Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 3 (1860)
- Issue
- 11 (1.11.1860) 1. Hälfte
- Date
- 1860-11-01
- Page
- Seite 587 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2542917-2543076-2543090--1819-2545539- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 587 — laßt worden zu sein, einen Tag nach dem Jom Hakippurim auf den Büchermarkt hinaus. Die Brochure betitelt: ״Nothwendigkeit und Maß einer Reform des jüdischen Gottesdienstes. Ein Wort zur Verständigung" soll also offenbar nur ein Fühler sein, um die öffentliche Meinung zu sondiren. G. gesteht zwar zu, daß eine vollständige Neugestaltung des Kultus nicht angestrebt werden kann, denn ״die Kraft der religiösen Lebensäußerung liegt nicht btos in dem individüetlen Gefüble, sondern vorzüglich in dem lebendigen Zusammenhänge des Einzelnen mit einer auf gleicher Grundlage ׳ stehenden Gesammtheit, in dem festen Anhalte an einer großen, erinnerungsreichen Vergangenheit", aber hintendrein behauptet er dennoch, daß ״die Gegenwart zu einer plötzlichen, unruhigen Umgestaltung gedrängt wird, und die jüdisch-religiöse Reform kann nicht jenen ruhigen, gleichmäßigen Schritt wandern, ״der befestigt, ohne zu erschüttern, die Befriedigung bringt, ohne zn verletzen." Und in der That hat er stch damit selbst sein Urtheil gesprochen, die von ihm vorgeschlagene Reform erschüttert und verletzt, ste entzieht seiner Gemeinde, die ohnedies blos durch lockere Baude mit dem gesetzestreuen Judenthume zusammenhängt, die letzten positiven Stützen, sie führt mit einem Worte geraden Weges der H.'schen Reform in die Arme. Mögen die Leser selbst urtheilen, ich will blos Einzelnes hervorheben: dte zweiten Festtage können für unsere Zeit keine Geltung haben, und sind mehr störend als förderlich, der achte Tag des Pesach und der neunte Tag des Hüttenfestes büßen alte Berechtigung ein, nur der zweite Tag des Neujahrs und des Wochenfestes stimmt mehr mit der allgemeinen Sitte überein, wonach wichtige Feste nicht blos auf einen Tag beschränkt werden, und ihre Erschöpfung erst in einer Doppelfeier finden." Wo liegt da die Konsequenz? Jüdische Festtage richten sich nach der allgemeinen Sitte!" — Am Versöhnungstage, meint der Verfasser, haben wir genug, ja, wir müssen ihn von dem lästigen, ihn karrikirenden Doppelgänger (dem Hoschana Rabba) befreien. Den Sabbaten traut G. nicht die Kraft zn,. einen großen Theil der Gemeinde im Gotteshause zu versammeln, selbst wenn dieser alten Bedürfnissen zu entsprechen geeignet ist; das Gotteshaus muß sich auf einen kleinen festen Kreis und zufällige Besucher beschränken", und ״ein etwa alle vier Wochen stattfindender feierlicher Sonntag - Gottes d ienst" wird den Zweck erreichen , einen großen Theil der Gemeinde wieder die Gelegenheit zu gemeinschaftlicher Andacht zu verschaffen" Tefillin und Thallith sollen dem freien Ermessen des Einzelnen anheimgegeben sein, den Priestersegen ertheilen nicht die Kohanim. sondern eine Auzahl aus den Gemeinde-Mitgliedern" unter Anführung des Rabbiners". Eine ernste Musik soll den Schofar ersetzen, statt ל קולות wird jedenfalls an zehn Stößen genug sein. Bei dem Feststrauß überläßt es G. wieder den Einzelnen, nach seiner Ueberzeugung zu versehen, ״wenn nur der ästhetische Sinn dadurch nicht verletzt wird." Die Feier- und Festtage müssen mehr wegen der Weihe des Gemüthes, welche sie bewirken, als wegen ihrer einmal angenommenen Einsetzung gewürdigt werden; ״ein öffentlicher Gottesdienst ist für