit geltend 13). Das Gedicht von Schiller an Göthe, als er den Mahomed aufführeu ließ, obwol es manche interessante Stelle enthält, und manche geistreiche Andeutung giebt, enthält keine direkte Regel. Aber der Zweck des Gedichtes war eigentlich, dem Geiste des Lesers den Unterschied zwischen bloßer Rhetorik und Poesie in lebendiger Weise vorzuführen. Das Innere der Poesie hat keiner betrachtet. Es ist dieses in keiner Poetik gegeben worden. Alle großen Dichter haben erst Stoff zur Poetik gegeben. Als Schiller seine Gedichte schrieb, hat es längst Handbücher der Poetik gegeben, aber sie stehen mit Schiller in keinem Zusammenhange. Schiller hat eine Welt tm eignen Busen entdeckt, wie auch Ben Gebirol. Die gewöhnliche Poetik hat das Aeußerc in Bezug auf Sprache zu betrachten, so wie einige Regeln über gewisse Gattungen der Poesie. Das Innere der Poesie ist der Duft der Rose, der empfunden aber nicht definirt werden kann. B o i l e a n und P o p e, beide au Horaz knüpfend, haben genau genommen, nur Aeußereö gegeben und der Betrachtung vorgcführt. So auch Alcharisi. Mit dessen historischen Urthcilen über die Poeten hän gen diese Worte zusammen. Ein guter Tbcil deö Gedichts von Pope enthält eine Art von Geschichte der Poesie und der Urtheile darüber. Es beschreibt sie in den weitesten Kreisen.