Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 4 (1861)
- Issue
- 4 (25.1.1861)
- Date
- 1861-01-25
- Page
- Seite 34 (sequence 10)
- Language
- German
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34 bürgerliche Stellung der Inden in Ungarn gebracht: so wäre eS höchst wahrscheinlich weder in Presibnrg, noch in Raab, noch in Nagy-Köröö zu mehr oder minder bedenklichen Indcnkrawallcn, noch in SomoS zn einem Justiz-Attentate gekommen; die Stadt Pest hatte schwerlich den übrigen Stadten ein spießbürgerlich-erklusives Beispiel gegeben; und jüd. Komitats-Ausschußmitglieder ,vürden nicht zu den AuSnahmen gehören. Der Redakteur des Pesti Napl«, Bar. Sigm. Kemönv, der eifrige Wortführer der modernen konstitutionellen Ideen und Institutionen, der Ministerialrath unter dem verantwortlichen Ungar. Ministerium, ist ein viel zu erleuchtoter Publizist, als das; sich bei Unit irgend eine Art von Jndcnfresserei voraussetzen ließe. Als ein Patriot, dem die Blüthc und der Ruhm des Vaterlandes über Alles geht, hat er, den Pulsschlag der Zeit beachtend, den ״Nationalitäten" zn wiederholten Malen mit Unbefangenheit und Warme daö Wort geredet. Nur den Juden gegenüber beobachtet sein Blatt ein ununterbrochenes Stillschweigen! Dieses unheimliche Stillschweigen ist aber in einer aufgeregten Zeit beredet genug, um die Engherzigkeit zur Ausschließung der Juden, den pöbelhaften Haß zu Judeuhetzen, und den feudalen Uebermuth zu Justiz- Attentaten gegen Jude» aufzumuntern. Die Verdienste des Hrn. Baron Sigmund Keinem) um die ungarische Publizistik und Romanliteratur sind mir nicht unbekannt, und ich weis; dieselben nach Gebühr zu würdigen. Andererseits ist cs aber dem edlen Baron sicherlich kein Geheimuiß, das; viele Juden ihr Blut für die Sache verspritzt haben, für welche er selbst spricht und schreibt. Ich fordere daher den Hrn. Baron im Namen von 400,001) unterdrückten Landeskindern auf, sein Stillschweigen über die Judenfrage zu unterbrechen, und sein Votum über das den Juden zukommende Recht in Uebereinftimmung mit seinen bekannten liberaten Grundsätzen abzugeben. Die übrigen ungarischen Journale werden ohne Zweifel nicht säumen, dem guten Beispiele zu folgen. Die ungarische Publizistik hat bisher nicht selten darin gefehlt, das; sie, auch wenn sie der Emanzipation wohlwollend das Wort redete, Deduktionen und Klausel» in ihre Schutzreden webte, durch welche der Eindruck aus die öffentliche Mciuung geschwächt werden mußte. Lassen ,vir in der Folge das doktrinäre Gerede, und halten nur uns an die Erfahrungen des Auslandes, halten wir uns an die einheimischen Erfahrungen! lieber letztere will ich mir einige Worte gestalten. Wenn säuuutliche nichtjüdische Einwohner des Königreiches ilngarn und seiner Nebenländer zu allen Zeiten in holdseliger, idvlliicher Eintracht gelebt, und die Juden allein Beschränkung und Unterdrückung erfahren hätten; wäre ich, ich leugne es nicht, nachdenklich geworden, und hätte mir die Froge vvrgelegt: Hat nicht etwa mein Volk selbst! den bittern Druck verschuldet, den es;u ertragen hat? Aber j die große Lehrerin der Menschheit, die Geschichte, und in 1 Sonderheit die Geschichte deS Vaterlandes gibt mir solche!Ausschlüsse, daß ich dieser Frage keine, gar keine Berechti j glittg zugestchen kann. Warum haben die Anhänger des alten Naturkultus von ihren ungarischen Brüdern, die das Ehrntenthum ange- I nommen hatten, so schonungslose Verfolgung erleiden müsz sei,? Haben sic etwa christliche Tafeln gemieden, oder Dis-! lontvgeschäfte gemacht, oder Wechsel protestirt, oder gar in! christlichen Städten Fysikate bekleiden wollen? Nichts von allem dem! Ihre einzige Schuld bestand darin, daß sie ׳ zu einer schwachen Minorität herabgeschmolzeu waren, so i das; jenes Gesetz, nach welchem ״die großen Fische die; kleinen verzehren", gegen sie in Anwendung gebracht wurde. 1 Die geehrten Leser d. Bl. werden wol keilten Anstoß j daran nehmen, wenn ich bekenne, daß ich für die alten heidnischen Magyaren, denen übrigens die monotheistische i Idee nichts weniger als fremd war, eine lebhafte Sympatie hege, weil sie unterdrückt wurde», und der Unterdrückte mit ׳ jedem Unterdrückten svmpatisirt, und das; ich wegen ihrer | Duldsamkeit einen besondcrn Respekt vor ihnen habe. Diele ׳ heidnischen Natursöhne haben weder den Juden, die erwiese-! nermassen unter ihnen wohnten, noch den Ehristen ein Haar 1 gekrümmt, so lange letztere nicht aggressiv gegen sie aus׳ traten. 1 Da die christliche Religion eine Tochterreligion des JudenthumS ist, so hat es für mich wirklich etwas Demüthi-! gendes, bekennen zu müssen, daß die Ungarn unter der Fahne ihres alten Naturkultes duldsamer waren, als unter der des Ehristeuthums. Allein der geschichtlichen Wahrheit muß Anerkennuug gezollt werden, auch wenn sie demüthigeud ist. Ladislaus Szalav, der neueste ungarische Geschieht- ׳ schreibet׳, ist der erste, der die Duldsamkeit der alten Ungar. Heiden anerkennt; die Bedeutsamkeit, die ihrem Kampfe von ungarisch-nationalem Standpunkte zu viudiziren ist, ha; aber Szalav in ihrer wahren Tiefe eben so wenig erkannt und gewürdigt, als seine Vorgänger, wie ich an einem andern Orte zeigen werde. Andererseits muß jedoch zugegeden ,verben, daß der Heidenversolgung des eiltten Iahrhunderts religiöse Motive zu Grunde lagen. Man glaubte dadurch ein gottseliges Werk zu üben. Die heutige Zeit kann hierin nur die bornirte 'Weltanschauung des blinden Fanatismus erblicken; der sortdauerude Iudendruck ist aber eben aus. dieser Weltanschauung geflossen. Kein Raisonuemein in der Welt ist im Stande, diese Wahrheit in Abrede zn stellen. Wenden wir uns zur Verfolgungsgeschichte der Protestanten, mit welcher sich jeder gebildete Jude in Ungarn bekannt machen sollte.