Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 2 (1859)
- Issue
- 2 (1859)
- Date
- 1859-01-01
- Page
- Seite 74 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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— 74 — Zur Literatur -es Volksliedes. Von David Oppenheim- Bez.-Rabbiner in Gr.-Beeskerek. Von Pol zu Pol Gesänge sich erneu'n — Ein Sphärenkranz harmonisch im Getümmel — Laßt alle Völker unter gleichem Himmel Sich gleicher Gabe wohlgemuth erfreuen! Göthe. Die Literatur des Volksliedes und der Volkssagen gehört zu den gigantischen und erhabensten Schöpfungen der Neuzeit, zu deren Aufbau und Voltendung fast alle Nationen der Erde fortwährend Materialien liefern. Von Herder durch die ״Stimmen der Völker in Liedern" zumeist begründet, hat sie in einem halben Jahrhundert, befördert durch den ungeheuren Fortschritt eines auf philosophischer Grundlage beruhenden, vergleichenden Sprachstudiums, eine riesige, pyramidale Höhe erreicht, deren Endspitze sich noch gar nicht absehen läßt. Es ist dies ein herrlicher, babylonischer Thurmbau, woran die edelsten Geister arbeiten, um der Menschheit wiederum ״einerlei Sprache und einerlei Reden" zurückzugeben, und sie einst zu einer brüderlichen, harmonischen Einheit zn verbinden. Die Sprache des Herzens und des Gefühls, die Sprache der Poesie ist allen Völkern im Norden und im Süden eigen und angeboren. Hier schuf der Nationalgeist einen Homer, dort einen Ossi an! Das odi profanum vulgus et arceo des großen Römers, dem von einem allgemeinen Menschenadel und Menschenwerth nichts träumte, darf wol heute Niemand mehr ausrnfen, da oft in den Sagen, Liedern, Gesängen, Sprichwörtern und Fabeln dieses vulgus mehr Poesie und Weisheit, mehr Sinn und Geist ist, als in vielen gefeierten Produktionen der sogenannten Kulturstaaten alter und neuer Zeit! Auf dem Gebiete des Judenthums, das die erhabenste Literatur beflzt, konnten, nachdem die göttliche Sprache der Profeten und Psalmsänger verklungen, und der Volksgeist durch die Zerstörung des Tempels durch die Römer, obschon nicht völlig gebrochen, so doch tief gebeugt wurde, keine großartigen Schöpfungen mehr entstehen, und selbst das Wenige, das geleistet wurde, ging fast spurlos verloren. Das Volk hatte Mühe genug, aus dem Schiffbruche sein theuerstes Kleinod, sein heiliges Erbstück, seine Bibel, zu retten, und warf darum gleichgültig über Bord, was minder wichtig in seinen Augen war. Darum sind alle Apokrypher: und Pseudepigraphen, von denen die meisten ursprünglich hebräisch waren, z. B. der Spruchredner Sirach, das 1. Buch der Makkabäer, Judith u. dgl., nach und nach hem Judenthume abhanden gekommen und nur dem Sammelfleiße der Hellenisten und Alexandriner haben wir deren Rettung zu danken. Die Natur und Anlage des Thalmuds und selbst der Midraschim schloß natürlich die Poesie aus und nur die Sage, das Sprichwort, die Fabel und endlich die religiöse Dichtung wurde gepflegt und fand darin gelegentlich Aufnahme. Völlig unfruchtbar und unproduktiv aber war