Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 1 (1858)
- Issue
- 8 (1858)
- Date
- 1858-01-01
- Page
- Seite 372 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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— 372 — Das israel. Taubstummen-Institut in Maidlinz bei Wien. Von Abraham Hochmnth, Bezirks-Rabbiner. Sie gestatten mir wol, mit meinem Berichte Ihrem wackern Wiener Korrespondenten vorzugreifen 1). Ich glaube dies um so mehr thun zu müssen, als ich gestehen muß, daß alles, was ich, vor meinem Besuche der Anstalt, von deren vortrefflichen Leistungen gehört und gelesen hatte, weit hinter dem zurück blieb, was ich zu meiner unaussprechlichen Freude aus eigener Anschauung erfahren. Als ich von meinem Freunde Simon Szantö, dem rühmlich bekannten 2) Inhaber des ausgezeichnetesten israel. Knabeninstituts in Wien, das erste Mal in das Taubstummen-Jnstitut geführt wurde, war der Herr Direktor so freundlich, Einiges aus der Religionslehre zu prüfen. Wie erstaunte ich, einige Knaben das zweite Gebot, laut und vernehmlich, in der heiligen Originalsprache und in deutscher Uebersetzung aufsagen zu hören! und wie wuchs mein Staunen, als sie es in beiden Sprachen korrekt und fehlerfrei an die Schültafel schrieben, bis auf den einzigen kleinen und verzeihlichen Verstoß, daß ein Knabe anstatt 2^2 ״im Wasser", ״ בינייםin den Meeren" schrieb! Beim Niederschreiben dieser Zeilen wurde ich unwillkürlich an die vielsinnige Sage im Midrasch gemahnt, daß am Berge Sinai die Tauben hörend gemacht wurden, damit auch diese Unglücklichen der Offenbarung entgegen gehen, ihre majestätische Erscheinung sehen und ihr Donnerwort verneh« men konnten. — Wie viele unserer Elementar- und Hauptschulen vermögen solche Leistungen aufzuweisen, daß Knaben aus der vierten Klaffe im Stayde wären, das vierte, ziemlich lange Gebot in der Originalsprache fehlerfrei aufzuschreiben? Mit gleicher Sicherheit und Fertigkeit wurden Fragen aus den Glaubensartikeln beantwortet. Hieraus wurde Sprachlehre vorgenommen. Alle befragten Schüler zeigten eine bewunderungswürdige Fertigkeit und Leichtigkeit in der Kenntniß der Formenlehre, in der Verwandlung der Sätze aus der Einin die Mehrzahl, aus der aktiven in die passtve Form, und schrieben alles Diktirte orthographisch richtig und mit gehöriger Interpunktirung an die Tafel. Ich fand die Leistungen so frappant und ausgezeichnet, daß ich bald vergessen hätte, wo ich mich befinde, und daß ich in einer Schule für taubstumme Kinder bin. Das geistige Aussehen der Kinder, das bei manchen an Verklärung grenzt, Ließ es durchaus nicht errathen, und wenn man die freundlichen und ausdrucks- Volten Gesichter der Zöglinge mit denen ununterrichteter Taubstummen vergleicht, die gewöhnlich rohe und harte Züge haben, hat man die beste Gelegenheit, die ') S. 7. Heft, S. 326. 2) Aber für ״B.-Ch." leider viel zu schweigsamen. ked. ked.