Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 2 (1859)
- Issue
- 6 (1859)
- Date
- 1859-01-01
- Page
- Seite 272 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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— 272 Die Rabbiner in Söhnten*), m. Der Wirkungskreis ״Der Rabbiner soll wirken!״ ist das allgemeine Kriegsgeschrei; darunter versteht man aber nicht die pünktliche Erfüllung seiner gesetzlichen und vertragsmäßigen Bernfspfüchten, wie die Entscheidung ritueller Fragen, die Predigt, die Ertheilung des Religionsunterrichtes, die Vertretung der Gemeinde nach Außen — sondern ״er sott wirken" ist eine gangbare Münze, die überall Kurs hat, und besonders als Scheidemünze Wesentliches leistet, obschon Jeder meint, es komme ihm noch was heraus, da sie doch eigentlich nur als Herausforderung ausgegeben wird. Solche allgemeinen Phrasen sind für die Malkontenten die bequemsten Schürhaken, um die Flamme der Zwietracht zu ,schüren. Wie doch die Zeiten sich ändern können: Von den frühern Rabbinern wurde gerade das Gegentheil verlangt; die dursten ja bei Leibe nichts wirken, weil jedes Wirken das Streben nach Veränderung als Ursache, und das Heraustreten aus dem starren Konservatismus zur Folge haben muß, und weil das Wirken im ״Lernen" stört; der Rabbiner aber soll ״lernen" und nicht mit דברים בטלים seine Zeit vergeuden. In der Studirstube sollte er seinen Wirkungskreis, in beit ספרים seine Berufssphäre erblicken, er sollte nicht פוסק פומי' מגירסא sein und חריפות ובקיאות seines Strebens höchstes Ziel und seines Amtes höchste Würde betrachten. Je unsichtbarer daher in früherer Zeit der Rabbiner nach Außen, je mehr er sich in seiner Klause hinter seinen Folianten verschanzte, d. h. je unzugänglicher er sich machte, desto unangreifbarer stand er da; und je unverständlicher seine Sprache, je abstoßender sein Wesen, je gleichgültiger gegen alles außerhalb des Pilpul und der Halacha Stehende, desto undurchdringlicher war der Nimbus, der ihn umgab, und desto allgemeiner war die Zufriedenheit mit seinen Leistungen. ״Lernen" und ״Wirken", das ist die Grenzmarke zwischen dem Jndenthum und Rabbinismus der Vergangenheit und Gegenwart! Unsere Väter wählten mit dem Gewissen, und das ist anspruchslos, wir wählen mit dem Verstände, und der ist berechnend; unsere Väter sagten: wir brauchen einen Vertreter vor Gott, je ferner der Welt, desto näher der Gottheit, desto wirksamer seine Vertretung; deßhalb darf keine äußere Last ihn belästigen, muß er jeder Verbindlichkeit entbunden sein, und keine Rücksicht haben für Persönliche Rücksichten. Wir aber sagen: wir brauchen im Rabbiner einen ergebenen Diener, für unsere Kosten muß er leisten, lassen wir ihn nicht verkümmern, so muß er auch um uns sich kümmern, sollen wir ihn ernähren, so muß er uns ehren, sotten wir ihm geben, so muß *) S. L. Heft S. 85. 3. Heft S. 128. 4. Heft S. 180.