Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 3 (1860)
- Issue
- 6 (1860)
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 275 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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— 275 — weisesten, sie erst dann zu lehren, da der Verstand die nöthige Reife erlangt hätte. Aber würde sie dann auch so wirksam sein, als man wünscht? Was keine Schwärmer bilden kann, das bildet auch keine Begeisterte. Wir aber müssen wohl die Schwärmerei verhüten, können aber auf die Begeisterung nicht verzichten. Kurz und gut! die Religion kann wohl künstlich als Begriff dargestellt, zum Gegenstand der Erkenntniß erhoben werden, — entspringt aber nicht aus derselben. Man hat wieder versucht sie blos als im Gemüthe wurzelnd zu betrachten, — ein Versuch, den Mystiker wie Atheisten unternommen haben. Ein Feuerbach leitet sie nur aus der Furcht z. B. ab, andere aus einem Seeligkeitsgefühl. Pädagogen, die von dem Gesichtspunkte ausgingen, glaubten nichts besseres thun zu können, als schmuckreiche Phantasmen, überfließende Salbadereien aufznbieten, nnd mit dem eckelhasten Inhalte eines überreichen Thränensackes die Ktnderseele zu besudeln. Wir könnten über diese Ansicht ganz einfach hinausgehen, denn ein Gegenstand des Gefühles ist ohnehin kein Unterrichtsfach einer bloßen Schule. Wer will in Gefühlen Stunden geben, in Gemüthszuftänden Lektionen ertheilen? Niemand kann Punkt so und so viel Uhr so oder so gestimmt und gesinnt sein, wie der Lektionskatalog es vorschreibt. Gefühle werden geleitet, erzogen, gelegentlich geweckt, aber nicht nach Kapiteln und Paragrafen dressirt. Uebrigens lehrt uns die Geschichte sattsam, in welches Ertrem der Gottlosigkeit gerade die Ueberreizung und Uebersättigung der religiösen Gefühle führen kann. Doch auch den dritten Weg hat man versucht, wenn auch nicht mit bewußter Thätigkeit. Man hat die Religion blos als Regulativ des menschlichen Willens durch den Willen des Allerhöchsten aufgefaßt. Man hat sie weder als Gegenstand für das Denken noch als Anregung für das Fühlen, sondern als Leiterin des Begehrungsvermögeus, als bloße Norm für das Streben aufgefaßt. Man hat sie einfach als ein höheres Gesetz hingestellt, das sich selbst Grund genug ist, in dessen Zwecke keine Einsicht gegeben werden muß, und das an sich und durch seine Vollziehung heiligt. So dachten die Rabbinen der letzten 2 Jahrhunderte fast durchgehends. Für die Religion war kein Theorem, keine Gefühle