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Ben Chananja · 1861-01-18 · 3 (18.1.1861) · p. Seite 18

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
4 (1861)
Issue
3 (18.1.1861)
Date
1861-01-18
Page
Seite 18 (sequence 2)
Language
German
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18 fant als ein Vorbild für so viele historische Erscheinungen dcö Iudenthums in der Zerstreuung. Das erste Problem, dessen Lösung wir von unseren alerandrinischen Glaubcnöbrüdern erwarten, ist: Wie werden ihre bevorzugten Geister sich zu der gewaltigen filososischen Strömung, die alle denkende Männer im Reiche der Ptolemäcr mit sich sortriß, verhalten? abwebrend, anschliesiend, oder vermittelnd? Die Geschichte antwortet uns mit einem Worte: ״Alerandrinismus!" Dieser, obwol lokalen Ursprungcs, ist doch im Grunde ein historisch-psychologisches Gesetz, daö in bestimmten Geschichtsepochen seine Herrschaft auSübt, und daö Produkt zweier mächtiger Faktoren ist. Der eine ist der gegebene, bestimmte, firirtc und überkommene Inhalt der Religion, der andere die stuktuirenden filososischen Ideen, welche von allen denkenden Geistern Besitz nehmen, und denen, weil sie von einem ganzen Zeitalter mit Ernst und Energie ergriffen werden, sich kein Mann des Denkens entziehen kann. Unvermerkt bildet sich eine Anschauung, in welcher der sirirte, religiöse Inhalt und die filososischen Ideen sich gleichsam chemisch mit einander verbinden, und entsteht ein Verfahren, durch welches das Verwandte zieh einigt, und daö Fremdartige auögestossen wird. Der Prozeß, wie er in den jüdischen Geistern Alerandrienö sich vollzog, mußte auch später vor sich gehen, als die arabische Filososie im Mittelalter und die Hcgel'sche in der Neuzeit sich den Eingang in die Zelte Sem'ö — um mich eines alten Bildes zu bedienen — erzwungen batte, und hier wie dort sind Allegorien, Symbolisirnngen, Umdeutungen und Anstrengungen, den universalen Elementen des Iudenthums den Vorrang über die partikulären einzuräninen, die hilfreichsten Dienerinnen und die immer wiederkehrenden methodischen Hilfsmittel. — Ein anderes Problem, dessen alerand. Lösung uns im höchsten Grade interessirt, ist die Thätigkeit des jüdischen Geistes inmitten nationaler und religiöser Gegensätze, Angriffe und Konflikte. Wir werden Männern begegneu, welche nicht blos die jüdische Lehre in der Sprache der Griechen vertheidigen und rechtfertigen, sondern auch bemüht sind, die Erhabenheit und die Vortrefflichkeit des Indenthums mit begeisterten Worten vorzutragen. Dieses Streden wird in den bessern Geistern allmälig das Verlangen erzeugen, einerseits das Partikularistische im Iudenthume zu mildern, Alles was bei den Heiden Anstoß erregen oder zu Mißverständnissen Anlaß geben könnte, durch eine freie Interpretation zu entfernen, nnd andererseits in Prosa wie in Poesie alles Jüdische und alle hervorragende Männer des jüdischen Alterthuins zu preisen und zu verherrlichen. So wird z. B. die biblische Andentnng, das! Schrecken und Angst in den Umgebungen von Sichen! vor den Söhnen Iakob'ö herrschte, zil einem epischen Stoffe für einen jüdisch - alerandrinischeit Dichter werden, der,!eine Fantasie frei walten lassend, eine jüdische Ilias dichtet, Dina zu einer Helena, Sichern zu einem Troja und Juda zu einem Achill macht. Wir werden auch sehen, wie dieses alerandrinische EvoS nach dem Zeugnisse des kleinen Midrasch Wajisau in Judäa Eingang findet, gleichwie die Attribute des alerandrinischen Logos im palästinischen Midrasch aus die Thora übertragen wurden. Dabei kann und wird man nicht in Alerandrien stehen bleiben. Es muß und wird ein Kamps entstehen gegen die Göttcrwelt, die Unsittlichkeit und die Han- Herzigkeit der Heiden; ja, man wird, überrascht von den erhabenen Ideen einzelner heidnischer Denker, die Letzter» als Schüler der Juden darstellcn. Anch die inneren sozialen und religiösen Verhältnisse der alerandrinischen Inden werden unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. Wie im Mittelalter in säst allen Ländern der Erde werden wir unsere Glaubensbrüder in Alerandrien nicht bloö Handwerke treiben, sondern auch als Vermittler des Handels sehen. Hat diese letztere Beschästigütig von Seiten der Beschränktheit uns den Vorwurf des Schachers gezogen, so bleibt eS der bessern Einsicht in die Elemente deö gesellschaftlichen Lebens Vorbehalten, den Inden als Kausleuten volle historische SatiSfaktion zu v er schassen. Wie wird ferner der Kultus bei den alerandrinischen Juden sich gestalten? Wie eng oder wie locker wird das Band sein, das sie mit Palästina verknüpft? Was wird aus der Kenntniß der heiligen Sprache werden, in einer Umgedüng, deren Idiom gar keine Verwandtschaft, wie daS Aramäische, mit dem Hebräischen hat, und was werden die Fol« gen der Unkenntnis! sein? Aus welche Seite des Iudenthums, aus dessen ideelle oder gesetzliche, wird man den Hauptton legen? Werden auch dort verschiedene religiöse Richtungen sich geltend machen? Werden die Einen Sklaven des Buch« stabenS sein, und die Andern denselben bis zur Unkenntlichfeit verflüchtigen? Wird daS Zusammenleben und Zusammenstreben mit anderen Nationen die religiösen Anschauungen ganz unberührt lassen? Werden Ehrgeiz und Ruhmsucht, Rationalismus und Indifferentiömuö zum Absalle von Väterlichen Glauben führen? Wird dort auch die gedankenlose Masse die Krone der Frömmigkeit auf das Haupt derer setzen, welche eine minutiöse äußerliche Beobachtung und Aus- Übung von religiösen Formen und Symbolen zur Schau tragen? Welchen Niederschlag werden die alerandrinischen Juden in der Geschichte ihres Volkes und in der der Menschheit zufücklassen? Lauter Fragen, deren Beantwortung keinen denkenden Israeliten gleichgiltig lassen kann, und die den Gegenstand unserer künftige Vorträge bilden soll.

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