Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 3 (1860)
- Issue
- 11 (15.11.1860) 2. Hälfte
- Date
- 1860-11-15
- Page
- Seite 595 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 595 — einzige Stunde im Tage dem nachleben kann, was das Gesetz und die Rabbinen gebieten, dennoch an diejenigen, unter denen er lebt, die Forderung stellen kann, daß sie Vertrauen zu ihm und Achtung vor seinem Wandel haben sollen. Sie, werther Herr Doktor, werden mir die Beantwortung dieser Frage gewiß nicht versagen. Es ist kein müßiges Gedankenspiel, welches mich veranlaßt hat, ste aufzuwerfen; sondern es ist vielmehr ernste Wirklichkeit, welche mir die Beantwortung dieser Frage in hohem Grade wünschenswerth macht. Ich habe mir erlaubt, Ihnen diese Frage vorzulegen, da Sie Ihrer Stellung zufolge dieselbe am besten beantworten können, und ich erwarte um so mehr, daß mir diese Gunst erwiesen werde, da Sie mir zur Zeit, als Sie mit meinem seligen Vater in einem Hause wohnten, und ich mir die Freiheit nahm, Ihre Hochwürden zu besuchen, mir mit so vieler Aufmerksamkeit entgegen kamen. Das Heu verdorret, die Blume verwelket, denn des Herrn Geist bläst darein. Ja, das Volk ist das Heu. Das Heu verdorret, die Blume verwelket, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich (Jesaj. 40. 7. 8.). Dieses ist meine Ueberzeugung, wie sie die Ihrige ist, und indem ich diese mit dem Wunsche ausspreche, daß Sie, da Sie auf den Herrn harren, neue Kraft bekommen mögen, daß Sie auffahren mit Flügeln wie der Adler, daß Sie laufen und nicht matt werden, daß Sie wandeln und nicht müde werden (Jesaj. 40. 31.) zeichne ich mit Hochachtung Ihr ergebenster Antwort des Rabbiners. Euer Wohlerwürden sehr geehrtes Schreiben, welches mich als Beweis, daß Sie meine geringe Person noch in freundlicher Erinnerung haben, außerordentlich erfreut hat, mußte mich nichts desto weniger unangenehm berühren, da es mir eine Frage vorlegt, welche Jeder, der von reiner heiliger Liebe zu seinem Nächsten beseelt ist — offen und geradezu ausgesprochen — sich nicht veranlaßt fühlen wird, 36*