Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 2 (1859)
- Issue
- 2 (1859)
- Date
- 1859-01-01
- Page
- Seite 75 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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75 — das Judenthum zu keiner Zeit! Selbst das Mittelalter hat hierin manchen beachtenswerthen Beitrag geliefert, und die Bearbeitung der jüdischen Volkssagen, die A. Tendlau versucht hat, harrt noch eines Meisters. Freilich konnte der Jude nicht freudig aus voller Brust in den Volkseoncerten miteinstimmen, da ihn! in jenen finstern Jahrhunderten der Frohflnn, die heitere Stimmung, das thatkräftige und thatenreiche Leben fehlte. Er war mehr zum Leiden und Dulden als zum Handeln und Wirken verurtheilt! Doch ohne Poeste war das jüdische Leben nie! — Die Gotteshäuser wiederhaltteN stets von erhabenen Hymnen und feierlichen Narionalgesängen, und im stillen, bescheidenen Familienkreise, beim fröhlichen Mahle an den Sabbat- und Festtagen ertönten sinnige, erhabene Lieder! Das ärmste Mahl entbehrte nicht der Würze des Gesanges! Darum blieb auch die jüdische Hütte selbst unter den rohesten, gesähr- Lichsten Stürmen, die sie von außen umtobten, von der Ungunst der Zeit geborgen und geschüzt; denn Poesie, Sage und Lied weilten als abwehrende Schutzengel darin. Waren die lieblichen Sabbatgesänge zu Ende, so griff man mit Verlangen nach der Bibel, die gerade in der mit Sagen, Märchen, Legenden und Midraschim ausgeschmückten Uebersetzung, צאנך! וראנה, oder mit dem Raschikommentar, dem Gemüthe und der Fantasie reichlichen Stoff und erquickende Nahrung bot. Das sogenannte Jüdisch-Deutsche bietet für die Volksliteratur eine reiche Ausbeute, da das Neuhebräische trotz seiner Regenerirung doch im. Munde des Volkes niemals wirklich aufleben konnte. Eine Sammlung der alten jüdischen Volksbücher, Sprichwörter und Lieder dürste in unserer Zeit, wo so Vieles gesammelt und zusammcngetragen wird, nicht ohne Verdienst und Interesse sein. Die ומידות am Sabbate und nach dem Ausgange desselben, das מעון am Chanukaseste und endlich viele Stücke Ln der Haggada sind nach Inhalt und Melodie (die ebenfalls der Vergessenheit entrissen werden mögen) treffliche Volkslieder. Höchst zart und sinnig ist als Sabbatgruß des Gatten an seine Gattin beim Eintritte in die hellerleuchtete Sabbatstube der Lobgesang Salomo's auf das edle, biedere Weib, Sprüche 31, und andere paffende Psalmen und Stnfenlieder bei ähnlichen Veranlassungen. Gerade diese Seiten des jüdischeu Volkslebens geben demselben das schönste Zeugniß! Wo man singt, da laß dich ruhig nieder, Denn böse Menschen haben keine Lieder. Unter den Gesängen der Peffach-Haggada des deutschen Ritus ׳ sind am Ende einige kleine Lieder, die im Munde des Volkes noch jezt, wo es noch nicht von der Kultur beleckt ist, gar sehr beliebt sind und in slavischen Ländern sogar slavisch an den Peffachabenden gesungen zu werden Pflegen. Uober das Alter derselben läßt sich nichts bestimmtes angeben; Maimuni und Abudirham haben sie nicht gekannt, da sie Ln der sefardischen Liturgie fehlen. Die chaldäische Sprache des חד גדיא scheint für ein höheres Alter zu sprechen. Die deutschen Rabbinen des 17. und zum Theü des 18. Jahrhunderts, wo die Derascha sehr im Argen lag, benuzten sehr oft diese echt volksthüm-