Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 3 (1860)
- Issue
- 6 (1860)
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 274 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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— 274 — Wir haben drei Grundvermögen der Seele: Erkenntniß, Gefühl und Streben ist ihr Produckt; das höchste Ziel der Einen ist die Idee der Wahrheit, die Bildung zum Schönen ist die Blüthe des Zweiten, auf die Erziehung zum Guten und Edeln weiset das Dritte hin. Aus welchem Grundvermögen entspringt die Religion? und wohin tendirt sie? Wird sie durch Bildung des Verstandes erzielt? Hat sie einen Lehrbegriff zum Inhalte? Oder ist sie eine Regung des Gemüthes, und wird geweckt wie Gefühle anderer Art? Oder erfaßt sie blos den Willen, ist sie ein Streben, das geleitet werden soll? In der That wurden alle diese Fragen schon hie und da bejahet. Man hat das Problem vom Ursprünge der Religion erstlich ganz einfach dahin zu lösen versucht, sie als Produkt verständiger Resterion hinznstellen, etwa so: Alle Wirkung muß eine Ursache haben — also muß es eine letzte und höchste Ursache geben. Allein ein Blick in die Geschichte reicht hin, uns zu überzeugen, daß die Religion viel älter, als das Denken darüber war. Es ist dem menschlichen Geiste wohl Bedürfniß alles in begrifflicher Form zu fassen, zu construiren, subsumiren und es sprachlich darstellbar, dem Verstände faßbar zu machen. Aber kein Volk der Welt wird zngeben, daß seine Religion eine ersonnene, erdachte, aus Prämissen erst construirte sei. Keiner will sein Gottbewußtsein als eine erst gemünzte Wahrheit, die man nur auf's Brett hinzählt, gehalten haben. Jeder findet es in sich, nrständig, angeboren und urwüchsig, wohl durch Belehrung bereichert, berichtiget, abernicht entstanden. Ja noch mehr! Wo in einem Zeitalter die Ueberbildnng es dahin gebracht hatte, die Religion blos auf dialektische Abstraktionen zurück zn führen, da trat das Gemüth um so dringender mit seinen Forderungen hervor. Zeiten des Verfalls, (wie die der Alexandriner, des Untergangs Roms, die letzten Jahre vor der Reformation) denen der Rationalismus den vorherrschenden Charakter verleiht, geben ein trauriges Bild bunt mit einander verschlungener Erscheimmgen, wo neben Skepticismus und hohlem Atheismus tolle Schwärmeret, Sybillenwesen, Alchemie und Astrologie ihr Unwesen treiben. Wäre endlich die Religion nichts als eine Erkenntniß, ihr Inhalt nichts als eine Wahrheit, so wäre es in der That am