Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 2 (1859)
- Issue
- 11 (1859)
- Date
- 1859-01-01
- Page
- Seite 500 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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— 500 21. Gnosis und Praxis im nachthalmudischen Mittelalter. Die thalmudische Zeit indentifizirte Religion und Theologie. Daher war ihr das Judenthnm eine Religion, welche ganz vorzüglich den Verstand und das Urtheil in Anspruch nimmt, und deren wärmste Freunde nichts Wichtigeres zu thun haben, als religionö-gesetzliche Spezialitäten zu untersuchen und zu diskutiren. R. Abuhu in Cäsaren, ein berühmter Lehrer des dritten Jahrhunderts, schickte seinen Sohn an die Schule zu Tiberias. Auf die Frage nach dessen Fortschritten erhielt er den Bescheid, der Jüngling zeichne sich durch fromme Liebeswerke, namentlich durch seinen Beistand bei Leichenbegängnissen, sehr vortheilhaft aus. Der unbefriedigte Vater schrieb hierauf seinem Söhne, ans 2 M. 14, 11. witzig anspielend: ״Sind denn keine Gräber in Cäsaren, daß ich dich nach Tiberias geschickt habe (j. Chag. 1, 7.)?" — Einen jungen Akademiker traf nun dieser Vorwurf mit vollem Rechte. Aber die darin enthaltene Erhebung der Gnosis über die Praris beherrschte die ganze Lebensbetrachtung nicht nur der thalmndischen Zeit, sondern auch des nachthalmudischen Mittelalters. Die fortschreitende Kultur und der zunehmende religiöse Geist brachten cs mit sich, daß die alte Kluft zwischen Gelehrten und Nichtgelehrteu unter den Juden deö Mittelalters um ein Beträchtliches enger wurde. Die Nichtgelehrten waren beflissen, sich den Formen und Normen der Schule zu fügen, und so mußte auch diese geneigt werden, ihnen entgegen zu kommen. Ans diesem Grunde wurden halachische und haggadische Elemente in die Liturgie ausgenommen. Dadurch sollte dem Nichtgelehrteu Gelegenheit geboten werden, sich einigermaßen am Thorastudium zu betheiligen. Schon aus dem thalmndischen Alterthnme stammte die Akkomodation, daß durch die Rezitirung des Morgen- und Abendschema'ö die Pflicht des fleißigen Forschens im Gesetze erfüllt werden könne JS), ohne daß man sich jedoch darüber einigen konnte, '*) Diese Akkom. verdankt nicht R. Sim. B. Jochai, sondern R. Simon B. Jachozadak ihren Ursprung, wie.schon Wolf Boskowitz richtig bemerkte.