Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 3 (1860)
- Issue
- 4-5 (1860)
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 183 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 183 rungen wird mein Mitgefühl für Anderer Noth nicht erkalten lassen, das gewohnte einfache Leben wird mich unabhängig erhalten, die Erinnerung, wie wohlthuend eine freundliche Ansprache auf mich während meiner kärglichen Eristenz gewirkt, wird meinen Sinn milde, meinen Geiss duldsam, mein Gemüth friedlich stimmen, daß es nicht in anmaßender Rechthaberei ausarte —> o, es war eine gute Schule, durch die du mich führtest, mein Gott! Habe ich sie aber auch gut genug benutzt? werden meine Kräfte dieser Ausgabe auch gewachsen sein? ist mein Wille nicht stärker als meine Befähigung? werde ich den Anforderungen, die man an den Rabbiner zu stellen berechtigt ist, auch wirklich entsprechen, oder' werde ich, wie eine halb reise Frucht, die Zähne nur stumpf machen, ohne zu sättigen? war mein Selbstvertrauen nicht zu groß, als ich die Hand ausstreckte, die Früchte meiner Bemühungen jetzt schon zu pflücken?-Doch, was soll die Reflexion, es ist zu spät, ich kann nicht mehr zurück, wenn ich auch^für meine Person auf meine noch nicht angetretene Stellung verzichten wollte, was würde mein guter Vater, meine gute Mutter sagen, würde ich sie nicht in ihrem Stolze kränken, im Innersten des Herzens verwunden? nein, ich kann nicht zurück. Dir, mein Gott, stelle ich es anheim, Du wirst mir —" *). In dieser Gedankenreihe wurde ich gestört, der Briefträger trat ein, und gab mir einen mit einem großen Gemeindesiegel versehenen Brief, er war von N. 19. Juni Nachts. Ihr schlafet ruhig, meine geliebten Aeltern, kein Schatten von Kummer lagert auf euer ehrwürdiges Angesicht, nichts trübet euere Freude, mich sobald am Ziele meiner und euerer Wünsche angelangt zu sehen. Ach, ihr habet keine Ahnung von dem, was mich drücket, ihr kennet den Inhalt;des Briefes nicht der mich so entmuthigt, so niedergeschlagen macht, und die letzten drei Nächte, die ich noch im Vaterhause zubringen soll, mir den Schlaf verscheuchen wird. Vor einigen,Munden noch — wie frohen Muthes war ich, wie schön malte ich mir mein Auftreten aus, wie freudig, wie stolz hob sich mein Herz in dem Gedanken: das Wohlwollen und die Freundlichkeit einer ganzen Gemeinde wird mich empfangen — und nun wie ganz anders gestaltet es sich in Wirklichkeit! es ist kein Jrrthum, da steht es ja deutlich in dem Briefe ״Wir haben Euer Ehrw. nicht umsonst vor vier Wochen ersucht, die für den Einzug festgesetzte Zeit um 14 Tage abznkürzen; da es nun nicht geschehen ist, so müssen wir wieder ersuchen, die Abreise wenigstens auf 14 Tage hinanszuschieben; denn es haben sich hier Parteien gebildet, die das persönliche Auftreten Euer Ehrwürden vor 14 Tage noch hätte beschwichtigen können, was jetzt nicht der Fall sein dürfte". ... Ist das vielleicht der Vorbote eines nachfolgenden gänzlichen Absagebriefes? Und wenn es auch nicht anders als ein bloßer Aufschub wäre, der heitere Himmel, der sich über mich spannte, bleibt nichtsdestoweniger verdüstert. ') Aus dem Tagebuche.