Mannheim
Compact Memory

Ben Chananja · 1859-01-01 · 5 (1859) · p. Seite 223

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
2 (1859)
Issue
5 (1859)
Date
1859-01-01
Page
Seite 223 (sequence 31)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2542917-2543094-2543100--0842-2544530
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 223 — Lorreszwndenz. Pest, im April 1859. Die Stunde der Entscheidung hinsichtlich der Besetzung des hiesigen Rabbinerstuhls rückt immer näher. Wie bekannt, hat die hiesige Gemeindevertretung mehrere Kandidaten ausgestellt, die eingeladen werden sollen, Probepredigten zn halten. Einer dieser Kandidaten, Hr. Dr. Schmiedl, Rabbiner in Proßnitz, hielt nun auf Einladung des Vorstandes in den hiesigen Synagogen Kauzelvorträge, und zwar nach seinem eigenen Wunsche am 27. März Vormittags im Kultus-Tempel eine Predigt, und an demselben Sabbath in der großen Synagoge eine Derascha. Sollen wir nun unsere Meinung über diese Proberedeu abgeben, so müssen wir offen bekennen, daß wir eine Probepredigt überhaupt von zwei Seiten betrachten. Entweder legt nämlich der Redner in dieselbe den ganzen Schatz seines Wissens, die ganze Frucht seines׳ Studiums, seiner Erfahrungen und Kenntnisse nieder, oder er hält eine Gelegenheitsrede, über Nacht gearbei- Let, wo das Drängen der Zeit, die Ungeduld dem Gedankenfiuge Einhalt thut, den Jdeengang hemmt und dem Ganzen einen geistigen Hemmschuh anlegt. Anderseits befindet sich der Redner selbst in einer sehr schwierigen Situation, indem er das Publikum, vor das er hintritt und das quasi über ihn zu Gerichte sizt, nicht kennt. Er weiß nicht, wie hoch er steigen darf, um verstanden zu werden, und wie tief er sich herablaffen darf, um nicht zu Mißdeutungen Veranlassung zu geben. Soll er für's Herz oder für den Verstand sprechen? Soll er loben oder tadeln? Soll er dieser oder jener Partei, die jedes Wort gierig auffängt und deutet, Recht geben? Er muß somit wie ein geschickter Schiffer alle Klippen zu umschiffeu suchen, um nicht an irgend einer gefährlichen Stelle zu scheitern und sein mühselig aufgebautes Gebäude in Trümmer zerfallen zu sehen. Er muß kavirett, um allen Parteien Recht zu thun. Daß das Ganze dadurch leidet, daß man aus einer solchen Rede keine Konsequenzen ziehen kann, daß dadurch die Rede nnd die Ideen siebartig werden — Jedem zum eigenen Gebrauch zu Recht gemacht — daß wird Jedermann einsehen und erklärlich finden. Aus diesen Gründen ist eine sogenannte Probepredigt für uns nicht maßgebend, und eignet sich dieselbe auch sehr schwer zu einer für die Folge stichhaltigen Beurtheilung. Wir wollen somit von einer eingehenden Besprechung der Predigten selbst abgehen nnd nur auf den erzielten Erfolg zurückkommen. Dieser war für Hrn. D1\ Schmiedl sowol in der Predigt als in der Derascha ein in jeder Beziehung höchst günstiger und fchmeichelhafter, er hat das große Publikum vollständig zufrieden gestellt, wenn auch Einige auftauchten, die diese Vorträge nur als Ausstattungsstücke,׳ als schöne Anshängschilder anerkennen wollen, oder als ein schön aufgepuztes und geschmücktes Hans betrachten, dessen äußerer Tand und Flitter die Schwächen und Unregelmäßigkeiten des ganzen Baues verdecken sollen. Was Jedermanu diesen Vorträgen nachrühmen muß, ist die schöne, feurige Sprache, die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.