Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 3 (1860)
- Issue
- 11 (15.11.1860) 2. Hälfte
- Date
- 1860-11-15
- Page
- Seite 623 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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gibt hierüber Aufschluß. — Will man einen Maßstab für die Anhänglichkeit der Israeliten an ihre Landessprache, so darf man ihn nicht in der Schule, sondern im Leben suchen. Und da stellt sich heraus, daß die Juden zwischen Donau und Theiß, überhaupt im ganzen Osten nicht allein gleiche Fertigkeit im Ausdrucke mit ihren übrigen Mitbürgern haben, sondern auch'unter einander als Umgangssprache mehr oder weniger die ungarische gebrauchen. Im Preßburger und Oedenburger Distrikte ist ste — die deutschen und slavischen Ortschaften abgerechnet, allenthalben der Kinder, oder vielmehr der Kleinkindersprache, denn da die Schulen deutsche sind, so bedarf es nur eines Jahres, und das Kind hat seine mitgebrachte Muttersprache vergessen. So lange unsere Schulen unter deutschem Einflüsse standen, mußte natürlich das Deutschthum in demselben immer mehr Platz greifen. Bei der neuen Gestaltung der Verhältniffe aber steht zu erwarten, daß unsere Glaubensgenossen den Aufforderungen von Außen zuvorkommend, ungesäumt Anstalt treffen werden, daß in ihren Schulen mit der Zeit die ungar. Sprache ausschließlich Unterrichtsu. Verkehrssprache; die deutsche aber, wie bisher die ungarische, in besondern Stunden als zweite Landessprache vorgetragen werde. ״Mit der Zeit", sagte ich erstens darum, weil in den oberen Klaffen vieler'Schulen der Bibel- und Rechenunterricht mit Ungar. Unterrichtssprache vor der Hand noch nicht ausführbar wäre, also vorläufig nur mit den unteren Klassen begonnen werden könnte, weil, wie erwähnt, alle kleinen Kinder ungarisch sprechen; zweitens, weil es wenige Schulen gibt, wo sämmiliche Lehrer die erforderliche Fertigkeit, oder auch nur die Kenntniß dieser Sprache besäßen, und man schlechterdings unseren nichtuugarischen Kollegen zur Erlernung derselben Zeit lassen muß. Ich glaube nicht, daß es Stimmen geben werde, welche das Prinzip der Stabilität, des Festhaltens am Herkömmlichen, in Sachen des Kultus auch auf die Sprache werden ausdehnen wollen, und als unstatthaft angesehen werden, Bibel mit ungar. Übersetzung lehren zu lassen. Wenn Deutsche von Geburt und Natron als Bewohner Ungarns ihre Sprache nicht verleugnen wollen, so wäre dies vielleicht zu entschuldigen; wir Juden haben aber keine Nationalspräche — wenn man nicht etwa unfern Volksjargon zu den deutschen Jdiomeu zählen will — und wir versündigen uns gegen eine wichtige Bürgerpflicht, wenn wir unterlassen, dem Beispiele der israel. Bewohner anderer europäischer Länder zu folgen, und die Sprache unseres Vaterlandes als unsere Mutterspräche zu adoptiren. Wie hätten es dann unserer eigenen Schuld beiznmeffen, wenn wir — auf solche Weise dem Separatismus Vorschub leistend — auch die Folgen desselben zu erfahren hätten. Es wird nicht überflüssig sein, hier über den Unterricht selbst Einiges folgen zu lassen. Mein 'mehrjähriges Wirken als Lehrer des Ungarischen an der vierten Klaffe der Keeskemäter Hauptschule berechtigt mich zu einem diesfälligen Urtheile. Es ist zu verwundern, daß die seit Jahren florirenden Methoden zur Erlernung der Sprachen Ln unseren Schulen noch keine Aufnahme gefunden haben. In allen mir bekannten Schulen bestehen für den ungarischen Sprachunterricht Lesebuch und Sprachlehre. Zur Einübung der Sprachregeln fehlt es an einem methodisch geordneten Aufgabenbuche und ein Lesebuch — welches? ist bis jetzt eine unbekannte Größe — fördert nicht die Sprachkenntniß der Kinder. Unsere Schüler. sollen es aber weiter als bis zum gewöhnlichen Küchenungarisch bringen. An einem Schüler der vierten Klaffe stelle ich die Anforderung, daß er einen ungarischen Aufsatz, dessen Inhalt seinem Wissenskreise nahe liegt, verstehe, und auch selbst korrekt schreibe. Es ist oft die Frage aufgetaucht, warum denn die Fortschritte der Kinder im Ungarischen nicht gleichen Schritt mit den Deutschen halten, da doch beiden Fächern eine gleiche Stundenzahl eingeräumt ist; aber man hat dabei vergessen, daß jeder Schüler bei allen Lehrfächern , also den ganzen Tag, deutsch lernt, während