Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 1 (1858)
- Issue
- 7 (1858)
- Date
- 1858-01-01
- Page
- Seite 333 (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
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— 333 der Sache gleicher Ansicht waren, und in unserm Zweifel beschlossen wir: Zweie aus unserer Mitte abzuordnen, um unfern frommen und gelehrten Oberrabbi ein Gutachten abzuverlangen. Dasselbe wurde uns schriftlich übergeben; es ist ein Verdammungsurtheil über den Choralgesang, aus folgenden Gründen: 1. Es können dem Herrn nicht gefällig sein jene fremdartigen Melodien in dem Munde muthwilliger Kinder, die wie in einem Schauspielhause herumhüpfen, und die erhabensten Gebete oft wiederholen, sogar bedeutungsvolle Wörter ungebürlich trennen. Jede Andacht ist dort fern: daher eine große Sünde mit dem Chore zu beten; 2. beruft sich der sehr gelehrte Herr Rabbi auf die Abschnitte 52, 53 und 61 im Orech chajim. Wiewol ich in den bezüglichen Abschnitten keinen Anhaltspunkt für das Interdikt zu finden vermochte, so war mir doch schon der erste Grund, sowie mein unbegrenztes Vertrauen in den frommen Sinn unseres Seelenhirten, genug, um mich zur Opposition gegen das Vorhaben des Kultusvorstandes zu bestimmen. Zufälliger Weise riefen mich Geschäfte nach Wien, wo ich eben noch verweile. Als ich am verflossenen Freitag Abend das Bedürfniß fühlte, das Gotteshaus zu besuchen, kam mir der Gedanke, heute meine Andacht in dem Kultustempel in der Seitenstättengaffe zu verrichten. Ich hatte wohl einen Lnnern Kampf deswegen; allein die Neugierde errang den Sieg. Wiewol ich Beruhigung fand, da ich bemerkte, daß die Eintretenden geräuschlos ihre Sitze anfsuchten und sich ganz still verhielten, selbst die neben einander Stehenden kein profanes Wort mit einander wechselten — während bei uns sehr häufig in der Betzeit die Leute die Köpfe zusammenstecken und sich nicht scheuen, über die örtliche Chronik skandalöse zu conferiren — trotz dieser beruhigenden Bemerkuug konnte ich mich doch der wehmüthigeu Gedanken nicht entschlagen: ״Wie schade, daß diese Räume durch theatralische Gaukelei entheiligt werden sotten!" Das Mincha-Gebet war ganz so wie bei uns zu Hause, nur daß — wie gesagt — hier mehr Rühe herrschte. Nun verkündete ein schwaches Geräusch die Annäherung des Chor-Personales. Aha.' dachte ich, jezt wird der Tanz beginnen! Das Blut fing zu wallen an in meinen Adern, und ich war nicht abgeneigt, den Ort zu verlassen; allein ich hätte mich mühsam durchdrängen müssen, und ich hätte mir eine Zurechtweisung von Seiten der Ordnung haltenden Kommiffarien zugezogen. Ich blieb. Daß der Oberkantor, so wie das Personale, in einem gleichen netten Costume erschien, das gefiel mir sogar. Die erste Strose vom לכה דורי wurde sehr anständig und in sehr würdiger Melodie gesungen; die Knaben standen ruhig, sprangen nicht und hüpften nicht, was auch während der ganzen Andachtszeit nicht geschah. Da ich durchaus gar nichts Anstößiges wahrnahnl, verdoppelte ich meine Aufmerksamkeit; umsonst! Ich mußte mir sogar gestehen, daß ich seit langer Zeit nicht so zur Andacht ansgemuntert wurde wie eben hier. Und als Herr Sulz er mit seiner kolossalen Stimme das Haus mit dem שמע ישראל füllte, da empfand ich etwas in mir, eine Regung, die, Mark erschütternd, so erhebend, so süß begeistern