Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 2 (1859)
- Issue
- 5 (1859)
- Date
- 1859-01-01
- Page
- Seite 221 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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221 — Was können mr vom alten ״Cheder" lernen? Entgegnung von S. Schuh, Oberlehrer Ln Kunitz. (Schluß.) 4. Wie anders das Bochrrl, kaum hat es buchstabiceu gelernt, als es schon mit kühner Hand nach dem Don Carlos griff re. — Ich frage: Welcher Geist war es denn, der die Thalmud-Jünger — denn der Herr D1\ begeht eine Anachronismus, wenn er dies von dem Cheder-Schüler behauptet — zu Schiller hiuzog? War es das Erhabene, das den Dichter über Menschen und Ereignisse stellt und beide aus einem eigenen Gesichtspunkte erschauen läßt? Was hat denn das Cheder geboten, das nur eine Vorahnung, einen Abglanz, einen Morgenschein einer einzigen Schillerschen Idee hätte erzeugen können? Oder war es auch nnr die schwungreiche Kraftsprachedie Trefflichkeit der Bilder und Metaphern, die Einheit der Darstellung oder etwas dergl.? Nichts von all dem! denn gestehen wir es nur: Schiller war nicht der allein gefeierte Dichter der Jeschiboth, er theilte seine Lorbeeren mit Kotzebue, Clauren ward nicht verschmäht, und Cramer Lieblingsautor. Der allgemeine Drang des Meuschengeistes, mit Geistern zu kommuniziren war es, der, in der lezten Periode der thalmudischen Hochschulen, deren schlaftrunkene Jünger, von den Stralen der bereits hochstehenden Sonne geweckt, in so hastigen Eifer des Nachhclens versezte, daß sic nach Allem griffen, was nur gedruckt war. Das Kind ans nuferer Schule wird wol nicht nach Schiller greifen, soll es nicht, Schiller ist nicht Dichter des Volkes; aber es wird mit warmem Eifer in einer populären Natur- oder Weltgeschichte lesen, mit Interesse den Berichten einer Neisebeschreibnng, einer Länder- und Völkerkünde lauschen, und ihrem angeregten poetischen Geschmacke wird eine zweckmäßig getroffene Auswahl von Gedichten wohlthuend und bildend Zusagen. 5. Die Männer, welche heute als Sterne erster Größe am Horizonte des Judenthums glänzen, haben an Schiller's Tragödien bnchstabiren gelernt. — Hier muß ich mit Bedauern, trotz der persönlichen Hochachtung, die ich für Hrn. Di׳, hege, geradezu widersprechen. Wahrlich, jene mattglänzenden Punkte in unbestimmter Höhe, die an der halsbrecherischen Leiter Schitler'scher Tragödien ihren Standpunkt am Firmament erklommen, um von oben herab in die Finsterniß hineinzuschauen, statt sie zu erleuchten; jene als Sterne erster Größe zu erschauen: dazu, reicht Herschel's Teleskop mit allen seinen Verbesserungen nicht hin. Die meisten jüdischen, wirklichen Gelehrten unserer Zeit haben gründliche klassische und moderne Studien gemacht und sich so durch organische Ausdehnung ihres geistigen Volumens in jene Aetherhöhe emporgeschwungen, aus der sie ihr zitterndes aber hell leuchtendes Licstt herabwerfen in die Erdennacht der Cheder-Schöpfnng.