Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 3 (1860)
- Issue
- 12 (1.12.1860) 1.Hälfte
- Date
- 1860-12-01
- Page
- Seite 644 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 644— wird die Geschichte der an Gütern des Geistes und der Erde reichen jüdischen Kultusgemeinde in Wien unter folgenden Rubriken behandelt: Der Tempel I. Biografische Skizzen: I. N. Mannheimer, S. Sulzer, M. 8• Biedermann, I. L. Edler v. Homannsthal, H. Sichrovsky. Der Tempel II. Die Religionsschule. Fromme Stiftungen und Wohlthätigkeits-Jnstitute (21 an der Zahl). Nachwort. Anhang (die israel.-türkische Gemeinde). Die politische Geschichte dieses Zeitraumes will der Vers, später ausführlich behandeln. In religions-geschichtlicher Beziehung ist die Geschichte der Entstehung des Tempels und der in demselben getroffenen Einrichtungen (9—33) ohne Zweifel die interessanteste Partie des ganzen Buches. Je unbestrittener es ist, daß der Wiener Tempel zahlreichen Synagogen des In- und Auslandes als Muster- und Vorbild gedient hat, desto willkommener muß Vielen seine Entstehungsgeschichte erscheinen. Die Darstellung des Hrn. Vers, scheint uns indes trotz ihrer Ausführlichkeit erheblicher Ergänzungen bedürftig zu sein. Was zunächst den Umstand betrifft, daß seit 1820 die Synagogenreform und in Sonderheit der Gebrauch der deutschen Sprache beim Gottesdienste von der Regierung begünstiget wurde, hätte hervorgehoben werden sollen, daß diese Tendenz mit dem Geiste, welchem die Karlsbader Beschlüsse und die Wiener Schlußakte ihren Ursprung verdanken, genau zusammenhängt. Dem polizeilichen Mißtrauen jener Zeit mußte es mißliebig sein, daß in den Synagogen eine Sprache gebraucht wird, welche die meisten Polizeiagenten nicht verstehen. Andererseits mag man auch darauf gerechnet haben, daß der deutsche Ritus auf die zu fördernde Religiosttät der deutsch redenden Juden einen wirksamem Einfluß ausüben werde, als der hebräische. Daher lag es auch in der Absicht der Regierung, den Gebrauch auch anderer lebender Sprachen beim jüdischen Gottesdienste zu begünstigen, vorausgesetzt, daß sich die Juden dieser Sprachen überhaupt bedienen. Daher der Ausdruck ״Landessprache" in dem S. 15 angeführten Erlasse, welchen Dr. W. mit einem? begleiten zu müssen glaubte. Die Vertreter der Wiener Israeliten nahmen keinen Anstand, auf die reformatorischen Absichten der Regierung einzugehen. Es waren zu jener Zeit in der Wiener Gemeinde Elemente vor- Händen, welche für die Hamburger Neuerungen von 1818 viel Empfänglichkeit hatten. Man wird dies sehr natürlich finden, wenn man bedenkt, daß schon im vorigen Jahrhundert die Berliner Aufklärungs- und Bildungsversuche in Wien nicht ohne Nachwirkung geblieben waren. Moses Mendelssohn hatte daselbst einzelne Verehrer, und Benedikt David Arnstein war schon 1782 als drama-